And the Oscar goes to…: Filme im Februar

Spätestens als der von Alter und Krankheit gezeichnete Michael J. Fox aus seinem DeLorean stieg, um zusammen mit Seth Rogen (in Nike-Powerlatschen) einen Preis zu präsentieren, wusste ich, warum ich mich von diesem Spektakel jedes Jahr aufs Neue einfangen lasse. Die Oscars mögen zu weiß sein, zu selbstverliebt, zu eintönig, zu mainstreamig – am Ende feiern sie doch immer auch die Kinoliebe. Dieses Jahr fühlte ich mich besonders gut unterhalten. Vielleicht weil die Academy sich angesichts des amtierenden US-Präsidenten besondere Mühe gab, vielfältig und politisch korrekt zu sein (einzig Matt Damon hatte einen schweren Stand). Vielleicht auch, weil ich es tatsächlich geschafft habe, einige der Filme im Vorfeld zu sehen.

Manchester by the Sea (2016)

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copyright by Universal Pictures

Lee (Casey Affleck) ist ein schweigsamer, ungeselliger Hausmeister, der in einer Kellerwohnung haust. Sein Leben ist leblos, einzig Kneipenschlägereien bereiten ihm noch Freude. Als ihn die Nachricht vom Tod seines Bruders erreicht, verlässt er sein selbtserwähltes Exil um in seine Heimatstadt Manchester by the Sea zurückzukehren, wo er sich den Geistern seiner Vergangenheit stellen muss, um den Nachlass seines Bruders und die Vormundschaft für seinen Neffen Patrick regeln zu können. Während Lee und Patrick sich rührend und amüsant zugleich mit den neuen Lebensumständen arrangieren, werfen Rückblenden den Zuschauer immer wieder in Lees Vergangenheit zurück und decken nach und nach die Tragödie auf, die er und seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams) erlitten haben.

Manchester by the Sea ist ein ruhiger Film über den Verlust und das Weiterleben. Doch obwohl diese Themen alles andere als leichte Kost sind, schafft der Film es erstaunlicherweise sich einen Sinn für Humor zu bewahren. Das liegt zum einen daran, dass Melancholie und schwarze Situationskomik sich hier stets die Waage halten und zum anderen liegt es an der Art und Weise, wie reduziert die Schauspieler hier selbst bei tragischsten Schicksalsschlägen agieren. Allen voran Casey Affleck, der wie betäubt wirkt und dennoch den Eindruck einer tickenden Zeitbombe erweckt. Ob er dafür den Oscar verdient? Schwer zu sagen, denn wie soll man einen trauernden Eigenbrötler, der zu Gewaltverhalten neigt mit einem singenden und tanzenden Ryan Gosling vergleichen? Den kleinen Bruder von Ben Affleck mit gestandenen Hollywood-Größen wie Denzel Washington? Klar ist, spätestens nach diesem Film kann sich Casey Affleck nicht nur problemlos auf eine Stufe mit seinem Bruder stellen, sondern wird diesen wahrscheinlich noch überragen. Er hinterlässt bleibenden Eindruck. Und das nicht nur weil ihm Carhartt so gut steht (welch penetrantes Product Placement).

Beeindruckend ist auch der junge Lucas Hedges als Patrick, der viel zum Unterhaltungscharakter des Films beiträgt, als junger Newcomer aber wohl kaum in der Kategorie bester Nebendarsteller gewinnen wird. Dann schon eher Michelle Williams als beste Nebendarstellerin, für die die Nominierung langsam zur Gewohnheit geworden sein sollte. (PS: Es ist dann doch Viola Davis für Fences geworden.)

Captain Fantastic (2016)

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copyright by Universum Films

Einer von Casey Afflecks Konkurrenten ist auch Viggo Mortensen, der in Captain Fantastic den hoch intelligenten Aussteiger Ben spielt, der seine sechs Kinder in der Wildnis großzieht. In den nordwestlichen Wäldern der USA wachsen diese fern von der Zivilisation auf, absolvieren jeden Tag ein hartes körperliches Training und lesen abends am Lagerfeuer die großen Dichter und Denker. Die Kinder sind hochgebildet und stehen einander sehr nahe, ahnen jedoch, dass ihnen etwas fehlt. Als ihre Mutter stirbt, begeben sie sich auf einen Roadtrip zu ihrer Beerdigung, auf dem ihr Lebenskonzept auf die Probe gestellt wird.

Diese Ausgangssituation klingt vielversprechend, umso enttäuschter war ich von der Handlung, die darauf folgt. Denn was als Roadtrip daherkommen soll, ist eine recht kurze und unspektakuläre Fahrt zur Familie, wo dann hauptsächlich ermüdend viel diskutiert wird. Und zwar über völlig Offensichtliches. Der wohlhabenden Familie der verstorbenen Mutter ist Bens Lebens- und Erziehungsstil ein Dorn im Auge, während dieser die Familie natürlich als Beweis für die Verkommenheit des Kapitalismus anprangert. Back to the roots ist hier das Motto, die Besinnung auf Einfachheit und Natur, aber dann doch bitte auch nicht zu sehr, schließlich wolle man auch kein Freak werden. Mir persönlich war das alles viel zu langatmig, dafür dass im Grunde nur wenig passiert ist. Viggo Mortensen als blondierter, hochgebildeter Hippie hat seine Sache sehr gut gemacht, konnte den Film letztendlich aber auch nicht aus der Belanglosigkeit retten, weshalb ich ihm keine allzugroßen Oscar-Chancen ausrechne.

Arrival (2016)

Mit 8 Nominierungen ist Arrival nach La La Land der Film mit den meisten Nominierungen. Das hat mich überrascht, denn im Grunde handelt es sich dabei um einen recht gewöhnlichen Sci-Fiction-Film, wenn auch mit symbolträchtigem Inhalt. Nicht gerade das gewohnte Oscar-Material, aber vielleicht umso mehr ein Zeichen dafür, wie sehr man sich dort dieses Jahr um eine politische Botschaft und die Nähe zum Publikum bemüht hat.

Worum es geht: Als Außerirdische in riesigen muschelförmigen Gefäßen auf der Erde landen, wird die Linguistin Louise (Amy Adams) für die Kommunikation mit ihnen angeheuert. Zusammen mit einem Physiker (Jeremy Renner) arbeitet sie an der Entschlüsselung der fremden Sprachzeichen, um eine militärische Auseinandersetzung mit den Fremden möglichst zu verhindern. Was sie dabei herausfindet, ist geradezu unglaublich. Wie im Grunde der ganze Film. Man muss schon vieles einfach so hinnehmen. Zum Beispiel dass es den Menschen einfach so gelingt, in kürzester Zeit die Sprache der Aliens zu erlernen, die so hochkomplex ist, dass zweifelhaft ist, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, sie zu begreifen. Und dann dieses unglaubwürdige Telefonat mit dem chinesischen Oberbefehlshaber, das irgendwie nicht so recht zum Rest des durchaus intelligenten Films passen will. Über diese Sci-Fi-typischen Stolpersteine hinaus, ist der Film aber auf jeden Fall eine Bereicherung seines Genres.

Außerdem gesehen

Die Filmsammlung unserer Gastgeber in Portugal gab einiges her. Nachdem wir aber herausgefunden hatten, dass die meisten DVDs leider nur auf amerikanischen Playern abgespielt werden konnten, dezimierte sich die Auswahl. Besonders bitter: die stattliche Six Feet Under Serienbox war nicht zu gebrauchen.

Trotzdem bleiben mir die dort gesehenen Filme in guter Erinnerung. Mit Away we go (2009) fiel die Auswahl auf einen tragischkomischen, kleinen Roadmovie von Sam Mendes, welcher normalerweise eher für bedeutungsschwere Dramen bekannt ist, diesen Film jedoch mit einer angenehmen, melancholischen Leichtigkeit inszeniert: Burt und Verona (John Krasinski und Maya Rudolph) erwarten ein Kind, haben aber das Gefühl als Familie noch nicht angekommen zu sein. Wenige Monate vor der Geburt begeben sie sich auf einen Roadtrip quer durch die USA, um herauszufinden, wo sie am besten leben sollten. Was macht eine gute Ehe aus und was braucht es, um als Familie zu funktionieren? Der Film nimmt sich leise den großen Fragen an und beeindruckt mit schönen Landschaftsbildern und einem wunderbaren Soundtrack von Alexi Murdoch.

Der zweite Film Iris (2001) passt gut in die Award Season, wurde er seinerzeit selbst mit Preisen überhäuft. Für mich nicht hunderprozentig nachvollziehbar, denn die Geschichte um Iris Murdoch ( Kate Winslet / Judi Dench) und ihre Demenzerkrankung hat einige Schwachstellen, besonders an den Stellen, die von Iris‘ Kennenlernen mit ihrem Ehemann erzählen. Dieser ist es dann auch, der sich aufopferungsvoll um die kranke Iris kümmert, obwohl diese nicht immer nett zu ihm war. Es ist traurig mit anzusehen, wie der einst brillanten Autorin die einfachsten Worte nicht mehr einfallen, und rührend wie dieses Paar bis zuletzt aneinander festhält. Judi Dench ist unglaublich gut und hätte den Oscar für die Beste Hauptdarstellerin 2002 mehr als verdient, wäre da nicht Halle Berry gewesen.

 

 

 

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