Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne

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,,Vieles wird mir fehlen. Die Farben des Sommers, die alte Linde, die zarten Grashalme, die Butterblumen, die am Fundament wachsen. Der Duft des Flieders, die Aromen von reifen Äpfeln und Himbeeren, die Geheimverstecke, der Dachboden, wo die Stimmen aus der Vergangenheit klingen, das Brennnesseldickicht am morschen Zaun, das hallende Echo im dunklen Wasser des Gartenbrunnens, das Leuchten des Morgentaus, die tanzenden Sonnenstrahlen auf dem Wohnzimmerboden, die geschwungenen Muster auf der Fensterscheibe, die der Frost zeichnet, der Garten im Schnee, das bläuliche Licht des Winters, der hohe schwarze Himmel, das kalte Licht der fernen Sterne.“ (Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne)

Es sind die kleinen Dinge, an denen die Erinnerung am besten haften bleibt und die kleinen Dinge, die es vermögen, eine große Sehnsucht auszudrücken. Diese Sehnsucht nach einer Heimat, die es längst nicht mehr gibt – die Sowjetunion in ihren letzten Zügen Ende der 80er Jahre – ist in Anna Galkinas kürzlich erschienenem Erstlingswerk deutlich zu spüren. Und das obwohl der Roman vor Gewalt nur so strotzt und ein vernichtendes Bild vom Sowjetmenschen zeichnet.

Worum es geht

In einem Städtchen unweit von Moskau wächst Nastja in den 1980er Jahren auf. Die Lebensumstände sind nüchtern betrachtet eine Katastrophe, was wohl ein Grund dafür ist, dass die meisten Menschen in Nastjas Umgebung die Nüchternheit meiden. Zusammen mit Mutter und Großmutter wohnt Nastja in einem schäbigen Holzhaus, ohne Wasseranschluss, dafür mit Plumpsklo, in dem im Winter ein ,,riesiger eisiger Scheißturm wächst“. Lebensmittel sind teuer und schwer zu kriegen. Schlange stehen ist ,,eine Tugend und Reifeprüfung zugleich“. Ist man es nicht besser gewohnt, nimmt man diese Bedingungen mehr oder weniger mit Humor und versucht das Beste draus zu machen. Dazu gehört die ganz normale Jugend: Nastja schwärmt für Thomas Anders, zieht mit den ,,Schlampen“ um die Häuser, verliebt sich und rebelliert gegen die Mutter, die am Ende beschließt, dass es an der Zeit sei, das Städtchen zu verlassen.

Kein nostalgischer Roman à la Am kürzeren Ende der Sonnenallee

So harmlos humorig und nostalgisch wie das alles zunächst klingen mag, ist es dann aber doch ganz und gar nicht. Denn zwischen den ironisch vorgetragenen Anekdoten der Ich-Erzählerin scheint ein Menschenbild hindurch, das erschreckend und stellenweise wirklich abstoßend ist.

Von Kindheit an ist Nastja mit unmenschlicher Brutalität konfrontiert, die sie relativ gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Beginnend bei den Nachbarn, die ihre Welpen ertränken, über sadistische Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen, die Verprügeln für eine pädagogische Maßnahme halten bis hin zu der eigenen Mutter, die mit eiserner Faust regiert. In den Jugendepisoden steigern sich die Abscheulichkeiten noch. So enden die abenteuerlichen Erlebnisse ihrer Freundinnen nicht selten mit einer Massenvergewaltigung und anderen Dingen, die man sich so lieber nicht vorstellen möchte.

Die Verrohtheit der Menschen ist allgegenwärtig. Die Sowjets kommen nicht gut weg und wirken mehr wie primitive Tiere denn Menschen. Ob dies dem politischen System oder dem Alkoholismus geschuldet ist, bedarf einer eigenen Diskussion. Ich hatte beim Lesen von Das kalte Licht der fernen Sterne jedenfalls sehr zwiespältige Gefühle. Ich war gerührt, amüsiert, entsetzt und abgestoßen zugleich. Als jemand, der ebenfalls seine ersten Jahre in der Sowjetunion verbracht hat, habe ich die Beschreibungen der Jahreszeiten ganz besonders genossen. Es ist eine wunderschöne, feinfühlige Sprache, mit der Galkina diese ganz spezifische Atmosphäre heraufbeschwört und auf den Punkt bringt. Nur um die Harmonie des Bildes im nächsten Augenblick durch etwas Unansehnliches wieder zu zerstören.

,,Winter ist das Weiß, Winter ist die Ruhe und die leeren Straßen. Winter ist der in der Sonne glänzende Schnee, Myriaden von winzigen funkelnden Kristallen. Winter sind Schneeflocken, die vom Wind getrieben wie weiße zarte Blüten durch die frostige Luft fliegen. Winter ist das von der Kälte taube Gesicht, eingefrorene Zehen, rote Hände und steife Finger.
Winter ist Schwarzweiß: Rabenschwarz und Schneeweiß. Winter sind Spuren, Fäkalien, Blut und Urin auf dem weißen Schnee. Winter sind verschwundene Wege, die nach starken Schneefällen freigeschaufelt werden müssen. Winter ist der hohe schwarze Himmel und das kalte Licht der fernen Sterne.“ (Das kalte Licht der fernen Sterne)

So erhärtet sich der Verdacht, dass die Zwiespältigkeit, die man als Leser empfindet, von der Autorin durchaus gewollt ist. Schließlich kann man ein ethisch und politisch fragwürdiges Land, das doch die eigene Heimat ist, nur so betrachten: zwiespältig. Und genauso erscheint auch der russische Mensch: empfindsam und grausam gleichermaßen.

Nichtsdestotrotz: Für meinen Geschmack kommt Galkinas Menschendarstellung zu hart und erbarmungslos daher. Zu groß ist der Spagat zwischen den witzigen, nostalgisch anmutenden Anekdoten und der naiven Darstellung roher Gewalt, die den Roman komplett vereinnahmt.

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