The Big Short – die Finanzkrise als Komödie

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„Truth is like poetry. And most people fucking hate poetry.“ (Overheard at a Washington, D.C. bar) (The Big Short)

Weil an dieser Erkenntnis vermutlich was dran ist, eignet sich ein Film wohl am besten, um uns die Augen für die Bodenlosigkeit der Finanzwelt zu öffnen. Und das ist es, was The Big Short (2015) eindeutig will. Dafür schlüpft er unter den Deckmantel  der Komödie, greift zu kurzweiligen Montage-Techniken, die sich immer wieder über die Handlung erheben und setzt gleich auf mehrere von Hollywoods begehrtesten Schauspielern: Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt und Steve Carell. Das Konzept geht auf. The Big Short ist ein bemerkenswerter Film, der ein komplexes Thema unterhaltsam verpackt und ein mulmiges Gefühl hinterlässt, eine Ahnung davon, auf wie viel Dreistigkeit und Dummheit das Finanzsystem basiert, von dem wir alle abhängen.

Worum es geht

Die Finanzkrise, die 2007 durch die platzende Immobilienblase in den USA eingeleitet wurde und sich 2008 zu einer Weltwirtschaftskrise hochschaukelte, traf viele Menschen unvorbereitet. Einige wiederum sahen sie bereits seit Jahren kommen und schlossen sogar Wetten darauf ab, mit denen Sie das Geschäft ihres Lebens machten. Um genau jene Menschen geht es in The Big Short. Weiterlesen „The Big Short – die Finanzkrise als Komödie“

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The Get Down: ein schrilles Hip Hop Märchen

 

Ich mag Hip Hop und ich mag Baz Luhrmann (Romeo & Julia, Moulin Rouge, Der Große Gatsby). Als ich hörte, dass besagter Regisseur eine Serie über die Ursprünge des Hip Hop für Netflix produziert, war ich interessiert. Vor allem da Nas (If I Ruled the World) und Grandmaster Flash an der Entwicklung beteiligt waren. Liegt ja auch nah, dass Luhrmanns erste Serie Hip Hop zum Thema hat. Schließlich wirkte schon der, meiner Meinung nach sehr gelungene, Große Gatsby stellenweise wie ein Jay-Z Video. Aber schon die erste Folge von The Get Down war ernüchternd. Statt ernsthaft den Ursprung des Hip Hops zu beleuchten, gerät die Serie leider zu einem schrillen Märchen, in dem nichts so recht zusammen passen will. Und von der im Hip Hop so wichtigen Credibility keine Spur. Dabei hätte es so interessant werden können.

Worum es geht

New York City, 1996. Ein Rapper, der sich verdächtig nach Nas anhört, betritt die große Bühne, wo er von Tausenden von Menschen gefeiert wird, und erzählt seine Geschichte. Diese führt ihn zurück in das Jahr 1977, als die Kriminalitätsrate auf dem Höhepunkt und New York noch gefährlich war.In einer Montage aus dokumentarischen Bildern sehen wir Polizeiautos, korrupte Politiker, abgeführte Gangster, brennende Gebäude und trostlose Trümmer. Einen Ort voller Ruinen, in dem die Hoffnung keimt, die Hoffnung namens Hip Hop – ein Begriff, den es damals noch nicht gab. So weit so gut, die Ausgangssituation ist interessant, die Ästhetik cool. Weiterlesen „The Get Down: ein schrilles Hip Hop Märchen“

Herbstzeit ist Serienzeit

Ich bin ein Herbsttyp. Nicht nur weil mir Braun so gut steht und ich gern Tee trinke, sondern weil im Herbst die neue Seriensaison beginnt. Schon im Frühjahr, wenn ein Staffelfinale das nächste jagt und ein Cliffhanger mich fassungslos zurücklässt (ich meine dich, The Walking Dead), freue ich mich wieder auf die goldene Jahreszeit. Und siehe da, waren es gerade noch drei endlos scheinende Monate, ist er doch wieder sehr schnell da: der Serienherbst.

Ich gebe zu, in den letzten Jahren ist die Vorfreude leicht zurückgegangen. Denn wer braucht eigentlich noch die großen amerikanischen Sender um seine Seriensucht zu stillen, wenn Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime & Co. einem fast wöchentlich neue Serien ins Haus liefern? Mit Stranger Things und Master of None habe ich diesen Sommer tatsächlich auch zwei der besten Serien seit Langem gesehen – und das ohne jede Woche auf eine neue Folge warten zu müssen. Aber was soll ich sagen: die Freude auf den Serienherbst hat sich über die Jahre hinweg in mein System gebrannt und ich lege Wert auf Traditionen.

Dieses Jahr gibt es leider nicht allzu viele Formate, auf die ich mich so richtig freue, weil einige von ihnen über die Jahre hinweg ganz schön verschlissen wurden. Aber dafür sind finale Staffeln dabei, was immer spannend ist. Und außerdem steht auch noch das größte Serien-Event ever an – die Wiederkehr der Gilmore Girls im November (auch wieder Netflix sei Dank). Die Uhren stehen auf Countdown. Weiterlesen „Herbstzeit ist Serienzeit“

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

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Judith Hermanns Prosa zieht mich in ihren Bann. Jeder Satz, so akkurat und prägnant, übt einen faszinierenden Sog aus und zwingt zum Weiterlesen. Bereits nach kürzester Zeit bin ich gefangen in einer dichten Atmosphäre, die mir suggeriert: jeden Moment könnte hier etwas Ungehöriges passieren.

Und dennoch oder gerade deswegen bin ich nach der Hälfte von Aller Liebe Anfang (2014) – dem ersten und bisher einzigen Roman von Kurzgeschichten-Queen Judith Hermann – am Ende mit meiner Geduld. Stella, die Protagonistin des Romans, macht mich wütend, am liebsten würde ich sie schütteln, um sie zu irgendeiner Reaktion zu bewegen.

Worum es geht

Stella, 37 Jahre alt, von Beruf Krankenpflegerin, lebt mit ihrem Mann und ihrer vierjährigen Tochter in einer stinknormalen Kleinstadtsiedlung, in der alle Häuser gleich aussehen und die Nachbarn sich nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Jason, Stellas Mann, ist Handwerker und beruflich ständig unterwegs, so dass sie die meiste Zeit allein mit ihrer Tochter verbringt. Eines Tages klingelt es an der Tür. Es ist ein junger Mann, den Stella noch nie gesehen hat, der aber unbedingt mit ihr sprechen möchte. Stella ist irritiert und schickt ihn weg, woraufhin er beginnt, jeden Tag bei ihr zu klingeln und ihr unheimliche Briefe und Botschaften im Briefkasten zu hinterlassen. Wie reagiert man in so einer Situation, auf einen so genannten Stalker? Stella jedenfalls reagiert zunächst gar nicht. Schnell spitzt sich die Lage zu und führt zu lebensverändernden Entscheidungen. Weiterlesen „Judith Hermann: Aller Liebe Anfang“

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne

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,,Vieles wird mir fehlen. Die Farben des Sommers, die alte Linde, die zarten Grashalme, die Butterblumen, die am Fundament wachsen. Der Duft des Flieders, die Aromen von reifen Äpfeln und Himbeeren, die Geheimverstecke, der Dachboden, wo die Stimmen aus der Vergangenheit klingen, das Brennnesseldickicht am morschen Zaun, das hallende Echo im dunklen Wasser des Gartenbrunnens, das Leuchten des Morgentaus, die tanzenden Sonnenstrahlen auf dem Wohnzimmerboden, die geschwungenen Muster auf der Fensterscheibe, die der Frost zeichnet, der Garten im Schnee, das bläuliche Licht des Winters, der hohe schwarze Himmel, das kalte Licht der fernen Sterne.“ (Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne)

Es sind die kleinen Dinge, an denen die Erinnerung am besten haften bleibt und die kleinen Dinge, die es vermögen, eine große Sehnsucht auszudrücken. Diese Sehnsucht nach einer Heimat, die es längst nicht mehr gibt – die Sowjetunion in ihren letzten Zügen Ende der 80er Jahre – ist in Anna Galkinas kürzlich erschienenem Erstlingswerk deutlich zu spüren. Und das obwohl der Roman vor Gewalt nur so strotzt und ein vernichtendes Bild vom Sowjetmenschen zeichnet. Weiterlesen „Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne“