Thomas Glavinic: Wie man leben soll

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Mädchen, Musik und die Mühen des Erwachsenwerdens. Wie man leben soll (2004) von Thomas Glavinic ist ein herrliches Stück Popliteratur, das sich selbst nicht so ernst nimmt und damit das Genre humoristisch konterkariert. Einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, vielmehr folgt eine Episode aus dem Leben des kauzigen Charlie der nächsten. Dabei ist der Roman, wie der Titel erahnen lässt, konsequent im Stil eines Ratgebers verfasst, und liefert so absurd-witzige Erkenntnisse aus dem Leben, dass man sich am Ende sicher ist: so soll man ganz bestimmt nicht leben.

Worum es geht

Der junge Österreicher Karl Kolostrum, kurz Charlie, ist stark übergewichtig und im Allgemeinen mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Er bzw. man wäre gern ein Draufgänger, ein Rockstar, dem die Frauen zu Füßen liegen. Stattdessen ist man verunsichert, kriegt nur Mädchen ab, die ähnlich unattraktiv sind wie man selbst und muss in der Ratgeberliteratur über sich lesen, man sei ein ,,Sitzer“. Jemand der nie aufbegehrt, alles bloß hinnimmt und ja alles tut, um von jedermann gemocht zu werden.

Mit diesem Selbstbild vor Augen und Heldenfantasien im Kopf schummelt Charlie sich durchs Leben. Durch die Matura, das ziellose Studium bis hin zum Berufsleben, in das er wie in alles andere auch, eher zufällig hineinstolpert. Dabei muss er sich mit der kauzigen Verwandschaft, skurrilen Freunden und Mädchen auseinandersetzen, mit denen er nur zusammen ist, weil er zu feige ist, um Schluss zu machen. Verfolgt von einem Weltschmerz, dessen Intensität wohl jeder Heranwachsende einmal zu spüren bekommt.

Alles wäre einfacher, wenn man in einer Zeit lebte, in der es Helden gibt. Da diese Zeiten jedoch vorbei sind, existiert auch niemand, an dessen Beispiel man sich aufrichten kann. Ein Sitzer, der sich Sinn in seiner Generation wünscht, überprüft zuweilen sogar mit einem gewissen Ernst den Wahrheitsgehalt der These, ein Krieg wäre nicht schlecht. Ein Krieg reinigt und läutert und bietet mancher Generation und manchem Sitzer Gelegenheit sich zu wandeln, so er nicht verreckt. Man reinigt seine Brille und stellt sich vor, man sei im Krieg, den Finger am Abzug einer Maschinenpistole. Ratatatata…[…]Erwachsen zu sein bedeutet nicht, freie Entscheidungen treffen zu dürfen. Erwachsen zu sein bedeutet, freie Entscheidungen treffen zu müssen. (Wie man leben soll, dtv)

Warum es lesenswert ist

Wie so vielen anderen heranwachsenden Protagonisten in der Popliteratur, die nur um sich selbst kreisen, erscheint Charlie das Leben als schwierig, einsam und sinnentleert. Das Erwachsenwerden wie eine Falle, der er um jeden Preis zu entkommen versucht, die am Ende aber doch zuschnappt. Dass das Ganze jedoch nicht annähernd so tragisch ist, wie es in den Augen des wehleidigen Protagonisten scheint, zeigt die stets mitschwingende Ironie in seiner Darstellung. Thomas Glavinic verpackt den jugendlichen Weltschmerz, der wohl jedem bekannt vorkommen dürfte, in so viel Witz, dass man ständig laut auflachen muss.

Wenn man die Schullaufbahn hinter sich gebracht hat, ist man zwar der elementarsten Begriffe in den meisten unterrichteten Gegenständen unkundig und verfügt außerdem über eine recht bescheidene Allgemeinbildung. Aber man hat bereits mit drei verschiedenen Frauen Sex gehabt und sich keine Todfeinde geschaffen.

Merke: Mehr kann man von der Schule nicht erwarten. (Wie man leben soll, dtv)

Der Grund, warum Wie man leben soll außerdem an Popromane à la Soloalbum von Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert, ist der starke 90er Jahre Flair, der insbesondere durch die Musik zum Ausdruck kommt. Die Adoleszenz ist unausweichlich an bestimmte Bands gebunden.

1995 unterscheidet sich von 1994 vor allem dadurch, daß man nun Stereolab hört statt Element of Crime. Man zieht mit Conny zusammen. Es gibt Wahlen. […]
1996 unterscheidet sich von 1995 dadurch, daß in der Wohnung wieder zumeist Deutschrock erdröhnt. […] 1999 gibt es wieder Wahlen. Man geht nicht hin. Nirvana und das andere Seattle-Zeugs erlebt eine Renaissance. (Wie man leben soll, dtv)

Am Ende treibt Thomas Glavinic es auf die Spitze und es scheint fast so, als wollte er mit dem Roman bewusst mit genau dieser 90er Jahre Pop-Romantik abrechnen. Charlie landet in einer Talkshow und wird zum Reality-Star à la Big Brother Zlatko. Das absurd-herrliche Ende eines Romans, der einfach nur Spaß macht. Und der übrigens 2011 verfilmt wurde, was jedoch auf den ersten Blick ganz schön klamaukig aussieht.

 

 

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