Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten FreundeWer bei diesem Titel an den sozialen Größenwahn so mancher Digital Natives denkt, wird schnell eines besseren belehrt. In Meine 500 besten Freunde (2013) geht es Johanna Adorján weniger um die Oberflächlichkeit des Einzelnen, als vielmehr um die Oberflächlichkeit eines ganzen Berufsstandes. In kleinen, lose miteinander verbundenen Stories nimmt Adorján, selbst Journalistin und Feuilletonistin, auf kurzweilige Art und Weise den Kultur- und Medienbetrieb auseinander.

Dabei hätten ihre Protagonisten mit Sicherheit ganz beeindruckende Facebook-Profile vorzuweisen. Allesamt sind sie nach außen hin schillernde Persönlichkeiten, insofern, dass sie es irgendwie geschafft haben, einen Fuß in den Kulturbetrieb zu kriegen. Blickt man hinter die mühsam gepflegten Selbstdarstellungen findet man jedoch überwiegend Unsicherheit, Leere, Verzweiflung und die ganz normale Eitelkeit.

Da ist die Geschichte von einem Journalisten, der so selbstverliebt ist, dass er nicht einmal bemerkt, wie seine Ehe den Bach runtergeht. Da ist eine Yogalehrerin, die innerlich rund um die Uhr flucht, ein Jungschauspieler, der sich in Drogen verliert, eine Schauspielerin, die Familie und Beruf nicht unter einen Hut bekommt und eine Feuillton-Praktikantin, die einen Sport daraus macht, mit Redakteuren zu schlafen. Leute, denen es überaus wichtig ist, im Borchardt gesehen zu werden. Leute, wie man sie zuhauf in Berlin Mitte Bars, auf der Berlinale oder in hippen Kunstgalerien sieht.

Weil ich selbst mich beim Anblick solcher vermeintlich schillernder Menschen frage, was sie wohl wirklich umtreibt, habe ich Adorjáns kleine Charakterstudien gerne gelesen. Zwar kratzen sie nur leicht an der Oberfläche, die sie beschreiben, aber gerade das ist vielleicht ihre Stärke. Am Ende dieser amüsanten Stories hat man das beruhigende Gefühl, dass es keine Rolle spielt, ob man Bestseller-Autor, Schauspielerin, Yogalehrerin oder Praktikantin ist: Jeder schöpft aus seinem eigenen Quell der Unzufriedenheit und muss darum kämpfen, seiner Selbstdarstellung gerecht zu werden.

Die zusätzliche erzähltechnische Finesse, die Geschichten aus einer großen zeitlichen Distanz zu erzählen, was eine Portion Kulturpessimismus mit sich bringt, hätte es für mich dafür gar nicht bedurft.

Es war fast Februar, fast Berlinale also, denn im Februar war Berlinale, so wie im Mai Cannes war, im August Venedig, im Herbst die Buchmesse, und dann kamen auch schon die Best-of-Listen für Weihnachten, der Jahresrückblick zu Neujahr, dann war wieder Berlinale. So sahen damals meine Jahre aus. Nicht dass ich überall hingefahren wäre, im Gegenteil, ich saß in Mitte fest, aber ich arbeitete im Feuilleton, dem Teil einer Zeitung (Zeitung war ein täglich oder wöchentlich erscheinendes Druckerzeugnis, das die nationalen und internationalen Ereignisse des gestrigen, oft vorgestrigen Tages noch einmal zusammanfasste), in dem es um Kultur gehen sollte, wenngleich dort meistens lediglich das Assoziationsvermögen der jeweiligen Redakteure vorgeführt wurde, die – je nach Studium – in allem, was auf der Welt geschah, genau das erkannten, was sie eben kannten, eine Herangehensweise, die schon damals nicht mehr in die Zeit passte, deren Dramen und Tragödien viel zu konkret geworden waren, um in Glossen, Meinungsstücken und Debatten verhandelt zu werden.

(Feuilleton-Depression, Meine 500 besten Freunde)

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