Aljoscha Brell: Kress – Literaturstudent auf Abwegen

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(c) ullstein

Selten hat man das Vergnügen, zufällig das Erstlingswerk eines Autors zu lesen, den man persönlich kennengelernt hat (wenn auch nur flüchtig als Kollegen). Automatisch sucht man im Roman nach verräterischen Indizien, die Aufschluss über die Person des Autors geben. Ein gutes Zeichen ist es wiederum, wenn man den Autor schon nach wenigen Seiten vergisst, weil der Roman einfach für sich selbst spricht. Kress (2015)  – benannt nach seinem Protagonisten – ist komisch und tragisch zugleich, ein spannender (Berlin-)Roman mit hohem Identifikationswert, nicht nur für Neuköllner und (ehemalige) Literaturstudenten der FU.

Worum es geht

Auf den ersten Blick ist Literaturstudent Kress ein wandelndes Klischee. Ein Streber, wie man ihn in philologischen Studiengängen häufiger antrifft: unglaublich belesen und von sich selbst überzeugt, dafür aber eher ungesellig und weltfremd. Ein auf Goethe spezialisierter Nerd, der sich für nichts anderes interessiert als für seine akademische Laufbahn. Nur dafür verlässt er seine heruntergekommene Altbauwohnung in Neukölln und fährt an die Uni in Dahlem, wo er in jedem Seminar zu jeder Frage die absolut korrekte Antwort parat hat.

Auf den zweiten Blick haftet Kress‘ pedantischer Korrektheit etwas manisches, soziopathisches an. Sein ganzes Sein richtet sich auf den verklärten Traum, eines Tages ein angesehener Goetheforscher zu werden. Andere Menschen lehnt er genauso vehement ab wie die Realität im Allgemeinen. Sein einziger Freund ist eine Taube, seine Arbeiten schreibt er immer noch an der Schreibmaschine. In sieben Jahren Berlin hat er es nicht geschafft, seine Umzugskartons auszupacken. Kress ist ein Misanthrop, der eisern das Image des intelektuellen, Cordjackett tragenden Überstudenten hochhält und dabei voller Verachtung auf seine Mitmenschen herabblickt, dieses ,,banale, lächerliche, mittelmäßige, geist- und sendungslose Pack“, das ihn mit seinem Small Talk belästigt.

Kress hatte das Gefühl, vom bloßen Zuhören dümmer zu werden. Ein Leuchtturm war er, einsam Wacht haltend auf dem Felsen der Exzellenz. Dagegen brandete die Gischt der Banalität.

Erst als er sich in eine Mitstudentin verliebt und seine Zukunft plötzlich nicht mehr so klar vor ihm liegt, gerät sein überzogenes Selbstbild ins Wanken. Die Fassade vom distanzierten Beobachter, der bewusst die Einsamkeit wählt, zerschellt an der Unfähigkeit, sozialen Anschluss zu finden. Das Gefühl der Überlegenheit zerbricht an der Unfähigkeit, die Frau seines Herzens für sich zu gewinnen. Was amüsant beginnt – der Clash zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung – wird mit fortschreitender Handlung zunehmend beklemmender. Denn bald wird klar, dass Kress ernsthafte Probleme hat. Ohne ein Gefühl für richtig oder falsch, versinkt er in einem Strudel wahnhafter Obsessionen.

Ein sympathischer Psychopath, verloren in Berlin

Nicht jeder Roman, der in Berlin spielt, ist ein Berlin-Roman. Wenn die Stadt die Stimmung des Protagonisten jedoch so stark beeinflusst, wie das bei Kress der Fall ist, kann man definitiv von einem sprechen. In Berlin kann sich Kress als mittelloser Student jahrelang in einer Altbauwohnung verschanzen, sich in der ranzigen Atmosphäre Neuköllns geborgen fühlen. In Berlin, wo allein der Weg in die riesige Uni im Villenviertel Dahlem fast eine Stunde U-Bahnfahrt in Anspruch nimmt, kann er so anonym sein, dass er in sieben Jahren Studium mit niemandem verbindlich in Kontakt treten muss. Berlin ist lose, Berlin ist unverbindlich. Einer wie Kress fällt hier nicht auf, besonders dann nicht wenn er scheitert.

Gleichzeitig ist die Stadt für ihn pure Provokation. Denn immer wieder hält sie ihm vor Augen, was er alles nicht hat: Freunde, Spaß, Menschen, mit denen er im Sommer am Kanal sitzen kann, beruflichen Erfolg, Anerkennung. Genauso wie Berlin ihn lange Zeit einfach sein lässt wie er ist, zieht es ihm schließlich den Boden unter den Füßen weg. Das Neukölln mit seinen Internetcafés und den türkischen Backshops, in denen er sich sicher fühlt, verschwindet und macht Platz für hippe Straßencafés und Galerien. Auch seine Wohnung, für die er die Miete nicht mehr aufbringen kann, wird nach seinem Auszug verschwinden und in ein schickeres Exemplar umgewandelt werden. Es wird weitergehen wie es hier immer weitergeht, auch für Kress, so tief am Boden er auch sein mag.

Das faszinierende an Kress, der seinen Vornamen erst am Ende verrät, ist seine permanente Ambivalenz. Er hält sich für einen Denker, hinterfragt aber kaum je sein eigenes Handeln. Er meint, er sei ein einsamer Wolf und rennt doch der Frau hinterher. Er glaubt, er bräuchte niemanden und hält doch verzweifelt an der Freundschaft zu einer Taube fest, der er den hochtrabenden Namen Gießhübler verpasst.

Ambivalent wirkt er auch auf den Leser. Er verhält sich überheblich, abscheulich und zutiefst gestört und trotzdem macht es Spaß, ihm zu folgen. Ohne Frage tut er Dinge, die krankhaft und gesetzeswidrig sind und doch kann man sich in ihn hineinversetzen, seine Wut auf die Welt und die eigenen Unzulänglichkeiten mitfühlen und sogar darüber lachen. Mit feinen, ironischen Zwischentönen gelingt es Aljoscha Brell die Widersprüchlichkeit seiner Figur stets sichtbar zu machen und so einen permanenten Schwebezustand zwischen Amüsement, Entsetzen und Mitleid zu erzeugen.

Alle hatten sich gegen ihn verschworen. Er war nun wirklich ein friedliebender, hochgradig sozialkompatibler Mensch, der vom Leben nichts weiter wollte als sein bescheidenes Plätzchen oberhalb aller anderen.

Ein bemerkenswerter sprachlicher Drahtseilakt, der dank gelungenem Spannungsbogen umso mehr Spaß macht. Einzig das Ende fällt für meinen Geschmack zu unstimmig aus. Zu versöhnlich erscheint mir die plötzliche Wendung für jemanden, der schon so weit abgedriftet ist.

Nichtsdestotrotz hat mich dieses Erstlingswerk stark beeindruckt. Dass ich selbst vor ein paar Jahren noch Literaturstudentin in Dahlem war, dürfte zum Lesevergnügen beigetragen haben, ist aber mit Sicherheit nicht der ausschlaggebende Grund.

 

 

 

 

 

 

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