Reiselektüre: Westküste (USA)

Meinen Frust über den ausgebliebenen Frühling kompensiere ich mit dem Schwelgen in Urlaubserinnerungen. Der Kälte müde und des grauen Himmels überdrüssig, zehre ich in Gedanken von der Sonne Kaliforniens, von dem Licht Nevadas und den endlosblauen Himmeln Utahs und Arizonas.

Dabei sind meine Erinnerungen auch immer mit den wunderbaren Büchern verknüpft, die ich unterwegs gelesen habe und die wie geschaffen dafür sind, ein Gefühl für „das Land der Freiheit“ und den Westen im Besonderen zu bekommen.

James Frey: Strahlend schöner Morgen

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(c) Ullstein

Nach Los Angeles zu kommen, war geradezu desillusionierend. All die Bilder vom glamourösen Hollywood, die man als Filmfan so im Kopf hat, lösten sich in Luft auf und machten Platz für die Realität: eine seelenlose Stadt, für Autos mehr gemacht als für Menschen, von denen man ohnehin nur wenige auf der Straße sieht, Gärtner und Obdachlose einmal ausgenommen. Während in einer Ecke fast schon perverser Überfluss herrscht, schlafen die Leute ein paar Straßen weiter in Zelten auf der Straße. Traurig erscheint der American Dream vor dieser Kulisse.

Für diesen ersten Eindruck von der Stadt der Engel hätte ich mir keinen besseren Roman wünschen können als Strahlend schöner Morgen (2009) von James Frey, ein L.A.-Roman durch und durch. In seiner fragmentierten Art, in seiner Verflechtung von Fiktion und Fakten fängt er das spürbare Nebeneinander von Sehnsucht und Desillusionierung beeindruckend ein und gewährt so tiefe Einblicke in eine Stadt, die sich einem nicht so recht erschließen will.

Dylan liebt Maddie und ist mit ihr unterwegs nach L.A., Stadt der Hoffnung so vieler Menschen auf eine bessere Zukunft. Die Filmstars Amberton und Casey sind nur zur Tarnung miteinander verheiratet und ständig auf der Suche nach Sex und Bewunderung. Esperanza aus Mexiko verdient ihr Geld im Haushalt einer tyrannischen Lady und verliebt sich in deren Sohn. Der Obdachlose Old Man Joe entdeckt seine Mitmenschlichkeit, als er ein drogensüchtiges Mädchen zusammengeschlagen hinter einer Mülltonne findet. Sie und viele andere Figuren, die im Vorübergehen den Weg des Lesers kreuzen, ergeben das fesselnde Bild einer sich ständig wandelnden Metropole, seit Generationen Verheißung und Moloch zugleich. In L.A., der eigentlichen Hauptfigur, spiegeln Fakten und Fiktion einander im Rhythmus von Geschichte und Gegenwart, von Illusion, Liebe und Gewalt. Ein fulminant komponierter Roman über den unzerstörbaren American Dream. (Ullstein Buchverlage)

Tobias Wolff: Unsere Geschichte beginnt. Erzählungen.

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(c) Berlin Verlag

Tobias Wolff kenne ich schon so lange wie ich Leonardo DiCaprio verehre, ziemlich lange also. Dieser durfte den amerikanischen Autor in seinem ersten Kinofilm This Boy’s Life (1993) in dessen Jugendjahren verkörpern und hat das so gut gemacht, dass mir der Name Tobias Wolff seitdem ins Gedächtnis gebrannt ist. Nach so vielen Jahren las ich ihn dann tatsächlich das erste Mal in Amerika, im provinziellen Utah, unter den schattigen Bäumen des Zion National Parks.

Unsere Geschichte beginnt ist eine 2011 veröffentlichte Sammlung von Short Stories über einfache Durchschnittsamerikaner, die im Kleinen etwas Großes über sich verraten. Dirty Realism at it’s best.

Von geheimen Sehnsüchten, Tagträumen und Selbsttäuschung erzählt Tobias Wolff in seinen neuen Storys, von Einzelgängern und Eigenbrötlern, von notorischen Lügnern, missratenen Söhnen und missgünstigen Nachbarn. Die Weisheit eines ganzen Lebens und tiefe Menschenkenntnis sprechen aus diesen Erzählungen. (Klappentext)

John Steinbeck: Früchte des Zorns 

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(c) dtv

Die Reiselektüre, die mich am meisten beeindruckt hat, war aber dieser amerikanische Klassiker. Vielleicht hat mich Früchte des Zorns (1939) von John Steinbeck so mitgenommen, weil wir an der Route 66 und den kalifornischen Obstplantagen vorbeikamen, vielleicht aber auch weil es einfach ein verdammt gutes Buch ist, das bis heute nichts von seiner Wucht verloren hat.

Es geht darin um die Familie Joad aus Oklahoma, die wie so viele andere auch während der Großen Depression in den 30er Jahren ihre Farm verliert und daraufhin beschließt ihr Glück im Westen zu versuchen.

Einem falschen Glücksversprechen folgend, zieht die große Familie, inklusive gebrechlicher Großeltern, schwangerer Tochter und einem gerade erst aus der Haft entlassenen Sohn in einem kaputten Lastwagen gen Westen – genau wie hunderttausende andere Familien auch. Was sie dort stellvertretend für alle tatsächlich vorfindet, ist an Entwürdigung kaum zu überbieten: Weil es so viele Arbeiter gibt, die sich um die Arbeit reissen, zahlen die Großgrundbesitzer ihnen nur so viel, dass sie nicht verhungern. Die Familie, die mit so viel Hoffnung kam, haust nun in provisorischen Lagern und muss tagtäglich um das nackte Überleben kämpfen, was so manches Familienmitglied vor grundsätzliche Fragen stellt.

Früchte des Zorns war in Kalifornien so umstritten wie kaum ein anderes Buch. Zeitweise wurde es aufgrund seiner starken Sozialkritik sogar verboten. Doch man muss kein Kommunist sein, um zu erkennen, dass die unerträgliche Ungerechtigkeit, die der Familie Joad widerfährt, die Folge eines pervertierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist, das sich bis heute erhalten hat (man lese dazu nur Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika (2014) von George Packer).

Man sagt oft, die Vereinigten Staaten seien ein geschichtsloses Land. Aber das stimmt nicht. Geschichte ist überall greifbar, auf der Route 66 genauso wie auf den Orangenplantagen. Und am besten noch in den Büchern, von denen die amerikanische Literatur zum Glück eine Menge parat hält. (Unvergessen bleibt der Besuch im legendären City Lights Bookstore in San Fransisco).

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