Tallulah – wie Juno, nur ganz anders

Es scheint als habe Netflix sich darauf spezialisiert, beliebte Formate wieder aufleben zu lassen. Full House, Scream, die Gilmore Girls und nun Tallulah – ein Film, bei dem die Erfolgsformel von Juno zum Einsatz kommt, einem der erfolgreichsten Filme 2007. Laut dieser Formel nehme man also die wunderbare Ellen Page und lasse sie einen erfrischenden, unkonventionellen Charakter verkörpern. Als Konterpart setze man ihr die etwas verstockt wirkende, aber witzige Allison Janney entgegen und füge noch das Thema Mutterschaft und oder ein Baby hinzu. Fertig ist ein Film, der es schafft, sowohl anrührend und dramatisch als auch witzig und leicht zu sein. Weil ich Juno so liebe, war ich sehr gespannt darauf, was mich bei Tallulah erwartet.

 Worum es geht

Tallulah (Ellen Page) ist ein freiheitsliebendes, wildes Mädchen, das in frühen Jahren von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Sie zieht in ihrem zugemüllten Van von Ort zu Ort und hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Als ihr Freund sie verlässt, weil er dieses Vagabundenleben nicht länger mitmachen will, folgt sie ihm nach New York. In einem Hotel, wo sie sich am Essen der Gäste bedient, stolpert sie zufällig in das Zimmer von Carolyn (Tammy Blanchard), einer zugedröhnten High-Society-Tussi, die mit ihrer etwa einjährigen Tochter vollkommen überfordert ist. Statt sich um das Kind zu kümmern, interessiert sie sich nur für ihr Äußeres und dafür, ob sie von ihrem Date am Abend flach gelegt wird oder nicht. Froh das Baby für einen Abend los zu sein, lässt sie es einfach bei Tallulah, die sich eher widerwillig darum kümmert. Später am Abend kehrt sie volltrunken zurück, nur um bewusstlos ins Bett zu fallen. Tallulah fackelt nicht lange und nimmt das schreiende Kind kurzerhand mit.

Doch was tun mit einem Baby, wenn man in einem Van haust und sich sein Essen erst zusammenklauen muss? So schlägt sie schließlich bei der Mutter ihres entlaufenen Freundes auf und gibt das Kind als deren Enkeltochter aus. Margo (Allison Janney), eine selbsternannte Ehe-Expertin, die nach der Scheidung von ihrem schwulen Ehemann, in ihrem alten Leben erstarrt ist und nur eine Schildkröte als Liebesobjekt hat, begegnet Tallulah zunächst skeptisch. Schon bald ist sie aber sichtlich froh, endlich wieder jemanden in ihrem Leben zu haben, um den sie sich kümmern kann. Mehr noch wird sie von Tallulahs energischer und unkonventioneller Art angesteckt, während Tallulah selbst endlich wieder Zuneigung und Geborgenheit erfährt. Über dieser etwas vorhersehbaren, aber doch sehr herzerwärmenden Freundschaft hängt jedoch stets das Damoklesschwert der Kindesentführung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Margo eines der Fahndungsfotos entdeckt oder bis ihr Sohn zurückkehrt und Tallulah auffliegen lässt.

 Warum der Film sehenswert ist

Wer die Qualität von Juno erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Aber es ist auch unfair, diese Filme miteinander zu vergleichen, nur weil sie dieselben Komponenten enthalten. Tallulah ist nicht Juno und eine Kindesentführung nicht mit einer ungewollten Teenager-Schwangerschaft zu vergleichen. Während man bei letzterem Thema trotz der Tragik viel zu lachen hatte, bleibt einem bei ersterem das Lachen im Halse stecken.

Und das ist wohl mein größter Kritikpunkt an dem Film; dafür dass er, wie Juno, als eine Mischung aus Drama und Komödie angekündigt wird, ist da einfach zu wenig Witz. Vieles ist sicherlich humoristisch gemeint, aber ich konnte kaum darüber lachen, weil ich die Kindesentführung und die Lüge gegenüber der vermeintlichen Großmutter als zu entsetzlich empfand. Tallulahs Charakter ist zudem voller Widersprüche. Sie rastet aus, als ihr Freund vorschlägt, sesshaft zu werden und Kinder zu bekommen und im nächsten Moment nimmt sie einfach ein fremdes Kind mit, obwohl es bestimmt einfacher gewesen wäre, es in der Rezeption des Hotels abzugeben. Sie schläft in einem kaputten Van und kann sich nicht einmal das Nötigste leisten, sie möchte sich auf niemanden verlassen und auch nicht, dass sich irgendjemand auf sie verlässt, und dennoch glaubt sie, für das Kind besser sorgen zu können als dessen Mutter (unter welchen Umständen, ist es überhaupt legitim, einer Mutter das Kind zu stehlen?). Doch es scheint, dass Tallulahs Charakter wohl absichtlich so ambivalent angelegt ist, dass man nicht weiß, ob man ihn mögen oder verabscheuen soll. Autorin und Regisseurin des Films, Sian Heder, die für die Netflix Serie Orange Is The New Black schreibt, ist dafür bekannt, Mitgefühl mit unsympathischen Typen  zu erwecken.

Darüber hinaus geht der Film ans Herz und besticht durch seine Ästhetik, das schöne New York und vor allem durch wunderbare Schauspieler. Es ist jedes Mal wieder ein Vergnügen, Ellen Page bei der Arbeit zuzusehen. Bei diesem Film hat sie als Executive Producer mitgewirkt und so sicher gestellt, dass ihr Auftritt gewohnt cool rüberkommt.

Tallulah ist ab dem 29. Juli auf Netflix zu sehen und wurde zu Beginn des Jahres auf dem Sundance Film Festival aufgeführt.

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