Michael Chabon: Telegraph Avenue – wie ein Tarantino Film

Wenn man beginnt das Buch eines Pulitzer-Preisträgers zu lesen, einen ,,Roman zum Niederknien“, einen ,,der sich in die großen Werke der amerikanischen Gegenwartsliteratur einreiht“(so der Verlag) und laut Kritikern das beste ist, was Literatur zu bieten hat (Stand 2014), dann sind die Erwartungen groß. In meinem Fall zu groß. Denn ich habe zwar alle 668 Seiten gelesen, war am Ende aber froh, es hinter mich gebracht zu haben. Zu wenig Wesentliches wird auf zu vielen Seiten erzählt. Zu detailliert werden die banalsten Situationen beschrieben. Und zu lang sind die mit Nebensätzen vollgestopften Sätze, die sich manchmal über mehrere Seiten hinziehen.

Bei Telegraph Avenue geht es nicht eigentlich darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern darum, ein buntes Zeitkolorit zu entwerfen und so ist das Buch voller Anspielungen und Verweise auf die schwarze Musikgeschichte, auf den Soul und Funk der 70er Jahre, auf trashige Kung-Fu Filme und vieles mehr, das heute als Retro und bei selbsternannten Nerds als hip gilt. Es ist wie ein Tarantino Film. Nur dass die Musik dazu selbstständig nachrecherchiert werden muss. Wer mit diesen popkulturellen Anspielungen wenig anfangen kann, so wie ich, den wird das Buch kaum fesseln. Für alle anderen mag es ein Volltreffer sein, denn es bietet reichlich kulturellen Gedankenstoff.

Zwei dem Vinyl verschrieben – worum es geht

Nat und Archy, deren Religion das Vinyl ist, betreiben zusammen einen altmodischen Plattenladen in der Telegraph Avenue, einer Straße im kalifornischen Oakland, das einerseits schwarze Industriestadt und andererseits intelektuelles Berkeley ist, wo sich die linksliberalen, ökologisch-korrekten Weißen niedergelassen haben (Stichwort Gentrifizierung).

Nat Jaffe ist ein nostalgisch veranlagter, zu Wutausbrüchen neigender Weißer, Archy Stallings ein Schwarzer, der dem Ernst des Lebens gern aus dem Weg geht, am liebsten Einen durchzieht, Platten hört und mit seiner Band schräge Musik macht. Als der Football-Millionär Gibson Good, der aus dem selben Viertel stammt, einen Megastore in der Telegraph Avenue eröffnen will, werden die beiden Nostalgiker von der niederschmetternden Realität eingeholt, ihren Laden wahrscheinlich dicht machen zu müssen. Und auch sonst tun sie sich mit der Gegenwart schwer.

Archys Frau Gwen ist schwanger und eigentlich müsste Archy jetzt den treusorgenden Familienvater spielen. Doch er wird beim Fremdgehen erwischt und muss sich zu allem Überfluss auch noch mit seinem 14-jährigen Sohn auseinandersetzen, dessen Existenz er bisher erfolgreich verdrängt hatte und von dem Gwen nichts weiß. Es stellt sich heraus, dass Archy Teil einer langen  Kette von Stallings-Männern ist, die ihre Söhne im Stich lassen. Auch er selbst wurde von seinem Vater Luther Stallings – einem Kung-Fu Filmstar der 70er Jahre, der nach seiner Film- eine Drogenkarriere einschlug – immer wieder sitzengelassen und enttäuscht.

Und so geht es in verschiedenen Nebensträngen auch um die Familie, von Archy und von Nat. Um den gealterten Filmstar Luther aus dem Blaxploitation-Kino der 70er Jahre, der verzweifelt darum kämpft, an vergangenen Ruhm anzuknüpfen. Um Archys Sohn Titus, einen einsamen Teenager, der in Nats Sohn Julie einen Freund findet. Eine komplizierte Freundschaft, weil Julie schwul und hoffnungslos in Titus verliebt ist. Um die schwangere Gwen, die zusammen mit Nats Frau Aviva eine Hebammenpraxis betreibt und gegen die Machtstrukturen in der Gesundheitsbranche ankämpfen muss.

Über all dem werden Zitate und Songtitel aus einer längst vergangene Ära ausgeschüttet. Die Musik ist allgegenwärtig und wortwörtlich in die Figuren hineingeschrieben:

,,War die ganze Nacht wach gewesen, fünf Gedanken im Kopf. […] Auftritt, Anzug, Vogel, Tanken, Leslie; die Nadel hing in einer Rille und drehte sich unaufhörlich um die Spindel seines Hirns. Mr. Jones schämte sich für diese spärliche mitternächtliche Titelliste. Als junger Mann hatte seine Schlaflosigkeit ein breiteres Themenspektrum zu bieten gehabt: Sex, Hautfarbe, Gesetze, Politik, Bach, Marx, Gurdjieff. Wilde, ungezügelte Gedanken; unbegrenzt, bedeutungsschwer, tiefgründig und breit gefächert. Jetzt: Scheiße. Jetzt passten seine Gedanken auf eine beschissene kleine Maxisingle, die sich endlos drehte.“ (Telegraph Avenue)

Und zwischendrin hat sogar Barack Obama höchstpersönlich einen kleinen, aber bedeutenden Auftritt. Zu der Zeit noch aufstrebender Senator aus Illinois, hat er ein Ohr für ,,funky“ Musik.

Worum geht es wirklich?

Betrachtet man es ganz objektiv, ist es ein cooler Roman, der einen cleveren kulturgeschichtlichen Bogen macht. Er taucht ein in die Anfänge der schwarzen Populärkultur in den 70er Jahren, die von Luther verkörpert wird, zeigt die Auswüchse dieser Kultur in der Gegenwart durch Nat, Archie und Gibson Goode und rundet den Kreis mit Titus und Julius ab, zwei nerdigen Jungs, die vom Retro-Charme der alten Sachen angezogen werden und in Luther ihren persönlichen Helden finden (und die nebenbei große Tarantino-Fans sind). Dass dieser mittlerweile ein bemitleidenswerter alter Mann ist, führt diesen Nostalgie-Hype wiederum ein bisschen ad absurdum.

Ohnehin ist Nostalgie ein großes Thema, die Sehnsucht nach Stillstand in dem was man liebt, die Leidenschaft für eine Sache, genauso wie der Kampf zwischen Klein und Groß (kleiner Plattenlatten gegen Megastore, einzelne Hebamme gegen Krankenhaus) und Freundschaften zwischen sehr unterschiedlichen Menschen.

Am Ende ist es ein sehr positiver Roman. Und doch ein Roman, bei dem ich nicht mit dem Herzen dabei war. Zu überladen waren mir die Sätze mit Verweisen und Anspielungen, zu cool und undurchsichtig die Charaktere. Es ist ein bisschen wie bei der neuen Netflix-Serie The Get Down, an die ich beim Lesen oft erinnert wurde. Theoretisch klingt alles cool und wunderbar, aber so richtig holt es mich dann doch nicht ab. Vielleicht liegen die 70er mir einfach nicht.

Eine kleine musikalische Kostprobe.

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