The Affair – Ehebruch multiperspektivisch

Wie entsteht eine Affäre? Welche Ursachen und Motive stecken dahinter und was passiert, wenn aus der Affäre eine Beziehung wird? Die Showtime-Serie The Affair greift diese und ähnliche Fragen sehr intelligent auf. Jede Folge ist unterteilt in zwei Parts: seine Perspektive und ihre. Beide erzählen mehr oder weniger die gleiche Geschichte, jeweils aus der eigenen Sicht. Dabei sind es die feinen Unterschiede und die klaffenden Lücken dazwischen, die The Affair so spannend machen.

Ich entdeckte die Serie letztes Jahr unter den Golden Globe Preisträgern und bin nicht zuletzt wegen der großartigen Besetzung (Dominic West, Joshua Jackson) sofort neugierig geworden. So sah ich die ersten zwei Folgen letzten Sommer, zufällig am Vorabend der Geburt meiner Tochter. Dadurch leicht abgelenkt, kam ich erst dieses Jahr dazu, sie weiterzuschauen und wurde nicht enttäuscht. Innerhalb weniger Tage hatte ich zwei Staffeln durch und freue mich schon jetzt auf die dritte. The Affair ist eine  literarische Serie, die nachhallt, mit jeder Folge besser wird und viele grundsätzliche Fragen des Lebens aufwirft.

 Worum es geht

Noah Solloway (Dominic West), ein New Yorker Lehrer und Schriftsteller in den mittleren Jahren, hat augenscheinlich alles, was es zu einem guten Leben braucht. Eine schöne, intelligente und vermögende Frau (Maura Tierney), vier aufgeweckte Kinder, ein Haus in Brooklyn und einen Job, den er liebt. Und doch schlittert er geradewegs auf eine Midlife-Crisis zu. Er fühlt sich vom Leben ungerecht behandelt und glaubt in Allem zu kurz gekommen zu sein. Sein erstes Buch wollte niemand lesen, zum zweiten fehlt ihm die Inspiration. Von seiner Frau, die er für sein Empfinden zu früh geheiratet hat, fühlt er sich nicht ernst genommen, da nicht er es ist, der die großen Rechnungen zahlt, sondern der Schwiegervater, ein Bestseller-Autor, der ihm stets unter die Nase reibt, um wie viel erfolgreicher er ist. Umso deprimierender ist es für Noah, dass die Familie sich jeden Sommer nur den Urlaub bei den Schwiegereltern in Montauk leisten kann, einem Ferienort in Long Island.

Hier lebt die Kellnerin Alison Lockhart (Ruth Wilson), zusammen mit ihrem Mann Cole (Joshua Jackson), der mit seiner Familie eine kurz vor dem Ruin stehende Ranch betreibt. Traumatisiert durch den Tod ihres Sohnes, der mit vier Jahren im Meer ertrank, ist Alison zutiefst depressiv und dem Leben gegenüber gleichgültig. Ein Umstand, den ihre Ehe kaum aushält. Beide machen sich selbst und einander Vorwürfe, so dass das tote Kind omnipräsent ist. Alison selbst wurde von ihrer Hippie-Mutter früh verlassen und wuchs bei der Großmutter auf. Seit jeher hat sie ein starkes Sicherheitsbedürfnis, das durch den Tod ihres Sohnes vollkommen zerstört wurde. In dieser Situation begegnet sie dem treusorgenden Familienvater Noah.

In dem Diner, in dem Alison arbeitet, treffen die beiden aufeinander und Noah ist sofort von der Frau angezogen, die auf ihn „wie das einsamste Mädchen der Welt“ wirkt und gleichzeitig „Sex pur“ ist. Alison ist für ihn wie eine Muse. Er fühlt sich inspiriert und lebendig, wodurch er in der Lage ist, seinen zweiten Roman innerhalb weniger Wochen niederzuschreiben (der, soviel verrät die Vorblende bereits, zu einem großen Bestseller werden wird). Und auch Alison schöpft durch Noah neue Lebenskraft und ist zum ersten Mal im Stande, den Tod ihres Sohnes zu vergessen. Die beiden beginnen eine Affäre, deren Auswirkungen auf alle Beteiligten der Zuschauer immer jeweils aus ihrer und aus seiner Perspektive verfolgen kann. In der zweiten Staffel kommen noch die Perspektiven der betrogenen Ehepartner Helen und Cole hinzu, die die Geschichte noch eine Spur vielschichtiger machen.

Der Clou an The Affair ist außerdem, dass es von Anfang an zwei Zeitebenen gibt, wodurch der Zuschauer einerseits immer eine leise Ahnung von dem hat, was noch kommen wird, und andererseits über das eigentliche Geschehen im Dunkeln gelassen wird. So liegt die Affäre der beiden schon zu Beginn der Serie in der Vergangenheit. In Vorblenden werden Noah und Alison, jeweils getrennt voneinander, einem Verhör unterzogen. Sie erzählen ihre Geschichte einem Detective, der in einem Mordfall ermittelt. Wer ermordet wurde und was die beiden damit zu tun haben könnten, bleibt zunächst ungewiss und kommt erst im Laufe der ersten beiden Staffeln zum Vorschein. Der Zuschauer muss sich somit bei jeder Abweichung zwischen den beiden Versionen der Geschichte fragen, ob diese lediglich der Subjektivität geschuldet ist oder ob es sich um eine bewusste Täuschung des Detectives handelt (der übrigens gespielt wird von King of Queen’s Deacan).

The Affair ist damit mehr als nur ein Ehedrama. In der Rahmenhandlung eines Mordprozesses entwickelt sich auf raffinierte Weise eine Handlung, die weit über das Thema Ehebruch hinausgeht. Es geht um das Konzept der Monogamie und die psychologischen Auswirkungen seines Scheiterns, es geht um die Suche nach dem richtigen Leben und darum, wie egoistisch man dabei sein darf. Es geht darum, ob ein neuer Partner automatisch auch ein neues Leben bedeutet und immer wieder geht es um Vertrauen, auch um das Vertrauen des Zuschauers zum Erzähler, denn der ist mehr als unzuverlässig.

Warum die Serie sehenswert ist

The Affair ist eine Serie, die schnell süchtig macht, weil die literarische Erzählperspektive dazu verleitet, die beiden dargebotenen Versionen einer Geschichte immer wieder auf ihren Wahrheitsgehalt hin miteinander zu vergleichen. Dabei ist die Darstellung der Unterschiede sehr aufschlussreich, besonders zu Beginn. So kommt Alison in Noahs Version sehr aufreizend und verführerisch daher. Sie trägt kurze Röcke und ist diejenige, die die Initiative ergreift, während er zögert und um seine Ehe bangt – dabei aber natürlich stets eine gute Figur macht. In ihrer Version ist es genau umgekehrt. Sie trägt Jeans und Pulli statt Kleidchen und Noah erscheint in exakt der selben Situation wie ein unbeholfener Spanner, der ihr aufdringlich nach Hause folgt. Es ist faszinierend, wie gut hier die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung dargestellt wird. Sie sagt mehr über die Protagonisten selbst aus als über das, was tatsächlich passiert ist.

Im Laufe der Zeit werden diese feinen Unterschiede kleiner. Noah und Alison lernen einander besser kennen und beginnen sich als die Personen wahrzunehmen, die sie wirklich sind. Natürlich auch nur bis zu einem gewissen Grad. Denn was diese Erzählweise außerdem deutlich macht ist, dass es eine objektive Wirklichkeit gar nicht gibt. Jede Erfahrung ist subjektiv, noch subjektiver ist die Erinnerung daran und nur so können die Dinge dargestellt werden. Jeder hat seine eigene Wahrheit, sein eigenes Selbstbild, das oft nicht mit dem Bild übereinstimmt, dass andere von ihm haben. Es ist sehr spannend zu beobachten, wie die Serie mit solchen Ideen spielt und die Handlung darauf aufbaut.

Bemerkenswert sind außerdem die Schauspieler. Dominic West hat schon in The Wire bewiesen, dass er ambivalente Figuren perfekt verkörpern kann. Joshua Jackson (Dawson’s Creek, Fringe) spielt sehr charismatisch den einsamen Cowboy und Ruth Wilson (Luther) und Maura Tierney (Emergency Room) sind absolut authentisch. Besonders Tierney ragt in ihrer Darstellung heraus und hat ihre aktuelle Emmy Awards Nominierung mehr als verdient. Sie spielt die verlassene Ehefrau so abgeklärt und sympathisch, dass man sich immer mal wieder fragt, warum Noah eine solche Frau überhaupt verlässt. Eine der besten Folgen ist für mich die, in der sie ihren Kummer im Alkohol ertränkt, dabei durch ihr Schlafzimmer torkelt und lauthals einen Song von Lucinda Williams mitsingt, der für sie geschrieben wurde. Es ist die einzige Folge, in der sie die Kontrolle über sich verliert, und selbst hier strahlt sie ein Selbstbewusstsein aus, das kein Mitleid zulässt.

Kurzum: The Affair ist eine Drama Serie erster Klasse, mit einer großartigen Besetzung, viel Sex (wohl um dem Serientitel gerecht zu werden) und einem tollen Soundtrack. Der Titelsong „Container“ von Fiona Apple ist intensiv und vermittelt die Atmosphäre der Serie perfekt. Die multiperspektivische Erzählweise lässt viel Diskussionsspielraum.

 

 

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