Jan Böttcher: Y – Ein politischer Beziehungsroman

Jan Böttcher: Y
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,,Zwei Länder, dachte ich, ein Europa. […] Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn die Hand auf die Schulter. Meine Frau und ich, wir waren die armdicken Äste, die sich streckten und nach Hilfe ruderten, die alles aus der Luft griffen, was sich greifen ließ und es dann in den Stamm ihres einzigen Kindes hinableiteten, um ihm bei der Verwurzelung zu helfen. Benji aber, der trug uns. Der musste uns irgendwie tragen. Bis ins hohe Alter. Ertragen auch.“ (Jan Böttcher: Y)

Zwei Länder, ein Europa – so lässt sich die Intention von Jan Böttchers Roman Y (2016) wohl am besten zusammenfassen. Ein ,,großer europäischer Roman“ will er sein, so sagt es zumindest der Klappentext auf dem Buchumschlag. Ein Roman, der deutlich machen will, dass ob Kosovo oder Berlin, wir alle aus dem selben Holz geschnitzt sind, mit dem entscheidenden Unterschied, dass manche härter für das arbeiten müssen, was für andere bereits selbstverständlich, jedoch nicht weniger problematisch ist.

Worum es geht: Teil 1

Tatsächlich wählt Böttcher dafür einen Ansatz, der zunächst gut funktioniert: über eine grenzübergreifende Familien- und Beziehungsgeschichte. Computerspiele-Nerd Jakob Schütte begegnet 1998 auf einer Party einem alten Schulschwarm wieder. Arjeta Niziri, die als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo geflohen war, und nun in Hamburg Kunstgeschichte studiert. Jakob und Arjeta werden ein Paar, doch die Versuche Jakobs, sich mit Arjetas Familie zu arrangieren, scheitern. Der Kosovo-Krieg, der die Familie stark beschäftigt, belastet ihre Beziehung zusätzlich, weil Jakob so gar kein Verständnis für ihre Anteilnahme aufbringen kann. Schließlich kommt es zu einem Zerwürfnis und Arjeta kehrt nach Kriegsende mit ihrer Familie in ihr Heimatland zurück. Jakob, der das Ende der Beziehung nicht wahrhaben will, folgt ihr in die kosovarische Hauptstadt Prishtina. Die beiden setzen ein Kind in die Welt, Leka, ihre Beziehung ist jedoch nicht zu retten. Während Arjeta sich für den Aufbau Kosovos engagiert und einen anderen Mann heiratet, macht Jakob in Prishtina seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem maroden, provisorischen Nachkriegsland, die er für die Entwicklung eines Egoshooter-Spiels benutzt.

Man könnte nun meinen, das wäre für einen europäischen Roman schon Handlung genug, doch dem ist nicht so. Vielmehr sind das nur die groben Züge einer Binnenhandlung, die der Ich-Erzähler – ein Berliner Schriftsteller, der sich stellenweise als Autor dieses Romans zu erkennen gibt – nach Gesprächen mit Arjeta und Jakob wiedergibt. Diese lernt er viele Jahre später über ihren Sohn Leka kennen, der als fremder Übernachtungsgast seines Sohnes auftaucht und schließlich spurlos verschwindet. Lekas Geschichte lässt den Schriftsteller nicht los. Er sucht den Kontakt zu Jakob und begibt sich schließlich sogar mit seinem Sohn Benji auf die Reise nach Prishtina.

Von Berlin nach Kosovo: Teil 2

An diesem Punkt verschwimmt der wesentlich interessantere Ansatz eines europäischen Familienromans und weicht einem etwas blutleeren Kultur-Experiment: Der unbeholfene Berliner Schriftsteller mit seinem Sohn in Prishtina. Hat der Erzähler zuvor noch so eindrucksvoll die Entwurzelung einer Familie und deren Auswirkung auf alle Beteiligten geschildert, verschwendet er nun keinen Gedanken mehr an die Familie Neziri, die ja vor Ort ist, und beschäftigt sich fast ausschließlich mit Arjetas politischen Kunstprojekten und Jakobs Computerspiel. Natürlich sind in beidem politische Aussagen enthalten, die über die Lage Kosovos Aufschluss geben. Aber ein Kunstprojekt oder ein Computerspiel sind eben Dinge, die für sich sprechen. Nacherzählt in einem Roman haben sie nur wenig Wirkungskraft.

Und so gerät der zweite Teil des Romans leider zu einer langatmigen Ansammlung von subjektiven Eindrücken, die an kulturtheoretische Analysen grenzen. Zwar versucht der Erzähler immer noch hinter Lekas Geschichte zu kommen, entfernt sich dabei jedoch immer weiter von dem Menschen hin zu abstrakten Schlussfolgerungen. Die vielversprechende Idee, politische Verhältnisse anhand menschlicher Beziehungen darzustellen, gerät so leider ins Abseits.

Was man mitnehmen kann

Zum Schluss wird es aber doch noch interessant. Der Erzähler, der seine eigene Geschichte zugunsten der erzählten Geschichte so lange zurückgehalten hat (eine Wohltat nach meinem letzten Leserlebnis), spannt einen Bogen von Kosovo nach Westdeutschland, hin zu seiner eigenen Herkunft und seinen vermeintlich reibungslosen familiären Verhältnissen, denen es schon immer an Fremde und Wärme gemangelt hat. Seine Großeltern, ,,Nazi-Mitläufer“, seine Eltern, SPD-Wähler, die nie dankbar gewesen sind, sondern ,,die Westernisierung und allen Wohlstand auf so selbstverständliche, auf so schmerzhaft naive Art angenommen“ hatten, ,,dass sie ihr Leben lang keinen einzigen Gedanken an macht- und staatspolitische Interessen verwendeten.“

Dass der Erzähler daraus nun seinen Mangel an Offenheit gegenüber einem ehemaligen fremden Mitschüler (,,Was will der denn hier?“) rechtfertigt, wofür er sich bis heute schämt, oder sich als ,,Schlüsselkind mit einer großen Verzweiflung“ bezeichnet, mag etwas peinlich politisch korrekt und überzogen daherkommen. Von Luxusproblemen gar nicht zu sprechen. Aber es ist wiederum ein guter Ansatz, um deutlich zu machen, dass es eben nicht uns und die Anderen gibt, sondern dass jedes Land von seiner eigenen Geschichte geprägt wurde, der die Menschen sich kaum entziehen können – und wenn sie sich auch völlig konträr zu ihren Eltern verhalten, so ist auch das nur eine Reaktion darauf. Niemand kommt so einfach heraus aus seiner ,,Prägung“ – das mindeste ist es, die verschiedenen Prägungen innerhalb Europas und auch sonstwo als gleichwertig zu akzeptieren.

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