Thomas Hettche: Nox – der etwas andere Wenderoman

thomas_hettche_noxWas für ein kranker Scheiß?! So oder so ähnlich könnte die erste Reaktion auf Thomas Hettches Roman Nox (1995) ausfallen. Da ist eine junge Frau, die in der Nacht des Mauerfalls einen Mord begeht und anschließend namenlos und desorientiert durch Berlin irrt und von einer obszönen Situation in die nächste stolpert. Da ist das Mordopfer, ein Schriftsteller und wohl nicht ganz zufällig der Erzähler des Romans, der, während er seine eigene Verwesung kommentiert, seiner Mörderin fasziniert durch die Stadt folgt und sie bei obskuren Orgien beobachtet. Da ist ein Professor mit einer perversen Obsession für das Pathologische und ein bemitleidenswerter Mauerhund, der am Ende als sprechender Erlöser auftritt. Auf den ersten Blick alles irgendwie schräg. Auf den zweiten aber durchaus interessant, denn alles Verstörende was hier geschieht, geschieht parallel zur Maueröffnung, so dass Berlin hier sehr plastisch als geschundene, vergewaltigte Frau auftritt.

Die vergewaltigte Stadt

Und ich hörte, wie die Stadt träumte, und wie die Öffnung der Grenze, die sie durchlief wie ihr steinernes Rückgrat, sie ganz langsam erreichte in ihrem Schlaf. Am Übergang Chausseestraße hatten um zwanzig Uhr dreiundvierzig die ersten sechzig DDR-Bürger die Mauer passiert, im Norden an der Bornholmer Straße zwischen Prenzlauer Berg und Wedding um einundzwanzig Uhr achtundzwanzig. Bis Mitternacht strömten zwanzigtausend Menschen über die Bösebrücke, Hunderte stürmten zugleich im Süden den Kontrollpunkt Friedrichstraße, und überall waren die Straßen schwarz vor Fußgängern, die, von den Blitzlichtern der Photographen erhellt, in den Westen drängten.
Der Schmerz brannte im Körper der Stadt, und ihre Augen zuckten hinter den geschlossenen Lidern im Schlaf, während das Schiff langsam immer weiter in sie hineinglitt.[…]

Was ich an Thomas Hettches (Die Liebe der Väter) Erzählstil besonders mag, ist die Verknüpfung von harten Fakten mit fiktiven Geschehnissen in einer bildschönen, symbolischen Sprache. Berlin erwacht zum Leben, nicht durch die großen, weltbewegenden Schlagzeilen, sondern durch die kleinen, beiläufigen Meldungen, die tagtäglich das Stadtbild prägen: in der Yorckstraße brennt eine Wohnung aus, auf dem Friedhof Neukölln werden Grabsteine umgeschmissen und an der U-Bahnstation Olympiastadion verunglückt ein Jugendlicher. Die Aktienmärkte haben sich erholt und die Sonne geht an diesem Tag, dem 9. November 1989, um sieben Uhr achtzehn auf und um sechzehn Uhr vierundzwanzig wieder unter.

All diese sorgfältig recherchierten Fakten- in allen biologischen Einzelheiten wird  die Verwesung des Erzählers geschildert – haben scheinbar nichts mit der Handlung zu tun und sind doch ein Teil davon, denn sie ergeben ein komplexes, historisches Gemenge, aus dem Berlin ganz plastisch hervortritt. In ihrer Summe machen sie außerdem deutlich, wie alles zusammenhängt, wie das große Ganze, das manchmal so schwer zu begreifen ist, aus vielen kleinen, rationalen Versatzstücken besteht, die man vielleicht nur auseinanderpflücken müsste, um das Gesamtbild zu verstehen. Was Thomas Hettche hier in seinem zweiten Roman macht, erinnert stark an Berlin Alexanderplatz, und ist zugleich nur eine kleine Kostprobe von dem, was er in Die Pfaueninsel (2014) zum besten gibt.

Staunend sah sie zu, wie entlang der Mauer die Narbe, die mitten durch die Stadt lief, aufbrach wie schlecht verheiltes Gewebe. Wie man gleißend die Stelle ausleuchtete und eilig Wundhaken hineintrieb. Blitzenden Stahl ins Fleisch, um das unter der Anspannung  blutleere und weißglänzende Bindegewebe der Narbe, die seit Jahrzehnten verheilt schien, nun vollständig aufzureißen.[…]

Am lebendigen Leib, verstehen Sie? Sie reißen die Narbe auf, die so gut verheilt schien. In dieser Nacht, verstehen Sie? Man muß neu begrenzen, ins Wuchernde schneiden, tief ins Lebedinge hinein.

Im Laufe der Nacht verschmilzt die namenlose Frau immer mehr mit Berlin. Alles was ihr an Gewalt widerfährt, geschieht gewissermaßen auch der Stadt. Ihr Körper wird zur „Topographie eines Krieges“, während Berlin von dem erschütternden Ereignis der Maueröffnung physisch gezeichnet ist. Es ist faszinierend, wie der Roman die medial ausgeschlachtete Euphorie dieser Nacht ins Obszöne verzehrt und damit gleichzeitig deutlich macht, welch ein brachiales Ereignis der Mauerfall war, nach dem nichts mehr so sein würde wie zuvor. Und so spricht der weise Mauerhund am Ende:

Wir alle drei, sagte er, du und ich und sie, gehören zu einer Geschichte. Zu einer alten Geschichte, die sich wieder ereignet. Warum? Wer weiß? Nichts von dem, was du kennst, wird nach dieser Nacht bleiben, wie es ist. Und nur die Geschichten, die man sich davon erzählt, bestimmen, was wird.

 

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