Arno Geiger: Es geht uns gut – ein großer Familienroman

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Arno Geigers Es geht uns gut, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, fiel mir letzten Monat in die Hände und war eine wahrlich intensive Entdeckung, denn ich konnte den Roman kaum weglegen. Dieses Buch ist wie eine Zeitreise: es beginnt in der Gegenwart und führt Kapitel um Kapitel zurück in vergangene Tage der einzelnen Familienmitglieder. Man wird regelrecht hineingesogen in diese melancholische Familiengeschichte, die drei Generationen und 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts umfasst.

 Worum es geht

Es ist April 2001 in der Wiener Vorstadt. Philipp Erlach, ein Schriftsteller in den Dreißigern, hat das Haus seiner Großmutter geerbt. Widerwillig findet er sich in der heruntergekommenen Villa ein, um den Nachlass zu ordnen. Dabei wird schnell klar: Philip hat kein Interesse. Nicht an dem Haus, nicht an den Dingen, die seine Großeltern ihm hinterlassen haben, und schon gar nicht an der eigenen Familiengeschichte. Es scheint, als führe er ein Leben in der Schwebe, ohne sich auf irgendetwas oder irgendwen festzulegen. Seine langjährige Affäre Johanna, eine verheiratete Meteorologin, die nur hin und wieder vorbeischaut, ist sein einziger menschlicher Kontakt. Zumindest bis die Schwarzarbeiter Steinwald und Atamanow auftauchen, um ihm bei der Entrümpelung des Hauses zu helfen. Die infantile, verzweifelte Art und Weise, mit der Philipp versucht, die Freundschaft der beiden zu gewinnen, zeigt umso mehr, wie einsam er ist.

Nun fragt man sich mit Philipp: was stimmt nicht mit ihm? Was in seiner Geschichte hat zu dieser absoluten Beziehungslosigkeit geführt? Da die Antwort auf solche Fragen meist in der Vergangenheit liegt, geht es nun zurück und zwar ganz weit zurück. Ins Jahr 1938, wo wir Philipps Großvater Richard kennenlernen, der eine hohe Stellung innehat und sich mit den in Österreich einmarschierten Nazis auseinandersetzen muss. Wir springen ins Jahr 1945 und folgen Peter, Philipps Vater, der in den letzten Kriegstagen als 15-jähriger gegen die Rote Armee kämpfen muss. Wir erleben mit wie Ingrid, Philipps Mutter, sich in den 50ern gegen den Willen ihres Vaters in Peter verliebt und ihn aus purem Trotz heiratet, nur um in den 1970er Jahren in einer freudlosen Ehe festzusitzen.

Wir bekommen Einblick in die Gefühlswelt von Philipps Großmutter Alma, die sich, wie es sich für eine Frau ihrer Generation gehört, still ihrem Mann unterordnet und innerlich damit hadert, nicht ihren eigenen Weg gegangen zu sein. Sie ist dann auch diejenige, die allein in der Familienvilla zurückbleibt und ihre Tage damit zubringt, die Familiengeschichte noch einmal Revue passieren zu lassen: Richards politischen Aufstieg und Rückzug, seine Demenzerkrankung, sein Zerwürfnis mit Ingrid, deren Ehe mit Peter und schließlich ihr tragischer Tod, der die Enkelkinder Philipp und Sissi zu Halbwaisen machte.

Es passiert viel und dann doch wieder nicht, zumindest nichts Weltbewegendes. Viel mehr werden uns Einblicke in ganz alltägliche Situationen und Empfindungen der einzelnen Figuren zu einer ganz bestimmten Zeit geliefert. Und das macht das Buch so lesenswert.

 Warum es lesenswert ist

Es geht uns gut ist ein Roman, der uns in bittersüßer Traurigkeit zurücklässt. Zum einen deshalb, weil er zu Ende ist und zum anderen, weil er bewusst macht, dass jeder Mensch am Ende einer solchen familiären Verkettung steht, die objektiv nichts besonderes ist und doch die Welt bedeutet. Philipps Familie ist eine ganz normale, gut situierte Familie, die nichts anderes von sich sagen kann, als dass es ihr gut gehe. Und doch ist jeder auf seine Weise unglücklich, ohne sich mitteilen zu können.

Es ist dann auch Alma, die mich am tiefsten berührt hat. Wie sie mit über 90 Jahren, allein in der Villa, in ihren Erinnerungen versunken, versucht einen Alltag zu gestalten, ist beklemmend und rührend zugleich. In ihrer Figur zeigt sich, wie kurz das Leben ist und dass am Ende nur Erinnerungen bleiben. Erinnerungen und ein altes, verwahrlostes Haus, voll mit Zeugnissen eines Lebens, für die sich nicht einmal der Enkelsohn interessiert, weil auch er ganz still mit seinem Schicksal hadert.

Bemerkenswert ist wie jede einzelne Figur, von Richard und Alma über Ingrid und Peter bis hin zu Philipp ihre eigene Stimme bekommt. Ihr ganz eigenes Innenleben mit den dazugehören Ängsten und Charakterschwächen, die die Person als solche sofort erkennbar machen. Und am Ende können wir Philipp etwas besser verstehen oder ihn einfach als Vertreter seiner Generation betrachten, denn jede Figur ist auch ein Abbild ihrer ganz eigenen Zeit.

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