LOVE: Eine (Anti)Liebesserie

Judd Apatow hat ein Händchen für Serien. Wenn man bedenkt, dass seine Filme, die nun nicht gerade zu den großen Epen zählen, nie unter 2 Stunden liegen, ist es womöglich sogar das Format, das seinem Erzählstil am besten entspricht. Bei ihm muss nicht jede Szene handlungstreibend sein und nicht jedem Dialog eine Pointe innewohnen. Schlimmstenfalls führt das dazu, dass keine Spannung aufkommt. Bestenfalls fühlt es sich so an, als würden die Figuren von ihrer Künstlichkeit befreit, wenn sie einfach banales Zeug schwafeln und ganz alltäglichen Kram machen dürfen. Ich persönlich empfinde diese Erzählweise als entspannend, vor allem an anstrengenden Tagen, an denen ich mich genauso unzulänglich fühle wie Apatows stets etwas freakig wirkende Figuren.

Nach Freaks & Geeks und Girls war ich jedenfalls zuletzt ganz entzückt von Love, seiner Netflix-Serie, in der es einmal mehr um das Beziehungs- und Paarungsverhalten junger Großstädter geht. Was Lena Dunham für Girls ist, ist Paul Rust für Love. Ein bis dato recht unbekannter Schauspieler, der auf den ersten Blick nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, Love aber nicht nur mitentwickelt, produziert und geschrieben hat, sondern auch noch die männliche Hauptrolle spielt. Nicht zuletzt seiner naiven, unbeholfenen Art und der wunderbaren Gillian Jacobs (aka der verrückten Mimi-Rose aus Girls) ist es zu verdanken, dass diese Serie, obwohl sie nicht wirklich etwas Neues erzählt, großen Spaß macht. Weiterlesen „LOVE: Eine (Anti)Liebesserie“

#Kinder: Liebe, lebenslänglich

Ab einem gewissen Alter ist das Kinderthema allgegenwärtig. Kaum ein Treffen mit Freundinnen, bei dem nicht darüber diskutiert wird, ob, wie und wann ein Kind in das eigene Leben passt. Für diejenigen, die noch kinderlos sind, ist es eine lebensverändernde Entscheidung, die wie ein Damoklesschwert über ihren Dreißigern hängt. Diejenigen, die den Sprung schon gewagt haben – da befinde ich mich in meinem Freundeskreis leider noch in der Minderheit – trauern auf der anderen Seite ein bisschen der verlorenen Flexibilität und den durchgefeierten oder zumindest durchgeschlafenen Nächten hinterher. Zwei Seiten, die einander bewundernd gegenüberstehen und doch nicht miteinander tauschen wollen. Denn eigentlich ist unser Problem nicht die Kinderfrage an sich, sondern vielmehr der größenwahnsinnige Wunsch, einfach alles auf einmal haben zu wollen. Nicht entweder oder, sondern das ganze Paket.

Unter diesem Eindruck habe ich am vergangenen Osterwochenende, an dem der Wunsch nach Perfektion einmal mehr mit der virenverseuchten Wirklichkeit kollidierte, in Ursula von Arx‘ Liebe, lebenslänglich (2013) reingelesen. In 14 biografischen Porträts erzählen hier Eltern und Kinder, jeweils aus ihrer Sicht, von ihrer Beziehung zueinander und schildern, wie diese sie geprägt und beeinflusst hat. Da ist zum Beispiel eine Tochter, die auf die antiautoritäre Erziehung der Mutter mit Strenge reagiert, ein Sohn, der seine Mutter mit Missachtung straft, weil sie ihn zu ihrem einzigen Lebensinhalt machte, eine Mutter, die nicht fähig ist, ihre Tochter zu lieben oder das Kind einer vierköpfigen Lebensgemeinschaft, das sich schon im frühen Alter hin- und hergerissen fühlt.
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Die versunkene Stadt Z (2017)

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(c) Studiocanal

Wenn Charlie Hunnam und Robert Pattinson einen Film zusammen machen, der auch noch von Brad Pitt produziert wird, kann das für eine Frau Grund genug sein ins Kino zu gehen. Da letzterer allerdings nicht zu sehen ist und die ersten beiden aufgrund ihrer Schnurr- und Zottelbärte kaum wiederzuerkennen sind, sollte frau auf jeden Fall auch Interesse für die Thematik mitbringen: Entdeckungsreisen in das unerschlossene Amazonas-Gebiet des frühen 21. Jahrhunderts und die fixe Idee von einer versunkenen Zivilisation, die das Leben eines Mannes bestimmt.

Die versunkene Stadt Z von James Gray basiert auf dem gleichnamigen Roman von David Grann und erzählt die wahre Geschichte von Percy Fawcett (Charlie Hunnam), einem britischen Forschungsreisenden, der nach zwei abenteuerlichen Vermessungsreisen im Amazonas-Gebiet, der festen Überzeugung ist, eine untergegangene Hochkultur entdeckt zu haben, der er den Namen Z gibt. Weil niemand in seiner Heimat an eine solche Zivilisation glauben will, wird Z für Fawcett zu einer fixen Idee und die Erbringung eines Beweises zur Lebensaufgabe. Zusammen mit seinem ältesten Sohn macht er sich 1925 –  fast 20 Jahre nach seiner ersten Südamerika-Reise – auf zur nächsten Expedition und verschwindet spurlos.  Weiterlesen „Die versunkene Stadt Z (2017)“

Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman

Jan Böttcher: Y
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,,Zwei Länder, dachte ich, ein Europa. […] Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn die Hand auf die Schulter. Meine Frau und ich, wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten, die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen. Benji aber, der trug uns. Der musste uns irgendwie tragen. Bis ins hohe Alter. Ertragen auch.“ (Jan Böttcher: Y)

Zwei Länder, ein Europa – so lässt sich die Intention von Jan Böttchers Roman Y (2016) wohl am besten zusammenfassen. Ein ,,großer europäischer Roman“ will er sein, so sagt es zumindest der Klappentext auf dem Buchumschlag. Ein Roman, der deutlich machen will, dass ob Kosovo oder Berlin, wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind, mit dem entscheidenden Unterschied, dass manche härter für das arbeiten müssen, was für andere bereits selbstverständlich, jedoch nicht weniger problematisch ist. Weiterlesen „Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman“

Sarah Kuttner: 180° Meer

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Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?
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The Vampire Diaries: Das längst überfällige Ende

Serienenden machen mich rührselig, selbst dann noch wenn die Serie ihren Zenit längst überschritten hat. Und so sehe ich mich in der Pflicht, dieser einst geliebten Guilty Pleasure Serie mit ein paar Worten meine letzte Ehre zu erweisen.

Als ich anfing The Vampire Diaries zu gucken, war ich Studentin und wohnte in einer Mädels-WG, in der der Mittwochabend ganz Jules-Mumm-mäßig für Serien reserviert war. Heute lebe ich in einer anderen Stadt, bin Mutter und in der Realität des Berufslebens angekommen. Einen festen Serienabend gibt es nicht mehr, weil alles ständig online verfügbar ist. Was ich damit sagen will: In 8 Jahren passiert sehr viel, auch mit einer Serie. Vom bloßen Twilight-Abklatsch etablierte sich The Vampire Diaries (2009-2017) zu einem populären Teen-Fantasy-Drama, erschuf ein eigenes mythisches Universum aus Vampiren, Hexen und Doppelgängern, kreierte ein Spin-Off (The Originals) und versank schließlich in der Belanglosigkeit. Zumindest für mich, die ich längst nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Mit der letzten Episode der 8. Staffel am 10. März nahm das Drama um zwei jahrhundertealte Vampir-Brüder, die sich in das selbe Mädchen verlieben, nun endlich sein Ende. Ein paar Jahre zu spät und mit so einigen Schwächen, wie ich finde, aber dennoch emotional. Weiterlesen „The Vampire Diaries: Das längst überfällige Ende“

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten FreundeWer bei diesem Titel an den sozialen Größenwahn so mancher Digital Natives denkt, wird schnell eines besseren belehrt. In Meine 500 besten Freunde (2013) geht es Johanna Adorján weniger um die Oberflächlichkeit des Einzelnen, als vielmehr um die Oberflächlichkeit eines ganzen Berufsstandes. In kleinen, lose miteinander verbundenen Stories nimmt Adorján, selbst Journalistin und Feuilletonistin, auf kurzweilige Art und Weise den Kultur- und Medienbetrieb auseinander.

Dabei hätten ihre Protagonisten mit Sicherheit ganz beeindruckende Facebook-Profile vorzuweisen. Allesamt sind sie nach außen hin schillernde Persönlichkeiten, insofern, dass sie es irgendwie geschafft haben, einen Fuß in den Kulturbetrieb zu kriegen. Blickt man hinter die mühsam gepflegten Selbstdarstellungen findet man jedoch überwiegend Unsicherheit, Leere, Verzweiflung und die ganz normale Eitelkeit. Weiterlesen „Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde“