Sarah Kuttner: 180° Meer

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Ich mag Sarah Kuttner, die Medienperson, nicht besonders. Schon damals bei Viva redete sie mir einfach viel zu viel, und war dabei auf eine Art selbstverliebt, die ich schlicht unsympathisch fand. Trotzdem komme ich nicht umhin, jeden ihrer Romane zu lesen. Vielleicht weil ihre Erzählerstimme mich irgendwie an eine Freundin erinnert, die ich mal hatte (die Sarah Kuttner selbstverständlich ganz toll fand), vielleicht aber auch aus den gleichen niederen Beweggründen, aus denen man auch schon mal in den Bachelor reinzappt: weil es manchmal Spaß macht, sich über Dinge aufzuregen, die man schlimm findet. Doch dieser Vergleich ist mehr als unfair, denn Kuttners jüngster Roman 180° Meer (2016) hat mit dem Bachelor rein gar nichts gemein. Tatsächlich fand ich ihn sogar besser als Mängelexemplar (2009) oder Wachstumsschmerz (2011). Warum ich dennoch die literaturwissenschaftliche Todsünde begehe und die Autorin mit dem Erzähler gleichsetze?

Über Sarah-Kuttner-Literatur

Weil die Ich-Erzähler aller drei Romane sich auf eine Art ähneln, die mir doch als recht Kuttner-typisch erscheint. Bei all ihren Hauptfiguren handelt es sich um junge, erwachsene Großstadtfrauen, deren Denken und Handeln sich allein um die eigene labile Psyche dreht. Die anderen Protagonisten – in der Regel die festen Freunde oder Lover – haben keinen eigenen Charakter. Sie dienen lediglich als Projektionsfläche und sind entweder emotionaler Rettungsring oder Auslöser des Problems. Dieses Muster an sich ist schon schlauchend, ähnlich wie es die Menschen im wahren Leben sind, die alles auf sich beziehen und nicht fähig sind, sich in andere hineinzuversetzen.

Doch es wäre noch erträglich, wenn nicht diese typische Kuttner-Sprache dazu käme, die mit ihren Vergleichen und Sprachbildern so dringend kreativ und unkonventionell sein will, dass sie oft nur zähneknirschend zu ertragen ist.

Wieder kratzt ein bisschen Selbstverachtung an meiner Tür, aber ich bin bekifft genug, um sie einfach zu ignorieren, statt sie zu reiten.

Gestern kam Jakob erst, als wir schon im Bett lagen und meine Psyche fickten.

Ich lutsche den Fisch in meinem Mund und den Gedanken in meinem Kopf ein bisschen weniger kantig.

(Sarah Kuttner: 180° Meer)

Selbstverachtung reiten, Psyche ficken, einen Gedanken weniger kantig lutschen? Klar fallen solche Formulierungen auf und provozieren, aber sie wirken auch ungelenk, zu sehr gewollt und irgendwie unangenehm. Ähnlich verhält es sich mit Satzkonstruktionen, die so schräg sind, dass man sie mehrmals lesen muss, um sie zu verstehen.

Vor meiner Wohnung stehen Tims Schuhe. An den Schnürsenkeln ordentlich mit einer Schleife zusammengebunden. Tim macht das so. Er macht es schon so, seit er eine Schleife machen kann. Nachdem er es im späten Alter von erst neun Jahren endlich gelernt hatte, gab es für ihn weder Halten noch Gründe dafür, die Schuhe nur am Fuß zu binden. Stattdessen wurden sie auch außerhalb des Körpers gebunden.

Hä? Weder Halten noch Gründe, Schuhe außerhalb des Körpers zu binden? Eine merkwürdige Formulierung, die sich dazu noch als recht lahme Metapher durch den ganzen Roman zieht.  Womit wir also wieder bei Sarah Kuttner als Autorin wären. Es scheint aber, als sei sie sich ihrer Wirkung voll bewusst und als lege sie es geradezu darauf an, zu irritieren. Ein Wesenszug, den sie ihrer Protagonistin in den Mund legt:

Ich weiß das, denn die meisten Menschen reagieren ganz leicht auf mich. Sie merken es kaum, doch sie fühlen sich minimal unbehaglich in meiner Nähe, können aber nicht den Finger drauf legen. Oft gelingt es ihnen nicht noch nicht einmal, es konkret an mir festzumachen. Aber ich bin es. Und ich weiß es.

Womit wir wieder bei der blinden Selbstbezogenheit wären. Da ich aber nun mal selbst junge Großstadtfrau bin, konnte ich mich dann doch mit einigen Passagen gut identifizieren.

Worum es in dem Roman sonst noch geht

Jule, Barsängerin aus Berlin, ist grundsätzlich wütend. Sie ist wütend auf ihren Bandkollegen, der noch Träume hat, wütend auf ihre Mutter, die sie ständig mit ihren Leidensgeschichten belästigt und vor allem wütend auf sich selbst, weil sie sich ständig verstellen muss, um die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Das einzig wahre in ihrem ansonsten unauthentischen Leben ist ihr Freund Tim, in dessen Achselhöhle sie sich gerne versteckt. Als die Beziehung zu Tim auf der Kippe steht, beschließt Jule ins Exil zu gehen, um sich Klarheit zu verschaffen. Nach England genauer gesagt. In der WG ihres Bruders in London macht sie nicht nur Bekanntschaft mit einem Hund, sondern erfährt auch, dass ihr Vater, zu dem sie seit jeher eine schlechte Beziehung hat, an Krebs erkrankt ist. Ohne konkreten Plan zieht Jule in seine Nähe, zusammen mit dem Hund ans Meer und zwar ans unverstellte 180° Meer.

Bewundernswert an diesem Roman ist, wie feinfühlig und selbstreflexiv er das schwierige Thema Eltern und Krankheit umschifft. Wann immer die Handlung Gefahr läuft, in Kitsch abzudriften, wird genau das reflektiert. Die Protagonistin ist sich dieser Gefahr genauso bewusst wie der Leser und schaltet einen Gang zurück, um sich vorzustellen, was jetzt passieren würde/sollte, wenn sie etwa die Heldin eines emotionalen Indie-Films mit Happy End wäre. Doch wie es auch im wahren Leben so ist – das was im Film passiert, bleibt eben im Film. Gefühle und Erkenntnisse, wie sie typischerweise unter bestimmten Voraussetzungen in Film und Fernsehen zutage treten, wollen sich in der Realität nicht immer einstellen. Manche Dinge sind eben wie sie sind und bleiben es auch. Sarah Kuttner spielt geschickt mit den uns von den Medien eingeimpften Erwartungshaltungen und Klischees. Und das wirkt angesichts eines ansonsten eher ernsten Themas überraschend erfrischend.

Entfernung tue nicht, was sie in Filmen tut. Sie schmerze nicht, sie steigere kein Verlangen. Sie lasse alles nur verschwimmen und undeutlich werden. Und das, schreibt er, sei erschreckend angenehm und befreiend.

Vieles in 180° Meer funktioniert über Identifikation und erinnert damit an einen typischen Poproman. Schließlich geht es um Identitätssuche, die Beziehung zu den Eltern, Beziehungen im Allgemeinen, es wird gekifft, Musik, Serien und andere Anekdoten (zum Beispiel eine perfekt arrangierte Abfolge von Echt-Zitaten) spielen eine Rolle. Zusammen mit der dichten, englisch angehauchten Atmosphäre ergibt das einen durchaus lesenswerten Roman.

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5 Kommentare zu „Sarah Kuttner: 180° Meer“

  1. Interessant, ich mag ansich die Kuttner sehr gerne, kann aber auch weder regelmäßig eine Sendung von und mit ihr schauen, noch richtig begeistert von ihren Romanen sein.
    Es wirkt eher wie Selbsttherapie, was sie betreibt. Ich glaube niemand würde einen Unterschied von der Sprache oder von den Wesenszügen einzelner Charaktere bemerken können. Für mich eher Strandlektüre.

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