Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember

img_20170102_205025Wie der Zufall es wollte, war mein Lese-Dezember geprägt von der literarischen Auseinandersetzung mit der DDR bzw. der deutschen Teilung. Beginnend mit der Nacht des Mauerfalls, die Thomas Hettche in Nox (1995) als barbarische Orgie inszeniert über Julia Francks Roman Rücken an Rücken (2011), in dem zwei Geschwister an der Unmenschlichkeit des sozialistischen Systems zugrundegehen bis hin zu Marion Braschs autobiografischem Roman Ab jetzt ist Ruhe (2012), in dem sie sehr humorvoll von ihrer Kindheit und Jugend in der DDR inmitten ihrer „fabelhaften Familie“ erzählt. Vom Vater, dem hohem Parteifunktionär und stellvertretenden Kulturminister, dessen Idealismus auf eine harte Probe gestellt wird, von der Mutter, die der Tristesse mit Humor begegnet und den drei Brüdern, die in der Kunst eine Zuflucht suchen und sich damit gegen den linientreuen Vater wenden (Marion Braschs Brüder sind die Schriftsteller Peter und Thomas Brasch sowie der Schauspieler Klaus Brasch).

Zwei Romane – zwei Familien in der DDR

Obwohl ich diese Romane nur zufällig in dieser Reihenfolge gelesen habe, bieten sich vor allem Francks und Braschs Roman für einen Vergleich geradezu an, geht es in beiden im Kern doch um dieselbe Frage: Wie wächst man auf in einem Staat, der seinen Bürgern nicht traut? Wie geht man um mit Fremdbestimmung und Heuchelei? Und wie weit dringen die staatlichen Machtstrukturen in die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie, vor?

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Die Art und Weise, mit der Marion Brasch an diese Fragen herangeht, ist genau die, die ich in  Julia Francks Roman vermisst habe: mit Humor und Menschlichkeit, mit leisen und treffenden Tönen über das Alltägliche, hinter denen das Traurige, Suppressive dennoch stets spürbar ist. Vor allem überzeugt Ab jetzt ist Ruhe mit realistischen, ambivalenten Charakteren. Während in Francks Roman alle Repräsentanten des Staates unmenschlich und brutal auftreten und die Geschwister gänzlich Opfer sind, sind Braschs Figuren nicht so eindeutig festgelegt. Der Familienvater ist überzeugter Parteifunktionär und leidet dennoch darunter, dass seine politische Laufbahn mit den Bedürfnissen der Familie kollidiert. Der rebellische Schriftsteller-Sohn weiß genau, dass es für ihn keine Zukunft in einem zensierten Staat geben kann und vermisst dennoch seine Heimat und den autoritären Vater. Der allgegenwärtige Stasi-Mann wird als lästig empfunden, wird aber dennoch als Mensch gesehen, der Familie hat und lediglich seinen Job schlecht gewählt hat.

Klar, könnte man nun sagen, dass es sich bei Marion Braschs Perspektive um die einer privilegierten Funktionärstochter handelt, die nie wirklich schlimme Erfahrungen machen musste. Und natürlich spielt auch die Tatsache eine Rolle,  dass Rücken an Rücken zu einer Zeit spielt, in der die Protagonistin von Ab jetzt ist Ruhe gerade mal geboren wurde, zu einer Zeit also, in der der Krieg noch viel gegenwärtiger war als in den Siebziger und Achtziger Jahren. Aber um inhaltliche Differenzen geht es mir nicht, sondern allein um die Glaubwürdigkeit. Zu starke Stereotype, wie sie sich durch Francks Roman ziehen, werden dem Thema einfach nicht gerecht. Ein ernstes und schwieriges Thema muss nicht mit viel künstlichem Drama überfrachtet werden, um zu berühren. Leichtigkeit, Humor, vor allem aber eine ordentliche Portion Realismus sind meistens die besseren Mittel, um eine historische Wirklichkeit literarisch darzustellen, ohne dabei in Kitsch zu verfallen.

Wobei der Fairness halber bemerkt werden muss, dass es sich um zwei Familienromane handelt, die zwei völlig unterschiedliche Familienbilder zeichnen. Beide beginnen zufällig mit einer ähnlichen Szene: die kindlichen Protagonisten beschließen von zu Hause wegzulaufen. Doch während die Ich-Erzählerin in Ab jetzt ist Ruhe nur wenige Stunden später von einer Nachbarin bei den besorgten Eltern abgeliefert wird, merkt die Mutter in Rücken an Rücken selbst nach Tagen nicht, dass ihre Kinder weg sind. Letztendlich geht es in beiden Romanen vordergründig doch eher um die Bedeutung der Familie als um den Staat, in dem diese lebt.

Ich versuchte, etwas Bedeutsames zu denken, um mir nicht so lächerlich vorzukommen. Meine drei Brüder hatten schon so wichtige Dinge getan, als sie in meinem Alter waren. Sie hatten rebelliert, um ihre Träume ins Leben zu holen. Und ich? Ich lebte so dahin und machte einen Kompromiss nach dem anderen. Keine Leidenschaft für nichts. Stattdessen rief ich in meiner eigenen Wohnung an. Grotesk.

(Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe)

Von friedlichen Zeiten und russischen Märchen

Dass Humor manchmal das beste Mittel ist, um ein Gesellschaftsbild zu zeichnen, zeigt auch Birgit Vanderbekes Erzählung Friedliche Zeiten (1996), die ich zu den Feiertagen an einem Nachmittag gelesen habe. Diese handelt von einer aus der DDR geflüchteten Familie, die versucht sich in das Leben in der BRD der 60er Jahre einzufinden. Aus naiver, kindlicher Perspektive schildert eines der Kinder den Familienalltag, der geprägt ist von bizarren Eindrücken, einer depressiven Mutter und der Hoffnung, die Eltern würden sich endlich scheiden lassen, damit es wenigstens an den Wochenenden Brathähnchen zu essen gibt. Eine Erzählung, die sich meisterlich der Ironie und des Humors bedient, um aufzuzeigen, wie der Krieg sich im Privaten fortsetzt.

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Nebenbei versuche ich übrigens mein Russisch wieder aufzubessern, was mich auf eine interessante zweisprachige dtv-Ausgabe von Russischen Volksmärchen gebracht hat, die ich mir einfach mal selbst zu Weihnachten geschenkt habe. Von Kugelbrot (Kolobok) über Der Frost bis hin zu Die Gänseschwäne  sind hier wohl die bekanntesten russischen Märchen vertreten. Allerdings ist die Lektüre ein zweifelhaftes Vergnügen. Ich freue mich darüber, alte Bekannte wie die Baba-Jaga und ihr Hexenhäuschen auf Hühnerbeinen wiederzutreffen, aber ich staune auch darüber, in wie vielen Märchen sie vorkommt und wieviele Abkupferungen es generell gibt. Außerdem wirkt so manche Handlung aus heutiger Perspektive unsinnig und verstörend. Aber so ist es wohl mit Märchen. Als Erwachsener bringt man vielleicht nicht genügend Phantasie mit, um die vielen Logiklöcher und sinnlosen Brutalitäten auszublenden.

Im neuen Jahr geht es „sozialistisch“ weiter. Als hätten meine Lieben gewusst, welches Thema mich derzeit umtreibt, habe ich gleich zwei „rote“ Bücher zu Weihnachten geschenkt bekommen. Ich bin gespannt auf Michail Bulgakows Meister und Margarita (1966) und Lola Lafons Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte (2014).

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2 Kommentare zu „Über das Leben im Sozialismus: Gelesen im Dezember“

  1. Dein Vergleich Marion Brasch und Julia Franck ist interessant: Ich kenne zwar nur das Buch von Marion Brasch, das ich auch sehr mochte, aber ich kann mir gut vorstellen, was Deine Kritikpunkte am Franck-Roman sind und dass diese im Vergleich zu Marion Braschs Buch stärker hervortreten (von J. Franck kenne ich nur das Buchpreisgekrönte „Mittagsfrau“ und auch das hat mich nicht sonderlich überzeugt). Wenn dich insbesondere Bücher von DDR-Autorinnen interessieren, dann ist natürlich die große Christa Wolf zu nennen, aber auch Brigitte Reimann und vor allem die von mir sehr geschätzte Monika Maron.

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    1. Danke für den Tipp! Es wäre tatsächlich interessant, mal wieder direkt etwas aus der Zeit zu lesen. Christa Wolf kenne ich natürlich, aber zuletzt gelesen habe ich was zu Schulzeiten von ihr. Und Monika Maron ist mir immer mal wieder im Studium zu Ohren gekommen. Die werde ich mal auf meine Liste setzen, „Flugasche“ hört sich interessant an. „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck habe ich persönlich sehr gerne gelesen, aber darüber wie Geschichte dort inszeniert wird, ließe sich natürlich auch diskutieren.

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