Gilmore Girls: A Year in the Life

Die letzten vier Worte, mit denen Serienschöpferin Amy Sherman-Palladino die Gilmore Girls seit jeher hatte enden lassen wollen, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Nach einem sechsstündigen Serienmarathon, der seine Höhen und Tiefen hatte, ließen uns diese wie aus dem Nichts kommenden Worte völlig verdattert und kein bisschen befriedigt zurück. Denn was sollte das eigentlich anderes sein als Effekthascherei? Weder passte diese Wendung zur vorangegangen Story, noch brachte sie einen richtigen Abschluss. Das einzige, was man dieser Circle-of-Life Idee zugute halten kann, ist dass sie viele Spekulationen möglich macht. Aber ist es wirklich das, was man sich von einem Serienende wünscht: noch mehr Fragen und Spekulationen?

Fragen und Spekulationen gab es im Vorfeld schon zu genüge: Sind Lorelai und Luke noch zusammen? Sind sie verheiratet, haben sie Kinder? Was macht Rory? Mit wem wird sie enden? Dean, Jess, Logan, weder noch? Was ist aus den anderen Stars Hollow Bewohnern geworden? Das Spannende an so einem Reboot ist ja gerade, dass altvertraute Figuren wieder zum Leben erweckt werden und dass die Geschichte umgeschrieben werden kann, vielleicht sogar zu dem Ende hin, das man sich selbst für die Figuren gewünscht hat.

Und so waren kleine Enttäuschungen von vornherein unvermeidbar. Unmöglich, dass die Serienmacher die Erwartungen aller Fans bedienen konnten. Und doch, ein bisschen mehr hätte es sein dürfen. Ein bisschen mehr neue Handlung und weniger aufgewärmte Storylines aus der Vergangenheit, ein bisschen mehr Stringenz und weniger nichtssagender Anekdoten (diese unglaublich langgezogene Musicalprobe!), ein bisschen weniger Pose (waren da die Kostümleute von Sex and the City am Werk?) und dafür mehr Substanz. Ideal hätte ich gefunden, wenn die letzte Folge (Herbst) die erste gewesen wäre. Denn an dieser Stelle wurde es erst spannend. Nun waren die Gilmore Girls nie eine besonders auf Spannung ausgelegte Serie. Aber bei einer Folgenlänge von 90 Minuten bietet es sich doch an, mehr zu bringen als nur dahinplätschernde Atmosphäre garniert mit ein paar Gags, zumal es ja genug Konfliktpotential gab.

Aber nun genug gemeckert. Es stimmt. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Ich hatte gehofft, dass Jess eine viel größere Rolle spielen würde und auch dass die Geschichte mit Logan mit dem abgelehnten Heiratsantrag endgültig vorbei wäre. Dass sich diese Erwartungen nicht erfüllt haben, heißt nicht, dass dieses kleine Serienexperiment nicht trotzdem ein großer Spaß war. Und natürlich bleibt jedem selbst überlassen, wie er das Ende interpretiert. Dass die Meinungen im Netz dazu tendieren, Parallelen zwischen Logan und Christopher und Jess und Luke zu ziehen, zeigt mir nur, dass ich mit meinen Erwartungen nicht alleine dastand.

Die Highlights

gilmore-girls

Taylor, Kirk, Miss Patty, Babette, Lane, Brian, Zack, Gil, Michel – als wären keine neun Jahre seit der letzten Folge vergangen, ist fast die gesamte Stars Hollow Crew wieder mit von der Partie. Wie bei einem Klassentreffen kann man fasziniert beobachten, wer kaum gealtert (Taylor) und wer dagegen kaum wiederzuerkennen ist (Zack?).

Rory ist freie Journalistin, die zwischen London und New York jettet, drei Handys hat und einen Freund, den sie ständig vergisst. Dazu eine unanständige Affäre und keinen festen Wohnsitz. Diese Rory mit dem überkorrekten, auf Sicherheit bedachten Bücherwurm zu vergleichen, der sie zu Beginn der Serie war, ist nahezu unmöglich. Und auf der einen Seite scheint es völlig out of character und absurd, dass eine ehrgeizige Yale-Absolventin, die mit dem Präsidenten auf Wahlkampftour war, nun einer ungewissen Zukunft entgegenblickt. Auf der anderen Seite aber spiegelt ihre berufliche Odyssee wohl ganz gut die Realität wider, zumindest die in der Medienbranche. Es ist eine ganz andere Rory, die wir hier zu sehen bekommen, wohl das allererste Mal ganz ohne Plan und To-Do-Listen.

Lorelai und Luke sind ein gut eingespieltes Paar. Das allein ist schön, auch wenn man sich schon fragt, wie es kommt, dass die beiden es immer noch nicht geschafft haben zu heiraten und warum sie sich erst jetzt mit dem Kinderthema beschäftigen. Nach dem Tod ihres Vaters gerät Lorelai in eine Krise, sie stellt ihr Leben in Frage und möchte sich Klarheit verschaffen…auf einem großen Trip. Dem gleichen, den Reese Witherspoon in Wild auf sich genommen hat. Wenn das nicht out of chracter ist, was dann? Lorelai, die die Natur immer gemieden hat, geht auf große Wanderschaft. Zum Glück passiert das alles mit einem Augenzwinkern und wird dann doch recht unterhaltsam. Und die anschließende Krönung ihrer Geschichte mit Luke ist einfach zauberhaft.

Das Kinderthema wurde wahrscheinlich nur aufgegriffen, um Paris Gellar ins Spiel zu bringen, was perfekt gelungen ist. Niemand hat wohl je daran gezweifelt, dass aus Paris eine erfolgreiche Karrierefrau werden würde. Die Szene auf der Toilette der Chilton Schule hat ihrer Erscheinung aber noch die Krone aufgesetzt. Wie sie nahtlos an die alten High School Rivalitäten mit Francie anknüpft und damit offenbart, wie wenig ihr Erfolg sie eigentlich beeinflusst hat, ist für mich eines der großen Highlights nicht nur der Frühling-Folge, sondern der ganzen Staffel überhaupt.

Sowohl Rorys als auch Lorelais Männer haben alle ihren kleinen Auftritt im Revival. Und es ist erstaunlich, zu verfolgen, wie sie sich entwickelt haben. Im Grunde ist jeder das geworden, was man auch erwartet hatte. Dean, der treusorgende Familienvater, Christopher, der kühle Anzugträger, Logan, der reiche Sohn und Jess, der inspirierende, zuverlässige Freund, der zur Familie gehört. Na gut, das hätte man von Jess nicht unbedingt erwartet. Umso erstaunlicher ist seine Wandlung und umso erstaunlicher, dass Rory darauf in keinster Weise reagiert. Stattdessen wendet sie sich wieder der Life and Dead Brigade zu, deren einziges Freizeitvergnügen darin besteht, mit Geld um sich zu werfen. Inwiefern das was mit Freundschaft zu tun hat, hat sich für mich nicht erschlossen. Aber nun ja, uns Jess-Fans bleibt dann eben die Tatsache, dass Jess derjenige war, der sie zu ihrer Arbeit inspiriert hat und natürlich dieser vielsagende Blick durchs Fenster am Ende der letzten Episode.

Die unglaublichste und tiefgreifendste Wandlung hat aber Emily Gilmore durchgemacht. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich allein gestellt und findet tatsächlich zu sich selbst. Verloren und zusammengeschrumpft hält sie sich zunächst an alten Mustern fest, bevor sie diese schließlich genauso über Bord wirft wie ihre starre Garderobe und die Angst davor, was andere Leute denken könnten. Am Ende scheint sie glücklich zu sein, mit ein und dem selben Hausmädchen, das ihr zur Familie geworden ist. Ein schöneres und unwahrscheinlicheres Ende hätte ich mir für sie nicht vorstellen können.

Und das gilt im Grunde für die gesamte Serie. Besinnt man sich auf den Kern dessen, worum es von Anfang an ging – nämlich um starke Familienbande – ist das Ende absolut einleuchtend und gewissermaßen philosophisch. In Anbetracht des vorherigen Handlungsverlaufs ist es aber dennoch zu abrupt und unharmonisch. Es ist zu eindeutig Provokation, um das Ende zu sein. Und dennoch glaube ich nicht, dass es eine weitere Staffel geben wird. Ich befürchte Sherman-Palladino hat sich von den Sopranos inspirieren lassen.

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