LOVE: Eine (Anti)Liebesserie

Judd Apatow hat ein Händchen für Serien. Wenn man bedenkt, dass seine Filme, die nun nicht gerade zu den großen Epen zählen, nie unter 2 Stunden liegen, ist es womöglich sogar das Format, das seinem Erzählstil am besten entspricht. Bei ihm muss nicht jede Szene handlungstreibend sein und nicht jedem Dialog eine Pointe innewohnen. Schlimmstenfalls führt das dazu, dass keine Spannung aufkommt. Bestenfalls fühlt es sich so an, als würden die Figuren von ihrer Künstlichkeit befreit, wenn sie einfach banales Zeug schwafeln und ganz alltäglichen Kram machen dürfen. Ich persönlich empfinde diese Erzählweise als entspannend, vor allem an anstrengenden Tagen, an denen ich mich genauso unzulänglich fühle wie Apatows stets etwas freakig wirkende Figuren.

Nach Freaks & Geeks und Girls war ich jedenfalls zuletzt ganz entzückt von Love, seiner Netflix-Serie, in der es einmal mehr um das Beziehungs- und Paarungsverhalten junger Großstädter geht. Was Lena Dunham für Girls ist, ist Paul Rust für Love. Ein bis dato recht unbekannter Schauspieler, der auf den ersten Blick nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, Love aber nicht nur mitentwickelt, produziert und geschrieben hat, sondern auch noch die männliche Hauptrolle spielt. Nicht zuletzt seiner naiven, unbeholfenen Art und der wunderbaren Gillian Jacobs (aka der verrückten Mimi-Rose aus Girls) ist es zu verdanken, dass diese Serie, obwohl sie nicht wirklich etwas Neues erzählt, großen Spaß macht.

Worum es geht

Gus (Paul Rust) und Mickey (Gillian Jacobs), zwei junge Menschen auf der Suche nach der Liebe in Los Angeles, könnten gegensätzlicher nicht sein. Er ist ein gutmütiger, überkorrekter Filmnerd, der jedem gefallen will, sie eine problembeladene Rebellin, die gern aneckt. Er steht auf Zauberei und glaubt an die große Liebe, sie ist zynisch, alkohol-, sex- und liebessüchtig. Die beiden begegnen sich im Supermarkt, verbringen einen bekifften Tag zusammen und fühlen sich trotz ihrer großen charakterlichen Gegensätze zueinander hingezogen. Mickey glaubt, in Gus endlich einen Kerl gefunden zu haben, der sie gut behandelt. Gus hofft, dass ein bisschen von Mickeys Coolness auf ihn abfärbt. Ob man das Liebe nennen kann, sei dahingestellt, auf jeden Fall ist es die Aussicht auf Liebe, die die beiden dazu antreibt, den steinigen Weg vom ersten Kennelernen bis zur festen Beziehung zu gehen. Eine Tatsache, die das Konzept der modernen Liebe gründlich auf den Prüfstand stellt.

Folge um Folge begleiten wir die beiden auf diesem Weg, der neben den guten Momenten auch so einige Fettnäpfchen und Unsicherheiten bereit hält. Scheinbar unvermeidbar, wenn aus zwei einander fremden Menschen ein Liebespaar wird. Und das ist es auch, was die Serie ausmacht: keine großen romantischen Gesten wie bei New Girl, keine lässige Coolness wie bei Master of None, aber auch keine Lebenskrisen à la Girls – obwohl dieses Generation-Y-Lebensgefühl des orientierungslosen Großstädters Anfang 30 durchaus drinsteckt. Stattdessen Alltagsszenen eines leicht nerdigen Fast-Paares, bei dem es nicht so recht klappen will: Missverständnisse, peinliche Textnachrichten, Partyeskapaden, dazwischenfunkende Freunde und Kollegen, das erste Date, der erste Sex und jede Menge Charakterschwächen, mit denen sich der andere plötzlich arrangieren muss. Das ganze garniert mit Situationskomik und popkulturellen Referenzen.

Love ist leicht und doch ein bisschen melancholisch, komisch und scharfsinnig, besticht durch einen hervorragenden modischen Geschmack und viele bemerkenswerte Gastauftritte. Auch die Nebenplots und Nebenfiguren sind von hohem Unterhaltungswert: Gus arbeitet am Set einer Hexenserie, was viele skurrile Charaktere und selbstreflexive Bezüge auf das Seriengenre mit sich bringt, Mickeys Mitbewohnerin Bertie, gespielt von Claudia O’Doherty, ist einfach herrlich. Und LA kommt auch nicht schlecht weg. Eine Serie, die Spaß macht, auch wenn natürlich fraglich ist, wie lange der Fokus auf eine einzige, instabile Beziehung noch interessant bleiben kann. Staffel 3 ist jedenfalls schon bestellt.

 

 

 

 

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