Urlaubslektüre: Portugal

Es waren einmal ein Amerikaner und seine Frau. Er war Arzt, sie Büchernärrin. Eines Tages machten sie Urlaub in der Algarve und verliebten sich in das portugiesische Hafenstädtchen Tavira. Prompt kauften sie sich hier ein altes, steinernes Bauernhaus auf einem Hügel, von dem sie jeden Tag auf die Orangenbäume ins Tal hinabblicken konnten. 20 Jahre lebten sie hier zusammen mit ihren Kindern. Sie eröffnete einen Buchladen, er pendelte alle zwei Wochen in die Staaten, um seinen Beruf auszuüben. Irgendwann hatten sie genug. Heute leben sie wieder in den USA und sind geschieden. Wäre diese Geschichte nicht passiert, hätten wir unsere Winterferien vermutlich nicht in diesem schönen Haus verbracht, das noch ganz voll ist von dieser Familiengeschichte – und einer Unmenge an Büchern.

Paulo Coelho: Der Dämon und Fräulein Prym

Wo kann man sich besser auf einen Autor wie Paulo Coelho einlassen, wenn nicht an der mediterranen Südküste Portugals? In Brasilien wahrscheinlich, aber da komme ich erstmal  so schnell nicht hin. Nachdem ich im letzten Sommerurlaub die wunderbare Bekanntschaft mit Gabriel Garcia Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit (1967) gemacht habe, wurde mir klar, dass mir wirklich etwas entgeht, wenn ich weiterhin die lateinamerikanischen Autoren so vernachlässige. Und nun also Paulo Coelho. Vor ein paar Jahren hatte ich schon mal Elf Minuten (2003) gelesen, war aber angesichts des Hypes um den Autor etwas enttäuscht. Der Dämon und Fräulein Prym (2000) hat mir dagegen besser gefallen. Auch wenn ich kein Fan von theologischen Diskussionen á la Gut gegen Böse bin, weil ich nicht an das ultimativ Gute oder Böse glaube, habe ich den Roman mit seinen kleinen Lebensweisheiten sehr genossen. Ein bisschen was vom magischen Realismus, ein bisschen vom Faust, ein paar grundlegende Erkenntnisse über das Wesen des Menschen, verpackt in schöner Sprache. Perfekt für eine Auszeit.

Worum es geht: Die alte Berthe kann es nicht fassen. Seit 15 Jahren sitzt sie jeden Tag vor der Tür, um ihr kleines Dorf vor dem Bösen zu beschützen. Und nun ist er da: der Dämon. In Gestalt eines fremden Mannes, der sich im Dorfhotel einmietet und Fräulein Prym, dem Mädchen an der Bar, ein unmoralisches Angebot unterbreitet: Wenn einer der Bewohner innerhalb einer Woche einen Mord begeht, erhält das ganze Dorf so viel Geld, das es sich vor dem Untergang retten kann, der aufgrund des fehlenden Nachwuchses bevorsteht. Ein Angebot, das nicht nur das unglückliche Fräulein Prym, sondern alle Dorfbewohner vor große Gewissensfragen stellt.

Alexa Hennig von Lange: Je länger, je lieber

Im Urlaub hat der Ernst des Lebens Pause. Da darf ein Buch gerne schon mal mit ein bisschen Kitsch auffahren, sofern es denn trotzdem lesbar ist. Aus diesem Grund hat mich Alexa Hennig von Langes Roman Je länger, je lieber (2013) angesprochen. Optisch und inhaltlich schreit er geradezu „leichte Urlaubslektüre“ (Teile der Handlung spielen auf einem Weingut in Spanien, andere in einem Hafenstädtchen auf Nova Scotia) und dennoch hatte ich Hennig von Lange, die in den 90ern mit ihrem Debütroman Relax (1997) für Furore sorgte, nicht als Kitsch-Autorin in Erinnerung.

Umso überraschter war ich darüber, in welche Richtung sie sich entwickelt hat, denn besonders originell ist dieser Roman leider nicht. Vor allem der Anfang ist so schablonenhaft, dass man die ganze frauentypische Geschichte sofort durchschaut. Es geht um Mimi, eine vielbeschäftigte Kunsthändlerin, die ihren Mann in flagranti mit einer anderen erwischt und von nun an beschliesst, ihr Leben zu ändern. Dafür kehrt sie in das Haus ihrer Großmutter zurück, wo sie ein romantisches Geheimnis entdeckt. Vor über 70 Jahren war ihre Großmutter in einen Mann verliebt, der ihr so stark das Herz gebrochen hat, dass sie sich nie davon erholt hat. Nun liegt sie im Sterben und Mimi macht es sich zur Aufgabe, diesen Mann für sie zu finden. Dabei begegnet sie natürlich selbst ihrem Traumprinzen.

Kitschig? Keine Frage. Einige Stellen kommen so süßlich daher, dass man sie kaum runterbekommt. Und dennoch entwickelt der Roman bald eine überraschend fesselnde Dynamik. Schnellatmig verbindet er Mimis Geschichte mit der Liebesgeschichte ihrer Großmutter, springt dafür durch verschiedene Länder und Jahrzehnte und schafft schließlich Zusammenhänge und Verbindungen, wo man sie nicht erwartet hätte. Die Liebes- und Lebenswirren, die Mimi zu lösen versucht, sind nicht immer logisch, weit entfernt von realistisch und oft klischeehaft, aber letztendlich doch sehr unterhaltsam. Am Ende erfüllt der Roman genau den Zweck, für den er vorgesehen war – eine leichte Urlaubslektüre, die man für einige Stunden nicht aus den Händen legen will.

Sibylle Berg: Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten.

Ich liebe Sibylle Bergs Romane, wenn man das von so einer zynischen Autorin wie Berg überhaupt sagen darf. Zuletzt gelesen von ihr habe ich Die Fahrt (2007), einen Roman der mich in seiner Vielfalt und Intensität sehr stark beeindruckt hat. Auch dort geht es um das Reisen. Um verschiedenste Menschen, die an den unterschiedlichsten Orten dieser Erde ihr Glück suchen und dabei doch irgendwie immer auf Abgründe stoßen. Depressiv sind sie alle auf die eine oder andere Weise und so wundert es mich im Nachhinein, dass ich geglaubt habe, Sibylle Berg könnte gute Urlaubslektüre sein. Zumal es sich bei Wunderbare Jahre (2016) nicht um einen Roman, sondern um eine Sammlung von Texten handelt, die wahrscheinlich einmal für andere Zwecke als dieses Buch gedacht waren.

Das Buch geht von der Prämisse aus, die Welt sei so unsicher geworden, dass man nicht mehr so unbeschwert reisen könne wie früher. Überall sehe man potentielle Terroristen. Die hier publizierten Texte sollen ein Zeugnis dieser besseren früheren Zeit sein. An jeden Text wurde nachträglich eine passende Negativschlagzeile (meist mit terroristischem Hintergrund) gehängt, um zu demonstrieren, unter welchen Risiken wir heute reisen.

Nun, entweder hat sich die gute Sibylle Berg hier einen Scherz mit ihren Lesern erlaubt oder das Konzept des Verlags ist nicht aufgegangen. Denn um Reisen geht es hier nur am Rande und schon gar nicht geht es um wunderbare Jahre. Gewohnt bissig entwirft Berg in ihren Texten, (die vom Kosovokrieg bis hin zur Hochzeit von William und Kate alle möglichen Themen behandeln) düstere Sozialstudien über die westliche Hemisphäre. Man hat ein bisschen das Gefühl, sie hatte diese Texte noch in der Schublade liegen und wusste nicht so recht wohin damit. Warum also nicht die politisch aufgeheizte Stimmung als Aufhänger nutzen? Ich lese ihre Texte gerne, aber auf einem Hügel im grünen Portugal, mit dem Ozean in der Nähe, dringen Sätze wie diese nur schwer zu mir durch:

,,Die Welt, die so ein hässlicher Ort ist, hinter den Fassaden oder auch schon davor. Da kann man sich doch nicht in grüne Auen flüchten und von der Schönheit der Erde reden. Kann man doch. Interessiert mich aber nicht. Wie gehen wir würdevoll unter, zusammen mit diesem Müllhaufen, den wir geschaffen haben?“

Zu meinem Glück kann ich mir die rosarote Brille noch aufsetzen. Für so herrliche Sätze wie ,,Oh ja, man reiche mir einen Kollaps“ sehe ich aber jederzeit gerne über Sibylle Bergs apokalyptisches Weltbild hinweg.

 

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