Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

judith_hermann_aller-liebe-anfang
copyright by fischerverlage

Judith Hermanns Prosa zieht mich in ihren Bann. Jeder Satz, so akkurat und prägnant, übt einen faszinierenden Sog aus und zwingt zum Weiterlesen. Bereits nach kürzester Zeit bin ich gefangen in einer dichten Atmosphäre, die mir suggeriert: jeden Moment könnte hier etwas Ungehöriges passieren.

Und dennoch oder gerade deswegen bin ich nach der Hälfte von Aller Liebe Anfang (2014) – dem ersten und bisher einzigen Roman von Kurzgeschichten-Queen Judith Hermann – am Ende mit meiner Geduld. Stella, die Protagonistin des Romans, macht mich wütend, am liebsten würde ich sie schütteln, um sie zu irgendeiner Reaktion zu bewegen.

Worum es geht

Stella, 37 Jahre alt, von Beruf Krankenpflegerin, lebt mit ihrem Mann und ihrer vierjährigen Tochter in einer stinknormalen Kleinstadtsiedlung, in der alle Häuser gleich aussehen und die Nachbarn sich nach Möglichkeit aus dem Weg gehen. Jason, Stellas Mann, ist Handwerker und beruflich ständig unterwegs, so dass sie die meiste Zeit allein mit ihrer Tochter verbringt. Eines Tages klingelt es an der Tür. Es ist ein junger Mann, den Stella noch nie gesehen hat, der aber unbedingt mit ihr sprechen möchte. Stella ist irritiert und schickt ihn weg, woraufhin er beginnt, jeden Tag bei ihr zu klingeln und ihr unheimliche Briefe und Botschaften im Briefkasten zu hinterlassen. Wie reagiert man in so einer Situation, auf einen so genannten Stalker? Stella jedenfalls reagiert zunächst gar nicht. Schnell spitzt sich die Lage zu und führt zu lebensverändernden Entscheidungen.

Dass Judith Hermann schreiben kann und zwar ganz hervorragend, ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings ist die Frage, worum es hier eigentlich geht, nicht so leicht zu beantworten. Ganz platt könnte man sagen: um Stalking. Dann wieder um eine Frau, die sich seltsam fremd fühlt in ihrem eigenen Leben, in dem sie offiziell vorgibt ,,angekommen“ zu sein. Zu oft ist sie mit ihren Gedanken wo anders, meistens in der Vergangenheit, man könnte meinen bei ihrem richtigen Leben, mit Freundin Clara in der Stadt. Stellenweise glaubt man, der Stalker, der sich mysteriöserweise Mister Pfister nennt, sei gar kein richtiger Mensch, sondern nur ein Symptom für dieses Unbehagen und diese Fremdheit in ihr. Eine Abspaltung ihrer Persönlichkeit, ein Alter Ego, das ihr ihr Unwohlsein vor Augen führt und sie rausholen möchte. Aus diesem isolierten Leben in der spießbürgerlichen Siedlung, in der man jahrelang Haus an Haus lebt, ohne seine Nachbarn zu kennen.

Warum so passiv und wo bleibt eigentlich die Liebe?

Dieser Eindruck von Stella kann nur entstehen, weil so vieles in diesem Roman ungesagt im Raum steht. Die Sätze reduzieren sich auf konkrete Handlungen des Alltags – Tee kochen, Zeitung lesen, Kind von der Kita abholen, Arbeiten gehen – auf Beschreibungen der Umgebung, der Hauseinrichtung, auf kurze vorbeifliegende Gedanken- und Gesprächsfetzen. Das ist stilistisch sehr ansprechend, wirkt sich aber negativ auf die Figuren aus. Wo die Dinge unausgesprochen im Raum stehen, wirken die Figuren, vor allem Stella, passiv und konturlos.

Spätestens als Mister Pfister damit beginnt, jeden Tag seltsame Gegenstände in den Briefkasten zu stecken und allerspätestens als er bei der Tochter im Kindergarten auftaucht, ist man als Leser einfach genervt. Man möchte diese passive, unsichere Frau einfach schütteln, damit sie endlich mal reagiert. Sie soll endlich sprechen, sie soll schreien, sich zur Wehr setzen, zur Polizei gehen. Ob das was bringt oder nicht, ist unerheblich, zumindest hätte sie dann ihren Standpunkt klar gemacht. Eine Frau, die selbst kaum den Mund aufbekommt, und gleichzeitig im Stillen hofft, jemand würde sie mal darauf ansprechen, ist wirklich schwer zu ertragen.

Das Unausgesprochene dominiert auch in der Beziehung zwischen Stella und Jason. Stella leidet darunter, dass Jason ständig abwesend ist, dass er sich ihr bei jeder Gelegenheit entzieht, dass er sich nicht klar genug artikuliert. Sie empfindet die Stille zwischen ihnen als ,,abgründig, abwartend“. Aber sie selbst gibt genauso wenig von sich preis. Im Grunde erscheint ihr der eigene Mann  fast fremd, wie jemand, dem sie nicht vertrauen kann. Die Ehe der beiden wie eine Zweckgemeinschaft, in der sich sie gefangen fühlt. Wo ist die Liebe, um deren Anfang es hier gehen soll?

Oder ist die Liebe des Stalkers gemeint, der sich wie ein Parasit an Stellas Privatsphäre nährt? Klar ist in Aller Liebe Anfang nichts, alles bleibt uneindeutig. Außer vielleicht die Gewissheit, dass nichts so sicher ist wie es scheint, schon gar nicht eine Siedlung am Stadtrand.

Der Mann draußen auf der Straße wartet. Dann nimmt er die Rechte aus der Hosentasche und klingelt noch einmal, und Stella spürt plötzlich – es macht sie fast ärgerlich -, dass ihr Herzschlag sich beschleunigt, langsam, stetig, als würde ihr Herz etwas begreifen, das Stella noch nicht begriffen hat. Sie nimmt, ohne den Blick von dem Fremden abzuwenden, den Hörer der Sprechanlage von der Wand, hält ihn ans linke Ohr und sagt, ja.[…]

Er hatte ausgesehen wie ein absolut freier Mensch, was ist denn daran so beunruhigend, sagt Stella laut, sie geht aus dem Zimmer, macht die Haustür auf und tritt in den Garten hinaus, als würde sie sich das Recht dazu zurückholen. Wie kühl es ist, herrlich und still. Was genau ist beunruhigend an einem freien Menschen. (Judith Hermann: Aller Liebe Anfang)

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s