Julia Franck: Rücken an Rücken

julia-franck-ruecken-an-rueckenEs muss schwer sein, die Autorin eines internationalen Bestsellers und Trägerin des Deutschen Buchpreises zu sein. Wie soll man einem solchen Erfolg in zukünftigen Arbeiten gerecht werden? Ich jedenfalls konnte nicht umhin, große Erwartungen an Julia Francks Rücken an Rücken (2011) zu haben, dem Nachfolger von Die Mittagsfrau (2007), einem Buch, das wohl nicht nur mich begeistert hat.

Natürlich sind solch hohe Erwartungen oder gar Vergleiche der beiden Romane miteinander unfair, aber Julia Franck scheint es förmlich darauf anzulegen. Auch Rücken an Rücken ist ein Roman, der das Leben eines inniges Geschwisterpaares zum Thema hat und sich dabei mit deutscher Geschichte auseinandersetzt – nach der NS-Zeit nun die DDR kurz vor dem Mauerbau. Auch in Rücken an Rücken machen wir die Bekanntschaft mit einer Mutter, die Gefühle nicht gelten lässt und ihre Kinder mit eisiger Strenge erzieht. Im Vergleich zur Mittagsfrau ist das Erzähltempo hier jedoch deutlich langsamer. Mehr als die äußere Handlung steht hier die innere Entwicklung der Protagonisten im Fokus, ihre Anpassung an die vorherrschenden Verhältnisse in Ost-Deutschland, die sich Anfang der 60er Jahre wie eine Schlinge um den Hals eines jeden freiheitsliebenden Menschen legen.

Wer ständig Freiheit will, wird nur unglücklich; sie wird nie dort sein, wo du bist. (Julia Franck: Rücken an Rücken)

Worum es geht

Berlin Rahnsdorf, Ende der 50er Jahre. Die Geschwister Ella und Thomas wachsen bei einer Mutter auf, für die sie mehr Hauspersonal denn Familie sind. Käthe ist Künstlerin, hat als Jüdin während des Krieges viel durchgemacht und sich nun dem Kommunismus verschrieben. Ob aus Überzeugung oder um sich mit den Obersten gut zu stellen, bleibt unklar. Für Ella und Thomas noch unklarer als für den Leser, erfahren sie von ihr doch stets nur schroffe Zurück- und Zurechtweisung. Die fast gleichaltrigen Geschwister haben nur einander und verbringen ihre Kindheit Rücken an Rücken, sind „einander Liebe und Gedächtnis“, wie es der Verlag so schön formuliert.

Im Laufe der Jahre, in denen Thomas sich zu einem begabten Schüler und Ella sich zu einer leidenden Rebellin entwickelt, wird das starke Band zwischen den beiden auf eine harte Probe gestellt. So sehr sie einander brauchen, so wenig verstehen sie sich. Thomas quält die Vorstellung von einem Leben in Unfreiheit, in dem er seine Träume nicht verwirklichen kann, während Ella gegen die Dämonen ihrer Kindheit ankämpft und sich nur ein bisschen Frieden wünscht. Die Geschwisterliebe  verhindert, dass sie woanders einen Neuanfang wagen, erweist sich aber auch nicht als hoffnungsvoll genug. Die beiden entfernen sich voneinander, als sie einander am meisten brauchen. Thomas verstrickt sich in eine fatale Beziehung mit der verheirateten Marie, während Ella immer weiter den Lebensmut verliert. Es kommt zu einer Tragödie.

Ein Hauch von Seifenoper

Ich mag Romane, die Geschichte aufgreifen, sie lebendig werden lassen und Fragen nach dem wie und warum aufwerfen. Ich finde auch die Idee von einer haltgebenden Geschwisterliebe, die auf eine harte Probe gestellt wird, interessant. Das ist für mich Stoff genug für einen großen Familienroman, der zudem noch in einer so brisanten politischen Zeit spielt, zum Zeitpunkt des Mauerbaus 1961. Der Autorin reicht das offenbar nicht. Sie überzeichnet ihre Protagonisten leider, indem sie sie als Missbrauchsopfer inszeniert.

Ella wird schon als kleines Mädchen von ihrem Stiefvater missbraucht, einem KZ-Überlebenden, später dann vom Untermieter, der sich als Stasi-Agent entpuppt. Thomas scheint aus der Begegnung mit dem schmierigen Untermieter ebenfalls traumatisiert zu sein und wird auf einem Arbeitseinsatz im Steinbruch außerdem von seinen Arbeitskollegen fortwährend körperlich und seelisch gequält. Marie, seine Freundin, wird regelmäßig von ihrem Mann verprügelt, wenn sie sich weigert für seine Freunde zu tanzen. Ja, schon klar, das Leben in einem Land, das seine Bewohner einzäunt, ist ein qualvolles, aber all diese immerwährenden körperlichen Misshandlungen, auf die immer nur passiv reagiert wird, sind einfach zu viel (waren die Ostdeutschen wirklich so grausam, kommt einem irgendwann unwillkürlich in den Sinn). Sie lenken von der eigentlichen Geschichte ab und lassen die Geschwisterbeziehung so nebensächlich erscheinen, das man sich fragt, warum sie zu Beginn überhaupt so prominent inszeniert wurde. Zumal die Entwicklung der beiden Charaktere recht eindimensional verläuft. Während Ella, die Theatralische, sich regelrecht auflöst in ihrem Lebenstrauma, flüchtet Thomas, der schon immer ein sensibler Junge war, immer mehr in seine poetischen Traumwelten.

Die Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR wirkt durch die Überdramatisierung der Protagonisten leider etwas fehl am Platz. Die Ambivalenz, das Geheuchelte, Zwanghafte – das alles findet sich sehr wohl in Käthes Haus, die zwar den Arbeiter hochlobt und das Eigentum abgeschafft sehen will, aber im nächsten Moment stolz auf ihre bildungsbürgliche Herkunft verweist und ihre Tochter bloßstellt, weil diese es gewagt hat, ihre Bluse auszuleihen. Auch Thomas‘ Verzweiflung geht nicht zuletzt auf seine Unfreiheit zurück. Was ihn und Ella jedoch wirklich quält, kann angesichts ihres grausamen privaten Umfelds nicht das politische System sein.

Es scheint als würde Franck sich hin und wieder daran erinnern, dass es doch auch ums Politische gehen sollte. Doch auch dann trägt sie leider wieder zu dick auf:

Die hier. Thomas hörte, wie wenig Käthe sich als Teil des Hier empfand, wie dringend sie, vielleicht mit Hilfe ihrer Heldentaten für die Arbeiter, ein Teil des Ganzen werden wollte, sich anpassen, einfügen, dabei sein und dazugehören zu einem Deutschland, das sie noch vor gut zwanzig Jahren ausgewürgt hatte, Menschen wie sich nicht mehr gebraucht, nicht mehr gewollt, vertrieben, verjagt und umgebracht hatte, und das sich jetzt nur mühsam erholte. (Julia Franck: Rücken an Rücken)

Das ist treffend, aber auch eine Spur zu plakativ. Hinter diesen Worten verbirgt sich nichts mehr, was es noch herauszufinden gilt. Und das ist vielleicht der Kern meiner Kritik an diesem Roman. Sprachlich ist er ganz wunderbar und liest sich locker weg, das Ende ist bewegend. Aber es ist kein Roman, der mitnimmt oder haften bleibt. Alles liegt dramatisch aufbereitet an der Oberfläche, es gibt leider nicht mehr viel zu ergründen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s