The Big Short – die Finanzkrise als Komödie

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„Truth is like poetry. And most people fucking hate poetry.“ (Overheard at a Washington, D.C. bar) (The Big Short)

Weil an dieser Erkenntnis vermutlich was dran ist, eignet sich ein Film wohl am besten, um uns die Augen für die Bodenlosigkeit der Finanzwelt zu öffnen. Und das ist es, was The Big Short (2015) eindeutig will. Dafür schlüpft er unter den Deckmantel  der Komödie, greift zu kurzweiligen Montage-Techniken, die sich immer wieder über die Handlung erheben und setzt gleich auf mehrere von Hollywoods begehrtesten Schauspielern: Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt und Steve Carell. Das Konzept geht auf. The Big Short ist ein bemerkenswerter Film, der ein komplexes Thema unterhaltsam verpackt und ein mulmiges Gefühl hinterlässt, eine Ahnung davon, auf wie viel Dreistigkeit und Dummheit das Finanzsystem basiert, von dem wir alle abhängen.

Worum es geht

Die Finanzkrise, die 2007 durch die platzende Immobilienblase in den USA eingeleitet wurde und sich 2008 zu einer Weltwirtschaftskrise hochschaukelte, traf viele Menschen unvorbereitet. Einige wiederum sahen sie bereits seit Jahren kommen und schlossen sogar Wetten darauf ab, mit denen Sie das Geschäft ihres Lebens machten. Um genau jene Menschen geht es in The Big Short.

Es beginnt mit dem Hedgefond-Manager Michael Burry (genial gespielt von Christian Bale). Der Sonderling mit Asperger-Syndrom, der mit Zahlen besser umgehen kann als mit Menschen, kommt Jahre vor dem Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts zu dem nüchternen Schluss, dass es sich bei dem boomenden Geschäft nur um eine Blase handeln kann. Das weiß er so sicher, weil er sich die Mühe gemacht hat, Tausende von Krediten zu überprüfen, die den Banken als Absicherung ihrer Wertpapiere dienen. Mit der mathematisch berechneten Erkenntnis, dass die meisten dieser Kredite nie zurückgezahlt werden können und es somit ab 2007 zu einem Zusammenbruch kommen muss, wittert Burry die Chance auf viel Geld und bietet den Banken ein Geschäft an: er „shortet“ die Immobilienpapiere, das heißt er wettet gegen sie und gewinnt im Falle ihres Werteverlustes. Für die Banken ist Burry ein Spinner, dessen Geld sie dankend annehmen. Für einige seiner Kollegen wird er zum Vorbild.

So hört der windige Jared Vennett (Ryan Gosling), Wertpapierhändler bei der Deutschen Bank, bald von Burrys Idee und steigt auf den Zug auf. Er verkauft die so gennanten Credit Default Swaps und kassiert fette Provisionen. Zum Beispiel an den zynischen Mark Baum (Steve Carrell), der das Wall Street Geschäft zwar verachtet, aber auch nicht ohne kann, oder an die jungen Fondmanager Charlie Geller und Jamie Shipley, die es aus ihrer Garage in Colorado zum großen Geld an der Wall Street zieht. Alle fiebern sie nun dem Zusammenbruch des Immobilienmarkts entgegen, was zum Einen Schwierigkeiten bereitet, weil sie vom Rest der Branche für verrückt gehalten werden und zum Anderen mit verstörenden Erkenntnissen einhergeht, die ihnen die Abgründe des bodenlosen Finanzsystems erst wirklich deutlich machen.

Ein Blick hinter die Kulissen

Der Film basiert auf wahren Ereignissen, die Wirtschaftsjournalist Michael Lewis in seiner Reportage The Big Short: Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte (2010) dokumentierte. Zwar wird nur Michael Burry unter seinem echten Namen porträtiert, doch auch die übrigen Figuren sind realen Personen nachempfunden, was die Geschichte in meinen Augen noch absurder und unglaublicher erscheinen lässt. Wie viel von den wahren Ereignissen tatsächlich in den Film eingeflossen sind, zeigt der Spiegel im Faktencheck sehr gut.

Das Interessante an The Big Short sind die Einblicke hinter die Kulissen der Krise. Denn klar, hat man die Finanzkrise und ihre Auswirkungen in den Medien verfolgt, aber das ganze System ist doch recht abstrakt und undurchsichtig. Offensichtlich sogar für die Leute, die selbst drin stecken. Erst die Verbindung zwischen dem abstrakten System und den Menschen dahinter macht die „Krise“ greifbar. Und so ist es erstaunlich, dass anscheinend nur sehr wenige Menschen genau hingesehen haben, sich die Mühe gemacht haben, die Leute hinter den faulen Hypotheken aufzuspüren um festzustellen, dass ganze Neubausiedlungen leer standen, weil die Menschen sich die Häuser zwar kaufen, die steigenden Raten aber nicht zahlen konnten. Genauso erstaunlich ist, dass das weder Politik noch Banken interessiert hat. Und das Allererstaunlichste: selbst die wenigen Menschen, die schon früh wussten, wo das hinführen würde, haben am Ende nur an ihren eigenen Gewinn gedacht. Wenn das nicht mal eine starke Aussage ist.

The Big Short will belehren, will, dass wir verstehen und uns Gedanken machen. Und da Regisseur Adam McKay um die Schwere der Kost weiß, vermittelt er das Finanzjargon mit einem Augenzwinkern. So werden bei besonders komplizierten Begriffen Cuts gemacht, damit Stars und Sternchen – denen die Leute sich bekanntermaßen viel lieber zuwenden als dem unglamorösen Finanzwesen – diese anschaulich erklären können: zum Beispiel Margot Robbie in der Badewanne oder Selena Gomez am Blackjack-Tisch. Und es funktioniert. Man muss sich konzentrieren, um den Begrifflichkeiten folgen zu können, aber der Film ist dennoch keine Sekunde lang zäh, sondern immer kurzweilig, originell, mitreißend und natürlich großartig besetzt. Besonders Steve Carrell überrascht mich immer wieder.

Ein wichtiger Film, der in meine Liste der 100 besten Filme dieses Jahrhunderts einzieht.

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