The Get Down: ein schrilles Hip Hop Märchen

 

Ich mag Hip Hop und ich mag Baz Luhrmann (Romeo & Julia, Moulin Rouge, Der Große Gatsby). Als ich hörte, dass besagter Regisseur eine Serie über die Ursprünge des Hip Hop für Netflix produziert, war ich interessiert. Vor allem da Nas (If I Ruled the World) und Grandmaster Flash an der Entwicklung beteiligt waren. Liegt ja auch nah, dass Luhrmanns erste Serie Hip Hop zum Thema hat. Schließlich wirkte schon der, meiner Meinung nach sehr gelungene, Große Gatsby stellenweise wie ein Jay-Z Video. Aber schon die erste Folge von The Get Down war ernüchternd. Statt ernsthaft den Ursprung des Hip Hops zu beleuchten, gerät die Serie leider zu einem schrillen Märchen, in dem nichts so recht zusammen passen will. Und von der im Hip Hop so wichtigen Credibility keine Spur. Dabei hätte es so interessant werden können.

Worum es geht

New York City, 1996. Ein Rapper, der sich verdächtig nach Nas anhört, betritt die große Bühne, wo er von Tausenden von Menschen gefeiert wird, und erzählt seine Geschichte. Diese führt ihn zurück in das Jahr 1977, als die Kriminalitätsrate auf dem Höhepunkt und New York noch gefährlich war.In einer Montage aus dokumentarischen Bildern sehen wir Polizeiautos, korrupte Politiker, abgeführte Gangster, brennende Gebäude und trostlose Trümmer. Einen Ort voller Ruinen, in dem die Hoffnung keimt, die Hoffnung namens Hip Hop – ein Begriff, den es damals noch nicht gab. So weit so gut, die Ausgangssituation ist interessant, die Ästhetik cool.

Jetzt setzt die eigentliche Geschichte ein: Die Bronx, 1977. In einem kleinen Appartement in einer Hochhaussiedlung macht der zukünftige Rapstar Ezekiel (Justice Smith, kein Will Smith Sprössling, obwohl der auch mitspielt) Reime über das Mädchen seines Herzens. Seine Lebensbedingungen sind trist. Er ist Waise und lebt bei seiner Tante und deren jähzornigem Freund. Mit seinen Reimen und der Musik – er spielt Klavier in der Kirche – lenkt er sich ab. Er weiß, er ist begabt, möchte davon in der Schule aber nicht profitieren, weil er Angst hat, als uncool zu gelten. Seine kriminelle Zukunft scheint vorgezeichnet. Doch das Blatt wendet sich, als er Shaolin Fantastic kennenlernt, einen DJ, der vom großen Grandmaster geschult, nach einem Wortmeister sucht. Gesucht, gefunden. Von nun an bilden die beiden ein Team und verfolgen das bescheidene Ziel, eines Tages die Stadt, vielleicht sogar die ganze Welt zu beherrschen. Und dann ist da noch seine Angebetete Mylene, die Disco-Sängerin werden will, und ein Haufen Kumpels, die ständig um ihn herumschwirren und seine „Crew“ bilden.

Das Setting, in dem sich das Ganze abspielt, bildet den kompletten Gegensatz zu den düsteren dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bildern von der Bronx als Krisenherd, die immer wieder reingeschnitten werden. Alles ist bunt und funky, ganz im Flower Power Stil der 70er eben und dazu noch die singenden Teenager. Schnell drängt sich der Eindruck auf, man sei in einer bittersüßen Teenie-Soap. Jedenfalls fällt es schwer, nachzuvollziehen, was an der Bronx eigentlich so übel und gefährlich sein soll. Aber ach ja, da sind ja noch die Bösen. Ein koksender Discobetreiber namens Cadillac und seine Mutter, eine kaltblütige Sugar Mama, von der sich Shaolin aushalten lässt. Außerdem noch gegnerische Crews, ein unsauberer Politiker, der das Herz am rechten Fleck hat sowie ein verrückter, drogensüchtiger Musikproduzent, der aus Mylene einen Star machen will. Ganz schön viele Figuren auf einmal, bei denen man sich die ganzen ersten sechs Folgen über fragt (Netflix veröffentlicht die erste Staffel in zwei Teilen), wann sie denn endlich ihre Berechtigung erlangen.

Disco meets Hip Hop – Teenie-Musical meets Gangster-Drama

Und das ist leider das Problem an dieser Serie. Sie macht einfach viel zu viele Fässer auf. Statt sich auf eine Sache zu fokussieren – zum Beispiel auf die sozialen Umstände, aus denen Ezekiel einen Ausweg sucht – werden so viele irrelevante Handlungsstränge parallel eröffnet, dass man schnell den Überblick verliert und sich langweilt. Warum nimmt Mylenes Gesangskarriere so viel Platz ein? Was hat es für eine Relevanz, dass der Politiker Cruz ein Techtelmechtel mit Mylenes Mutter hat? Keine, soweit ich das sehe  und es interessiert auch einfach nicht. Auch der Erzählstil ist teilweise over the top. Shaolin Fantastic ist nicht einfach nur ein DJ, nein, er ist vielmehr ein Mythos, der Kungfu kann und von Dach zu Dach fliegt. Grandmaster Flash bringt ihm auch nicht einfach so das Scratchen bei, nein, erst muss Shaolin das Geheimnis des magischen Bleistifts lüften. An solchen Stellen will The Get Down ein Märchen sein, an anderen ist die Serie überzogene Karikatur und dann wiederum erhebt sie Anspruch auf Authentizität. Das alles passt einfach nicht zusammen.

The Get Down hat viel Potenzial und ist ästhetisch ein Erlebnis (angeblich soll die Serie 120 Millionen Dollar gekostet haben und damit die bisher teuerste Netflix-Serie sein), aber gerade weil die Ausgangsbedingungen so gut sind, vermisst man schmerzlich eine wirklich packende Handlung, einen interessanten Konflikt. Stattdessen werden überzeichnete Klischees am laufenden Band geliefert: der pathetische Held, der viel zu sehr von sich eingenommen ist, das naive Mädchen, das auf den Produzenten hereinfällt, ein überzogener Bösewicht, der das minderjährige Mädchen verführen will und natürlich der große Traum vom Fame, der wie ein Mantra immer wieder peinlich naiv heraufbeschworen wird.

Gerade weil so gute Ansätze vorhanden sind, wiegt die Enttäuschung über diese Serie schwer. Vielleicht braucht es aber auch unbedingt den zweiten Teil der ersten Staffel, der 2017 erscheinen soll, damit die Geschichte zündet. Ich bezweifle es leider.

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