Die Reifeprüfung – Generationenclash im Schlafzimmer

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Es ist Mittwochabend. Bergfest. Ich habe Lust auf ein Glas Vino und einen Film, der mich über meinen Alltag erhebt. Únd auch ein bisschen meinen Horizont erweitert. Also greife ich wieder zu einem mir unbekannten Filmklassiker: Die Reifeprüfung (im Original: The Graduate) von 1967, einer Zeit, die so weit weg ist, dass allein schon die Requisiten und die ungewohnte Prüderie zum Faszinosum werden. Oder wo sieht man heute noch einen 21-jährigen, jungfräulichen College-Absolventen, der erstmal panisch die Gardinen zuziehen und das Licht ausmachen muss, bevor er sich von einer attraktiven älteren Frau verführen lässt?

Doch der Film ist über seine Zeit hinaus einfach fantastisch und es ist mir ein Rätsel, warum ich angesichts der allgegenwärtigen Mrs. Robinson Bezüge noch nie auf die Idee gekommen bin, ihn zu sehen. Wahrscheinlich bin ich gerade wegen dieser „MILF“ Anspielungen à la American Pie, davon ausgegangen, dass es sich dabei um einen Teenie-Klamauk handelt. Aber dem ist ganz und gar nicht so.

Worum es geht

Benjamin (Dustin Hoffmann, jung aber doch zu alt, um als 21 durchzugehen) hat gerade das College abgeschlossen und ist wieder bei seinen Eltern eingezogen, die mit ihm prahlen wie mit einem Pokal. Statt sich über seinen akademischen Erfolg zu freuen, verfällt er in eine Sinnkrise. Er weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen soll, nur wie seine Eltern möchte er auf keinen Fall werden. Da macht die reife Mrs. Robinson (Anne Bancroft) – eine Freundin seiner Eltern – Ben ein umoralisches Angebot, das er nach ein paar Tagen Bedenkzeit nicht ablehnen kann.

Benjamin beginnt eine Affäre mit Mrs. Robinson, die hauptsächlich aus Rendezvous in dunklen Hotelzimmern besteht. Mrs. Robinson ist unkompliziert, sie möchte nicht reden. Benjamin ist für sie eine kleine Ablenkung von ihrem unbefriedigenden Vorstadtehefrauendasein. Ihre einzige Bedingung ist, dass Benjamin nicht mit Elaine (Katharine Ross) ausgeht, ihrer Tochter, die genau in seinem Alter ist und in Berkeley studiert. Ben verspricht es und verliebt sich doch auf den ersten Blick in Elaine, was Mrs. Robinson natürlich gar nicht gefällt. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Ein Generationenclash meisterhaft inszeniert

Die Reifeprüfung ist eine bemerkenswerte Mischung aus Komödie und Melodram. Benjamins Unbeholfenheit, die bizarren Situation, in denen er sich wiederfindet sind hochkomisch und doch liegt über dem gesamten Film eine melancholische Atmosphäre, die nicht zuletzt durch den wunderbaren Soundtrack von Simon & Garfunkel erzeugt wird.

Melancholisch wirken auch die perfekten Oberflächen der amerikanischen Vorstadt, durch die sich Benjamin wie unter Wasser bewegt. Ob vor seinem Aquarium oder im Pool – das Leben bei seinen Eltern, die im Gegensatz zu seinem emotionslosen Auftreten regelrecht hysterisch wirken, rauscht wortwörtlich an ihm vorbei und scheint nichts mit ihm zu tun zu haben.

Ich fühlte mich an Mad Men erinnert: die perfekte amerikanische Fassade, hinter der es bröckelt, Dekadenz und Sinnentleertheit. Der entscheidende Unterschied: Die Reifeprüfung ist nicht retro, der Film erschien 1967 und fing eine Stimmung ein, die politisch noch gar nicht zum Ausdruck gekommen war. Die Stimmung einer Generation, die nicht mehr länger nach den Regeln ihrer Eltern spielen wollte. Mrs. Robinson erscheint als ein Symptom für den Werteverlust der Elterngeneration.

Aber so hochtrabend muss man es gar nicht sehen. Denn der Film ist eigentlich ein leichter. Großartig geschnittene Bilder fließen ineinander, münden in einer unerwarteten Liebesgeschichte und schließlich in einem fulminanten Ende. Das Ende ist tatsächlich großartig, gerade weil es so simpel ist, alle Zweifel beseitigt und gleichzeitig offen bleibt. Benjamin und Elaine (im Hochzeitskleid) sitzen im Bus. Sie sind euphorisch und lächeln glücklich. Die Kamera ruht auf ihren Gesichtern und beoabachtet schließlich, wie sich diese verändern. Das Lächeln weicht einem unsicheren und schließlich einem starren Blick. Hello darkness, my old friend. Simon & Garfunkel stimmen das Lied vom Filmbeginn an.

Warum hat Benjamin sich Hals über Kopf in Elaine verliebt? Warum wollte er das Mädchen, das er kaum kannte, unbedingt heiraten und damit genau das Leben führen, das er eigentlich vermeiden wollte? Am Ende scheint er es auch nicht mehr genau zu wissen. Die Unmöglichkeit der Situation, die fixe Idee von der unschuldigen Liebe hatte ihm wieder Antrieb gegeben. Als das Ziel erreicht war, scheint der Antrieb verpufft zu sein und die Zukunft so ungewiss wie zuvor.

Die Reifeprüfung ist ein toller Film, den man am besten im Original sieht, weil die Synchronstimmen jener Zeit leider überhaupt nicht natürlich klingen.

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3 Kommentare zu „Die Reifeprüfung – Generationenclash im Schlafzimmer“

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