Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind Amok läuft? Wird ein Mensch bösartig geboren oder ist es das Umfeld, das ihn dazu macht? Diese Frage wurde wahrscheinlich selten so drastisch gestellt wie im Roman Wir müssen über Kevin reden (We need to talk about Kevin, 2003) von Lionel Shriver.

Bei mir persönlich, die ich vor nicht allzu langer Zeit selbst Mama geworden bin, hat dieses Thema jedenfalls einen Nerv getroffen und mich so beschäftigt, dass ich mir gleich die Verfilmung zum Roman ansehen musste. Nicht weil mein Kind so böse ist, ganz im Gegenteil, halte ich meine Tochter natürlich für das liebste und süßeste Geschöpf der Welt – nach der Lektüre dieses Romans umso mehr – aber hätte ich theoretisch auch ein Kind bekommen können, das ich nicht mag, so wie es Eva in Wir müssen über Kevin reden ergangen ist? Die Antwort auf diese Frage ist eine gewaltige Grundsatzdiskussion, was diesen Roman zu mehr macht als einem fesselnden Psychothriller, der stellenweise an Horror grenzt.

Worum es geht

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag wird Kevin zum Amokläufer und tötet 9 Menschen an seiner High-School. Im Fokus des Romans steht jedoch nicht Kevin selbst, sondern seine Mutter Eva, die etwa zwei Jahre später in Form von Briefen an ihren abwesenden Ehemann Franklin versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Sie erzählt, wie es ihr als Ausgestoßene in der Gesellschaft ergeht, rekonstruiert das Leben mit Kevin und fragt sich immer wieder, warum? Wie konnte es soweit kommen und was hätte sie als Mutter anders machen können?

Mit dem Amoklauf vor Augen, tauchen wir ein in die Geschichte einer Familie, in deren Mitte ein Massenmörder heranwächst. Eva und Franklin sind wohlhabende Städter, die beruflich alles erreicht haben, und sich nun an der Familiengründung versuchen. In tragischer Selbstbezogenheit schildert Eva Brief um Brief, wie sie an der Mutterschaft scheiterte. Wie alle ihre Hoffnungen und Erwartungen eine nach der anderen enttäuscht wurden und wie sie am Ende ihr Leben als erfolgreiche Reiseführerverlägerin gegen das einer frustrierten Vorstadtmutter eintauschen musste. Mit einem Sohn, der es sich von Geburt an, zur Aufgabe macht, ihr das Leben zur Hölle zu machen und einen Keil zwischen sie und ihren Ehemann zu treiben.

Episode um Episode entfaltet sich ein Bild von Kevin als Satansbraten, das dem Buch den Charakter eines Psychothrillers verleiht, weil man sich als Leser schon vor der nächsten grauenhaften Tat dieses Kindes fürchtet. Gleichzeitig ist man entsetzt darüber, in welcher Atmosphäre Kevin aufwachsen muss. Mit einer Mutter, die die Mutterschaft nur als Maske vor sicher herträgt und ihren Sohn „eigentlich nie gemocht hat“ und einem Vater, der im Gegenzug pausenlos den Clown spielt und so besessen von der Idee eines Sohns ist, dass er den Sohn dahinter gar nicht sieht. In diesem Spannungsfeld spielt auch Kevin eine Rolle: seiner Mutter gegenüber ist er der feindselige Teenager, für seinen Vater spielt er den Vorzeigesohn. Immer wieder kommt es zu Vorfällen, die im Rückblick betrachtet nur ein kleiner Vorgeschmack auf den Tag sind, an dem Kevin mit einer Armbrust bewaffnet in die Schule geht und das Leben seiner Mutter sich drastisch ändert.

Buch: Psychothriller oder Sozialstudie

Der 2003 erschienene Roman hat eine enorme Sogkraft. Nach den ersten paar Seiten konnte ich das Buch kaum weglegen. In einer sehr direkten, reflektierten Sprache macht Eva deutlich, dass der Sohn, der nicht nur so viele Menschen, sondern auch sie selbst das Leben gekostet hat, nie hätte auf die Welt kommen sollen.

Welcher Teufel ritt uns? Wir waren so glücklich! Warum setzten wir alles, was uns lieb war, auf diese eine, wahnsinnige Karte und spielten um ein Kind? […] Ich wache jeden Morgen mit seiner Tat auf und gehe jeden Abend mit ihr zu Bett. Sie ist ein schäbiger Ersatz für einen Ehemann.

Wenn Eva rückblickend feststellt, dass sie eigentlich nie ein Kind wollte, dass Kevin von Geburt an schwierig war und sich für sie wie ein Fremdkörper anfühlte, wenn sie schildert, wie abgelehnt und zurückgewiesen sie sich von ihm fühlte, dann appelliert der Roman an die schlimmsten Ängste einer jeden werdenden Mutter. Statt diese zu entkräften, lässt er den Alptraum wahr werden: mit jeder neuen Greueltat wird Kevin zunehmend zum Soziopathen, zur Ausgeburt des Bösen stilisiert. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass es Eva ist, die die Geschichte erzählt. Kevin selbst hätte womöglich eine andere Sicht der Dinge darzubieten. Und an diesem Punkt wird es schwierig zu differenzieren.

Die Kreuzung aus Psychothriller, Sozialstudie und Horror lässt das nur bis zu einem gewissen Grad zu. Auch weil Shriver es mit Kevins Satansbraten-Attributen manchmal etwas übertreibt. Aber dann wiederum besteht der Clou ja wiederum in Evas Perspektive. Und wahrscheinlich ist das Gruselige sogar gewollt. Schließlich ist ein Amoklauf der blanke Horror, den man mit psychologischen Motiven kaum erklären kann. Ist der Junge schlicht bösartig oder wurde er von einer unnahbaren, ablehnenden Mutter und einem übereifrigen, ignoranten Vater dazu gemacht? Angesichts der Dinge, die Kevin den Menschen in seiner Umgebung antut, glaubt man Eva natürlich sofort, dass Kevin mit einer gewaltigen Wut auf die Welt gekommen ist. Aber andererseits ist sie es schließlich auch, die diese Geschichte aus ihrer Sicht erzählt. Eine Schuldzuweisung ist am Ende kaum möglich, auch weil die Schuld zu schwer wiegt, um ein pauschales Urteil zu fällen.

Eva jedenfalls gibt ihr bestes: sie setzt sich mit ihrer Schuld auseinander, sie beschäftigt sich auch mit anderen Amokläufen, um zu verstehen, warum es so weit kommen musste und sie hält trotz allem an Kevin fest. Am Ende des Romans ist sie wahrscheinlich mehr Mutter als je zuvor.

Film: Tilda Swinton als Eva

Während der Roman viele Themen aufgreift (Mutterschaft, die Auswirkungen von Elternschaft auf die Ehe, High-School-Amokläufe und ihre Beweggründe, Amerikakritik) beschränkt sich der Film ganz bewusst auf die Beziehung zwischen Eva und Kevin und tut sich damit leider keinen Gefallen. Fragmentarisch werden Episoden eingeblendet, die Evas Unbeholfenheit und Kevins Feindseligkeit darstellen sollen, während die Rahmenhandlung aus einer zerschlagenen Eva besteht, die tagsüber im Reisebüro arbeitet und sich nachts mit Wein und Tabletten betäubt.

Ich habe den Roman als sehr amerikanisch empfunden. Es geht darin viel um das amerikanische Selbstverständnis, von dem sich Eva zwar kritisch distanziert, das sie aber dennoch verkörpert, wie Kevin spitzfindig bemerkt. Es geht um Heuchelei, um gesellschaftliche Erwartungen und nicht zuletzt darum, dass es Ende der Neunziger Jahre eine ganze Welle von Amokläufen an amerikanischen High-Schools gegeben hat. All das einfach auszublenden (man denke einmal an Bowling for Columbine), macht die Geschichte sehr eindimensional und schwer nachvollziehbar. Selbst Franklin, der Vater, der im Roman immerhin der Adressat von Evas Briefen ist, wird im Film zur Randfigur degradiert.

Die fragmentarische Erzählweise baut nur wenig Spannung auf, Kevins Taten, die im Buch für Gänsehaut sorgen, werden abgeschwächt auf jugendliche Trotzhandlungen. Der Film möchte sich eindeutig auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn konzentrieren und wird dabei oft symbolisch. Da er aber im Groben und Ganzen dennoch der Geschichte des Romans folgt, wirkt er schlicht unrund. Allein schon der penetrant fröhliche Soundtrack (der keinen Zweifel daran lässt, dass es sich bei dem Film um eine britische Produktion handelt) ist nach einer Weile mehr als irritierend.

Die Besetzung allerdings ist perfekt getroffen. Tilda Swinton als extravagante, unnahbare Mutter ist optisch der perfekte Gegensatz zum gutgläubigen All-American-Dad John C. Reilly. Und auch Ezra Miller ist als Kevin perfekt besetzt. Die krasse Ähnlichkeit zwischen Mutter und Sohn finde ich deshalb so gut gewählt, weil mir beim Lesen des Romans oft der Gedanke gekommen ist, dass Kevin einfach eine viel extremere Version von Eva selbst ist. Auch sie ist sehr ablehnend und fühlt sich ihrer Umgebung gegenüber überlegen. Ihr Sohn lässt dieser hoffnungslosen Ablehnung Taten folgen.

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6 Kommentare zu „Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden“

  1. Habe das Buch nicht gelesen. Wird dort denn von Anfang an verraten, dass dort ein Amoklauf passiert?
    Im Film wird daraus ja ein größeres Geheimnis gemacht und ich war ganz froh, dass ich von diesem Umstand davor nichts wusste.

    Grüße

    Gefällt mir

      1. Hatte ich di hierauf nicht bereits geantwortet? Seltsam.
        Da du einen kleinen Vergleich zwischen Buch und Film machst und der Streifen nicht mehr der jüngste ist, sollte das schon klargehen.

        Grüße

        Gefällt mir

  2. Ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen und erinnere mich daran, dass ich es als sehr intensiv, teilweise erschreckend empfunden habe. Als Thriller habe ich es überhaupt nicht gesehen, das hat mich gerade verwundert. Vielleicht habe ich es auch grundsätzlich eher als Sozialstudie gelesen. Auf jeden Fall sehr interessant und bewegend.

    Viele Grüße
    Mona

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ging mir genauso. Ich fand es schwierig, es einem Genre zuzuordnen, aber so wie die Spannung im Buch bewusst mit jeder weiteren Tat von Kevin gesteigert wurde und angesichts der Dramatik am Ende, hielt ich Psychothriller für ganz passend. Briefroman wäre wohl die passende Bezeichnung gewesen. Liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

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