Babylon Berlin – gehypt und überbewertet

Es hätte so schön sein können. Babylon Berlin (2017) als die große, deutsche Vorzeige-Serie, die das Berlin der Weimarer Republik kurz vor ihrem Ende zum Leben erweckt und den Zuschauer daraus vielleicht sogar ein paar Lehren für die Gegenwart ziehen lässt. Doch zu früh gefreut. Nachdem die flirrende erste Staffel Großes versprach, outete die zweite Staffel das Niveau der Serie – als das eines recht konventionellen ARD-Fernsehfilms.

Was ist schiefgelaufen? Was mit den vielversprechenden Figuren und Handlungssträngen der ersten Staffel passiert? Leider wurde jegliche Komplexität zugunsten einer recht hölzernen Gut-Böse-Verfolgungsjagd aufgelöst. Der gute Polizist und sein weiblicher Sidekick auf den Spuren der bösen Reichswehr, die ein Attentat auf Stresemann plant. Dazu ein Liebesdreieck und – man will dem Fernsehzuschauer schließlich ein bisschen Action gönnen – am Ende sogar ein Pistolenduell auf einem fahrenden Zug, der bald darauf in die Luft fliegt. Das war selbst für mich, die ich von der ersten Staffel wirklich angetan war, zu viel. Wie so viele andere Formate scheitert auch Babylon Berlin daran, dass es einfach zu viel auf einmal sein will: Politthriller, Krimi, Action, Romanze, Historiendrama.

Vor der Enttäuschung war da aber auch eine große Begeisterung. Dafür, dass sich eine Serie nicht bloß dem Glanz und Glamour der Zwanziger annimmt, sondern gleich dem gesamten politischen System der Weimarer Republik. Dafür, dass eine Serie greifbar macht, warum dieses System scheitern musste und den idealen Nährboden für den Nationalsozialismus bot. Klingt stark nach Geschichtsunterricht klingt, wurde aber selten, wenn gar noch nie so cool inszeniert. Weiterlesen „Babylon Berlin – gehypt und überbewertet“

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Oktober: Über das Glück

Oktober, das war Kinderwagenschieben durch goldenes Herbstlaub, das waren warme, weiche Croissants, liebe Besucher und eine tiefe Dankbarkeit. Für dieses idyllische Eckchen, in dem wir leben, für die Menschen, die uns zur Seite stehen. Dafür, dass die Strapazen und Sorgen der Geburt nun hinter uns liegen und das Leben mit zwei wunderbaren, gesunden Mädchen vor uns. Kleine und große Glücksmomente, die genauso schnell gingen wie sie kamen. Weil Glück nun mal kein Dauerzustand ist und sich spätestens dann verflüchtigt, wenn die Schlaflosigkeit überhand nimmt.

Glück, das war auch das Thema der meisten Filme, die ich diesen Monat gesehen habe. Das Suchen und Finden und das Immer-wieder-an-sich-selbst-scheitern.  Weiterlesen „Oktober: Über das Glück“

Ronja von Rönne: Wir kommen

Buchcover: Wir kommen von Ronja von Rönne
(c) Aufbau-Verlag

Meine Mutter sagt, was man liebt, muss man ziehen lassen. Also habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. (Ronja von Rönne: Wir kommen)

Wenn ich könnte, würde ich so schreiben wie Ronja von Rönne. Simple Sätze, die, richtig kombiniert, im Kopf explodieren. Ausgelutschte Phrasen, die, in einen neuen Kontext gesetzt, plötzlich wieder überraschen. Zudem ist die Gute gerade mal Mitte 20 und wirkt schon als hätte sie das Leben durchschaut. In ihrem Romandebüt Wir kommen (2017) genauso wie auf sudelheft.

Ich jedenfalls fühle mich beim Lesen ertappt, etwas beschämt und großartig unterhalten von dieser Zusammenstellung aus freigelegten Klischees und obskuren Lebensweisheiten, die die komische Tragik des Lebens zum Vorschein bringen. Zumindest des Lebens, das man als junger sich ständig neurotisch selbstreflektierender Großstädter einer bestimmten Gesellschaftsschicht heute so kennt. Ronja von Rönne ist wenn nicht gar ,,A Voice of A Generation“, dann doch auf jeden Fall eine coole Socke.

Man wusste, ohne sich mit jemandem zu unterhalten, welche drei in Frage kommenden Parteien man wählte, was man frühstückte, man wusste Gemüsekisten-Abo, man wusste geraspelte Avocadokerne, man wusste, dass die nette Weinhändlerin an der Ecke eigentlich vom Grasverkauf an Mittelstufensprecher lebte, man wusste Altbau, man wusste Kinderzimmer mit Schleichtieren, man wusste dass Bioäpfel verschrumpelt sein müssen, sonst sieht ja keiner, was für Opfer man bringt, man wusste Montessori und Waldorf, man wusste zutiefst unglückliche Beziehungen mit geschmackvollem Interieur, man kannte die Angst vor dem Fall, die Unzuverlässigkeit der gehobenen Mittelschicht, man wusste Klischees zu bedienen, man wusste nicht, was man alldem entgegensetzen konnte, man wusste nicht, wohin mit sich, man war viele, viel zu viele.

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Horrorctober: Stephen Kings Es

Lesen im Herbstlaub: Stephen Kings EsObwohl ich mich jedes Jahr wieder auf Halloween freue, muss ich auch immer wieder feststellen, dass mein zartes Gemüt sich für das Horror-Genre wenig eignet. Das Leben ist schon aufregend genug, da braucht es kein zusätzliches Adrenalin, um mich nachts wach zu halten. Ich bin auch nicht jemand, der Bungeejumping für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hält. Aber wenn da schon ein 1500 Seiten starker Roman darauf wartet, gelesen zu werden – Stichpunkt zweifelhafte Buchgeschenke – dann lässt mir das einfach keine Ruhe.

Zumal es sich bei Stephen Kings Es (1986) um einen Klassiker seines Genres handelt, der so häufig zitiert wird, dass er mittlerweile zum allgemeinen Kulturgut gehört. Dieser goldene Oktober schien mir ein guter Zeitpunkt, um nähere Bekanntschaft mit dem berühmten Horror-Clown zu machen. Weiterlesen „Horrorctober: Stephen Kings Es“

Reisen im Selfie-Zeitalter: Pedal the World // Expedition Happiness

Ein Ausblick auf den Grand Ganyon.
Posen vor schönen Landschaften – zählt das schon als Reisedoku?

Wenn man gerade in der Babyblase lebt, rückt das Reisen, genauso wie das Sich-betrinken-und-bis-in-die-Morgenstunden-Tanzen-gehen, in unerreichbare Ferne. Zum Glück gibt es Filme, die ein bisschen von dieser Reiseaufregung ins heimische Wohnzimmer bringen. Nachdem ich gerade Expedition Happiness und seinen Vorgänger Pedal the World – beide von Netflix als Reisedokus deklariert – gesehen habe, bin ich tatsächlich etwas aufgebracht. Doch nicht wegen der schönen Reisebilder, sondern mehr darüber, dass sich diese Filme überhaupt Reisedokus nennen dürfen.

Von einem Sensationserfolg ist bei Expedition Happiness (2017) die Rede, von einem der erfolgsreichsten deutschen Dokumentarfilme in den letzten Jahren bei seinem Vorgänger Pedal the World (2015) – beide Produktionen von Reise- und Filmamateur Felix Starck. Da fragt man sich: Wie niedrig ist die Erwartungshaltung an Reisedokus heute eigentlich und warum kommt nicht einfach jedes Urlaubsvideo in die Kinos? Außer schönen Landschaftsaufnahmen und jeder Menge Selfie-Posen, wie sie heute wohl ein jeder Tourist auf seiner Kamera hat, gibt es in diesen Filmen nämlich nur eins zu sehen: wie man sich medienwirksam selbst vermarktet. Weiterlesen „Reisen im Selfie-Zeitalter: Pedal the World // Expedition Happiness“

Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?

Romancover: Wer braucht schon Schlaf?Wer braucht schon Schlaf? Das ist aktuell der Refrain meines Lebens. Und weil ich das vor der Geburt von Nr. 2 schon irgendwie geahnt hatte, habe ich mir diesen mit dem Etikett „Frauen“ versehenen Roman von Marlène Schiappa in die Kliniktasche gesteckt.

Normalerweise bin ich skeptisch mit solchen Etikettierungen. Dahinter steckt meist ein Kalkül, welches solche Romane vorhersehbar und uninteressant macht. In diesem Fall habe ich ein Auge zugedrückt, weil ich wusste, so ein bisschen leichte Frauenpower und ein paar Worte, die mir aus der Seele sprechen, würden mir ganz gut tun.

Und so war es auch. Wer braucht schon Schlaf? (2014) von der Französin Marlène Schiappa gehört definitiv in die Kategorie Chick Lit. Doch das im besten Sinne. Der Roman bedient bewusst die gängigen Klischees, setzt immer noch eine Schippe drauf, um die Gagdichte zu erhöhen. Macht sich aber auch einen Spaß daraus, die Erwartungen des Lesers zu untergraben und im schrillsten Ton Themen wie Feminismus und Mutterschaft zu verhandeln. Kurzum: Ich fühlte mich verstanden, gut unterhalten und meinerseits wie eine Romanheldin, so zwischen Narbenschmerzen und Milcheinschuss. Weiterlesen „Marlène Schiappa: Wer braucht schon Schlaf?“

September: Maniac // Sierra Burgess is a Loser

Im September kam Baby Nr. 2. Damit verwandelte ich mich praktisch über Nacht in ein milchspendendes Wärmekissen, lag viel im Bett und beobachtete den Herbstbeginn von meinem Fenster aus. Während das Baby, das so ganz anders gestrickt zu sein scheint als seine Schwester, das Goldwerden der Bäume verschlief, las ich ein paar Bücher und fütterte Google mit sinnlosen Suchanfragen (Wie viel Schlaf ist normal für ein Baby?).

Ich wäre aber nicht ich, wenn mir diese Bildschirmzeit schon ausgereicht hätte. So sehr mir der Schlafmangel in der Nacht auch zusetzt, auf meine Stunde Serienzeit am Abend verzichte ich nur ungern. Wie ein gutes Buch (für das ich abends meistens zu erschöpft bin) braucht mein Hirn sie als Ausgleich zum ewigen Stillen und Wickeln. Und so haben auch in diesem September, der ganz im Zeichen unseres neuen Mädchens stand, ein paar Netflix-Neuheiten meine Aufmerksamkeit erregt. Wie die (leider zu Unrecht) viel beworbene Miniserie Maniac mit Emma Stone und Jonah Hill. Oder der Teeniefilm Sierra Burgess is a Loser.

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