Thomas Glavinic: Wie man leben soll

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Mädchen, Musik und die Mühen des Erwachsenwerdens. Wie man leben soll (2004) von Thomas Glavinic ist ein herrliches Stück Popliteratur, das sich selbst nicht so ernst nimmt und damit das Genre humoristisch konterkariert. Einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, vielmehr folgt eine Episode aus dem Leben des kauzigen Charlie der nächsten. Dabei ist der Roman, wie der Titel erahnen lässt, konsequent im Stil eines Ratgebers verfasst, und liefert so absurd-witzige Erkenntnisse aus dem Leben, dass man sich am Ende sicher ist: so soll man ganz bestimmt nicht leben.

Worum es geht

Der junge Österreicher Karl Kolostrum, kurz Charlie, ist stark übergewichtig und im Allgemeinen mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Er bzw. man wäre gern ein Draufgänger, ein Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen. Stattdessen ist man verunsichert, kriegt nur Mädchen ab, die ähnlich unattraktiv sind wie man selbst und muss in der Ratgeberliteratur über sich lesen, man sei ein ,,Sitzer“. Jemand der nie aufbegehrt, alles bloß hinnimmt und ja alles tut, um von jedermann gemocht zu werden. Weiterlesen „Thomas Glavinic: Wie man leben soll“

Eingedeckt: Bücher für den Herbstbeginn

Die letzten Sommertage genießen oder sich schon ein bisschen auf den Herbst freuen? Bei mir geht beides gleichzeitig. Und so bin ich gestern durch die Bibliothek gestreift und habe viele verheißungsvolle Romane mitgenommen, die so richtig Lust auf Lesen machen. Die nächsten Wochen verbringe ich mit:

Besonders auf den letzten Roman bin ich sehr gespannt, weil die Kritiker sich vor Begeisterung überschlagen. Zurecht? Wir werden sehen. Aber auch auf die Romane von Judith Hermann, Julia Franck, Thomas Hettche und Arno Geiger freue mich sehr, da ich zuletzt ganz wunderbare Bücher von ihnen gelesen habe, zum Beispiel dieses oder dieses hier. Maxim Biller ist bisher neu für mich und an Anna Galkins Roman interessiert mich das Thema (Jugend in den 80er Jahren der Sowjetunion) aus persönlichen Gründen.

Das wird ein guter Herbstanfang.

The Affair – Ehebruch multiperspektivisch

Wie entsteht eine Affäre? Welche Ursachen und Motive stecken dahinter und was passiert, wenn aus der Affäre eine Beziehung wird? Die Showtime-Serie The Affair greift diese und ähnliche Fragen sehr intelligent auf. Jede Folge ist unterteilt in zwei Parts: seine Perspektive und ihre. Beide erzählen mehr oder weniger die gleiche Geschichte, jeweils aus der eigenen Sicht. Dabei sind es die feinen Unterschiede und die klaffenden Lücken dazwischen, die The Affair so spannend machen.

Ich entdeckte die Serie letztes Jahr unter den Golden Globe Preisträgern und bin nicht zuletzt wegen der großartigen Besetzung (Dominic West, Joshua Jackson) sofort neugierig geworden. So sah ich die ersten zwei Folgen letzten Sommer, zufällig am Vorabend der Geburt meiner Tochter. Dadurch leicht abgelenkt, kam ich erst dieses Jahr dazu, sie weiterzuschauen und wurde nicht enttäuscht. Innerhalb weniger Tage hatte ich zwei Staffeln durch und freue mich schon jetzt auf die dritte. The Affair ist eine  literarische Serie, die nachhallt, mit jeder Folge besser wird und viele grundsätzliche Fragen des Lebens aufwirft. Weiterlesen „The Affair – Ehebruch multiperspektivisch“

Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman

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Arno Geigers Es geht uns gut, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, fiel mir letzten Monat in die Hände und war eine wahrlich intensive Entdeckung, denn ich konnte den Roman kaum weglegen. Dieses Buch ist wie eine Zeitreise: es beginnt in der Gegenwart und führt Kapitel um Kapitel zurück in vergangene Tage der einzelnen Familienmitglieder. Man wird regelrecht hineingesogen in diese melancholische Familiengeschichte, die drei Generationen und 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

 Worum es geht

Es ist April 2001 in der Wiener Vorstadt. Philipp Erlach, ein Schriftsteller in den Dreißigern, hat das Haus seiner Großmutter geerbt. Widerwillig findet er sich in der heruntergekommenen Villa ein, um den Nachlass zu ordnen. Dabei wird schnell klar: Philip hat kein Interesse. Nicht an dem Haus, nicht an den Dingen, die seine Großeltern ihm hinterlassen haben, und schon gar nicht an der eigenen Familiengeschichte. Es scheint, als führe er ein Leben in der Schwebe, ohne sich auf irgendetwas oder irgendwen festzulegen. Seine langjährige Affäre Johanna, eine verheiratete Meteorologin, die nur hin und wieder vorbeischaut, ist sein einziger menschlicher Kontakt. Zumindest bis die Schwarzarbeiter Steinwald und Atamanow auftauchen, um ihm bei der Entrümpelung des Hauses zu helfen. Die infantile, verzweifelte Art und Weise, mit der Philipp versucht, die Freundschaft der beiden zu gewinnen, zeigt umso mehr, wie einsam er ist. Weiterlesen „Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman“

Stranger Things – eine Hommage an die Filme unserer Kindheit

Schon der Schriftzug des Serientitels weckt Nostalgie-Gefühle. Kein Wunder, scheinen die Buchstaben direkt einem Stephen King Buchcover entsprungen zu sein. Hört man dann die düsteren Synthesizer-Klänge der Titelmelodie, weiß man, man hat sich nicht getäuscht, hier legt es jemand bewusst drauf an, uns in die 80er Jahre zurückzubefördern. In die Zeit als Horrorfilme wie Poltergeist und Nightmare on Elm Street  noch schockten und es gleichzeitig diese wunderbaren Coming-of-Age Filme wie Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers, Die Goonies oder E.T. – Der Außerirdische gab, in denen Freundschaft und der Zauber der kindlichen Phantasie über alles gingen. Die Science-Fiction-Mystery Serie Stranger Things, ein Netflix Original, das derzeit in aller Munde ist, ist ein Konglomerat all dieser Filme.

Die Serienschöpfer (Matt und Ross Duffer, Jahrgang 84) scheinen ganz bewusst das Beste aus diesem Mystery-Genre der 80er Jahre herausgepickt zu haben, um es mit viel Liebe neu zusammenzusetzen. Stranger Things ist wie eine Mischung aus einem Stephen King Roman und einem Steven Spielberg Film, im Retro-Look der 80er, mit viel Grusel, Magie und kindlichem Charme – und Winona Ryder, einem längst verglühten Hollywood-Stern, der hier passenderweise sein Comeback feiert. Weiterlesen „Stranger Things – eine Hommage an die Filme unserer Kindheit“

Tallulah – wie Juno, nur ganz anders

Es scheint als habe Netflix sich darauf spezialisiert, beliebte Formate wieder aufleben zu lassen. Full House, Scream, die Gilmore Girls und nun Tallulah – ein Film, bei dem die Erfolgsformel von Juno zum Einsatz kommt, einem der erfolgreichsten Filme 2007. Laut dieser Formel nehme man also die wunderbare Ellen Page und lasse sie einen erfrischenden, unkonventionellen Charakter verkörpern. Als Konterpart setze man ihr die etwas verstockt wirkende, aber witzige Allison Janney entgegen und füge noch das Thema Mutterschaft und oder ein Baby hinzu. Fertig ist ein Film, der es schafft, sowohl anrührend und dramatisch als auch witzig und leicht zu sein. Weil ich Juno so liebe, war ich sehr gespannt darauf, was mich bei Tallulah erwartet.

 Worum es geht

Tallulah (Ellen Page) ist ein freiheitsliebendes, wildes Mädchen, das in frühen Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Sie zieht in ihrem zugemüllten Van von Ort zu Ort und hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Als ihr Freund sie verlässt, weil er dieses Vagabundenleben nicht länger mitmachen will, folgt sie ihm nach New York. In einem Hotel, wo sie sich am Essen der Gäste bedient, stolpert sie zufällig in das Zimmer von Carolyn (Tammy Blanchard), einer zugedröhnten High-Society-Tussi, die mit ihrer etwa einjährigen Tochter vollkommen überfordert ist. Statt sich um das Kind zu kümmern, interessiert sie sich nur für ihr Äußeres und dafür, ob sie von ihrem Date am Abend flach gelegt wird oder nicht. Froh das Baby für einen Abend los zu sein, lässt sie es einfach bei Tallulah, die sich eher widerwillig darum kümmert. Später am Abend kehrt sie volltrunken zurück, nur um bewusstlos ins Bett zu fallen. Tallulah fackelt nicht lange und nimmt das schreiende Kind kurzerhand mit. Weiterlesen „Tallulah – wie Juno, nur ganz anders“

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter – von der Not, ein Vater zu sein

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Nachdem ich Thomas Hettches Pfaueninsel so überragend fand, wollte ich unbedingt mehr von ihm lesen und fand Die Liebe der Väter, 2010 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für einen Roman ist die Handlung ziemlich übersichtlich, so dass einige Rezensenten ihn eher als klassische Novelle bezeichneten. Tatsächlich erzeugt das Buch eine Spannung und Komplexität, die einen dazu anhält, es in einem Stück zu lesen. Dabei bietet es so viele bemerkenswerte Passagen, dass man immer mal wieder innehalten muss, um sich einzelne Sätze auf der Zunge zergehen zu lassen.

 Worum es geht

Der Ich-Erzähler Peter, ein Verlagsvertreter, verbringt die Zeit zwischen den Jahren mit seiner 13-jähringen Tochter Annika auf Sylt. Im Haus einer alten Schulfreundin, samt Ehemann und Kindern, will man gemeinsam Silvester feiern. Doch es hat sich einiges angestaut in Peter, dem die Kindsmutter den Umgang mit Annika erschwert. In der Silvesternacht kommt es zum Eklat. Weiterlesen „Thomas Hettche: Die Liebe der Väter – von der Not, ein Vater zu sein“