Filme, Serien: Was im Sommer geschah

Darf man sich eigentlich noch als Filmfan bezeichnen, wenn man seit Monaten keinen neuen Film mehr gesehen hat?! Ich hoffe schon, denn der Wille war da. Es mangelte nur an der konsequenten Umsetzung. Im Sommer musste die Fiktion hinter dem wahren Leben zurückstehen. Und das war schön, denn mit einem Kleinkind, das ungern vor Sonnenuntergang nach Hause geht, fühlt man sich selbst wieder wie ein Kind: Park, Eis essen, Freibad und endlich der langersehnte Urlaub, wo mich die Romane von Elena Ferrante komplett in Beschlag nahmen. Wenn ich dann doch mal vor der Flimmerkiste landete, dann für möglichst kurzweilige, sommerliche Filme, wenn das auch sicherlich nicht ganz auf diesen Film zutrifft; den wohl erschütterndsten, den ich zuletzt, wenn nicht gar überhaupt, gesehen habe.

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Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3

Nun hat es auch mich erwischt: das Ferrante-Fieber. Nachdem sich Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens als Urlaubssuchtlektüre erwiesen hatten, konnte ich es kaum erwarten, mich zu Hause auf den neu erschienen 3. Band Die Geschichte der getrennten Wege zu stürzen. Jetzt fühle ich mich leer und verlassen, denn der vierte und letzte Band Die Geschichte des verlorenen Kindes erscheint erst nächstes Jahr, und das bei diesem unerhörten Cliffhanger. Warum macht diese selbsternannte Neapolitanische Saga bloß so süchtig? 

Die Bücher folgen den Lebenswegen zweier Freundinnen, Elena und Lila, die obwohl sie am gleichen Ausgangspunkt beginnen, sehr unterschiedlich verlaufen. Beide Mädchen wachsen im selben von Gewalt und Korruption durchdrungenen Armenviertel auf, beide sind außergewöhnlich intelligent. Doch während Elena – die Erzählerin der Geschichte – weiter zur Schule gehen darf, Schriftstellerin wird und in eine intellektuelle Familie einheiratet, wird Lila, der vermeintlich schöneren und begabteren von beiden, der Bildungsweg verwehrt und sie bleibt im Rione zurück, wo sie mit 16 heiratet, zum Opfer häuslicher Gewalt wird und schließlich ihren Mann verlässt – schwanger von einem anderen, dem Mann, in den auch Elena seit ihrer Kindheit verliebt ist.

Das klingt fast schon nach Telenovela und tatsächlich tragen die spannenden Wendungen im Leben dieser beiden Frauen und ihrer Familien einiges dazu bei, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Aber das allein ist nicht das Faszinierende an der Geschichte. Es ist vielmehr diese detailreich geschilderte Innenwelt, die unter die Haut geht. Die dichte und lebendige Atmosphäre der neapolitanischen Lebenswelt, die einen glauben macht, das müsse einfach aus dem Leben gegriffen sein. Und vor allem ist es Ferrantes‘ Fähigkeit, individuelle menschliche Schicksale geschickt mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: mit dem komplexen Wesen der Freundschaft, mit der Bedeutung von Herkunft und Bildung, mit Ehe, Sexualität, Mutterschaft und nicht zuletzt mit der Zeitgeschichte der 50er, 60er und 70er Jahren – mit dem gesellschaftlichen Umbruch, der vor allem für Frauen mit einer Zerrissenheit zwischen traditionellen und modernen Werten einherging, die bis heute fortbesteht. Weiterlesen „Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3“

Netflix: Gypsy – eine feministische Serie?

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(c) Netflix

Wer bei Gypsy, der von Netflix als Psychothriller verkauften Naomi Watts Serie, Nervenkitzel erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Denn dabei zuzusehen, wie Naomi Watts eine frustrierte Vorstadt-Ehefrau spielt, die als Therapeutin die Distanz zu ihren Patienten verliert, dürfte wohl kaum als Psychothriller durchgehen. Dafür passiert hier entschieden zu wenig – wenn man einmal von den allzu sehr gewollten Fummelszenen absieht (Fifty Shades Regisseurin Sam Taylor-Wood war am Werk).

Nichtsdestotrotz gibt die Serie einige interessante Denkanstöße. Denn womit kämpft die Hauptfigur denn im Grunde die ganze Zeit? Mit der sozialen Rolle, die ihr als Ehefrau und Mutter automatisch zugeschrieben wird, selbst wenn ihre Persönlichkeit mit dieser Rolle nicht kompatibel ist. Und so erscheint hier der Versuch, sich trotz Ehe und Kind ,,nicht selbst zu verlieren“ als pathologisch. Naomi Watts verstrickt sich in ein vermeintlich zerstörerisches Doppelleben. Weiterlesen „Netflix: Gypsy – eine feministische Serie?“

Die 5 BESTEN am Donnerstag #57: 5 Filme, die ich zuletzt gesehen habe

Da es uns Gorana diese Woche so einfach macht, nutze auch ich einmal die Gelegenheit, ein paar Worte zu meinen zuletzt gesehenen Filmen loszuwerden. Momentan ist meine Filmauswahl nämlich wieder so bequem, dass es kaum mehr dazu zu sagen gibt als ein paar Worte. Sommer eben. Nach einem Tag mit dem Klops in der Sonne steht mir der Sinn meist nur noch nach etwas Leichtem, Atmosphärischem. Oft fällt da die Wahl auf Filme, die ich bereits kenne.  In zeitlich absteigender Reihenfolge also die 5 Filme, die ich zuletzt gesehen habe, über den gesamten Sommer verteilt: Weiterlesen „Die 5 BESTEN am Donnerstag #57: 5 Filme, die ich zuletzt gesehen habe“

Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind. Weiterlesen „Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…“

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky_Baba Dunjas letzte Liebe
(c) Kiwi-Verlag

Einst lebten 14.000 Menschen im Einzugsbereich des Tschernobyl-Reaktors. Heute sind es 700. Verlorene Menschen, die sich ihre Heimat von der Katastrophe nicht rauben lassen wollten und nach der Evakuierung in ihre Dörfer zurückkehrten. Eine von ihnen ist die fiktive Baba Dunja, die Hauptprotagonistin in Alina Bronskys kleinem, aber sehr feinem Roman Baba Dunjas letzte Liebe (2015). Die ,,winzige, kugelrunde Frau mit dem runzligen Gesicht“ findet in der verlassenen ,,Todeszone“ das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie Freiheit.

Die wenigen Nachbardörfer sind verlassen. Die Häuser stehen da, aber die Wände sind schief und dünn, und die Brennnesseln ragen bis unters Dach. Es gibt nicht einmal Ratten, weil Ratten Müll brauchen, frischen, fetten Müll. Ratten brauchen Menschen.
Ich hätte mir jedes Haus in Tschernowo aussuchen können, als ich zurückkehrte. Ich nahm mein altes.

Was sich fast schon postapokalyptisch anhört, erweist sich erstaunlicherweise schnell als idyllisch. Aus der einfachen, klugen und humorvollen Perspektive einer alten Frau bekommt der Leser Einblick in den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft, die auf den Rest der Welt sonderbar und verrückt wirken mag, die aber ausgerechnet hier, in der verlassenden ,,Todeszone“, ihren Frieden gefunden hat. Weiterlesen „Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe“

Hermann Hesse: Stufen

Wiese auf dem Tempelhofer Feld.

Es ist Sommer. Der Blog ruht. Die Fiktion muss hinter dem Leben zurückstehen, was sich gut anfühlt, aber auch nicht heißt, dass sich für die aktuelle Stimmung nicht ein paar lyrische Worte finden ließen.  Ich habe letztens wieder dieses Gedicht gelesen und eine Gänsehaut bekommen, weil es auf mich wie die Antwort auf so viele Fragen wirkt. In diesem Sinne, euch noch einen schönen Sommer!

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse, 1941)