Haruki Murakami und ich

haruki_murakamiGroßes hatte ich erwartet von dem allseits hochverehrten Haruki Murakami: eine radikale, skandalträchtige Prosa, tiefschürfende Erkenntnisse, vielleicht sogar eine Erleuchtung. Was ich fand, war die Stimme eines einsamen Mannes, der immer wieder aufs Neue den bittersüßen Schmerz seiner Adoleszenz heraufbeschwört.

Das ist nicht unsympathisch und hat eine gewisse Anziehung, wirkt durch die Wiederholung der immer gleichen Motive (einsame Männer, Drinks, Musik und mysteriöse Frauen) jedoch schnell abgegriffen. Doch jeder Autor hat ja so sein Lebensthema und es muss schließlich auch jemanden geben, der sich der latenten Verzweiflung trauriger Männer widmet. Vielleicht habe ich aber auch rein zufällig, zwei Bücher gewählt, die sich in ihrer Thematik so sehr ähneln.

Ich las Marukamis Roman Südlich der Grenze, westlich der Sonne, der seinerzeit unter dem Titel Gefährliche Geliebte (2000) das Literarische Quartett um Marcel Reich-Ranicki gespalten haben soll, und anschließend den Erzählband Von Männern, die keine Frauen haben (2014). Nach allem was ich gehört hatte, konnte ich daran jedoch weder etwas Anstößiges noch etwas Weltbewegendes entdecken. Dafür eine surreale Doppelbödigkeit, der man sich nur schwer entziehen kann.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne (1992 / 2013)

Hajime hat alles, was sich ein Mann nur wünschen kann: Nach Jahren des traurigen Junggesellendaseins ist er mit Ende Dreißig glücklich verheiratet, hat einen großzügigen Schwiegervater, zwei reizende Kinder und zwei gut laufende Jazzbars. Dennoch gerät seine Welt aus den Fugen, als eines Abends Shimamoto, eine Freundin aus Kindertagen, in seiner Bar auftaucht.

Shimamoto und Hajime verband in der Schule eine unschuldige, vorpubertäre Freundschaft, die darin bestand, mit ihrem geteilten Einzelkind-Schicksal zu hadern und die schwermütigen Schallplatten der Eltern zu hören. Ein bisschen war Hajime auch in Shimamoto verliebt, so wie man mit 12 eben verliebt ist.  Und wie es mit 12 eben auch ist, verloren sie sich schließlich aus den Augen. Trotzdem hat Hajime Shimamoto nie vergessen können, dieses hübsche, unsichere Mädchen, das wegen einer angeborenen körperlichen Beeinträchtigung nie so sein konnte wie die anderen.

Als Hajime Shimamoto nun wiedersieht, wirft sie ihn um Jahre zurück und stellt sein ganzes Leben in Frage. Obwohl sie selbst undurchsichtig bleibt, nur sporadisch an verregneten Abenden auftaucht und sich schlicht weigert, von ihrem Leben zu erzählen, ergreift sie nach und nach vollständig von ihm Besitz, wie ein Geist aus der Vergangenheit, der seinen Tribut fordert.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist Murakamis Gefährliche Geliebte (2000) neu übersetzt. Nachdem die erste deutsche Ausgabe des Romans lediglich eine Übersetzung aus dem Englischen gewesen ist, erschien 2013 unter dem neuen Titel Ursula Gräfes Übersetzung des japanischen Originals. Diese neue, verbesserte Übersetzung wird auch der Grund dafür sein, warum ich wirklich nichts Anstößiges, ja noch nicht einmal etwas Erotisches an diesem Roman finden konnte (der damalige Streitpunkt im Literarischen Quartett). Tatsächlich mochte ich die klare, einfache Sprache des Buches. Die Liebesszenen waren mir jedoch fast schon eine Spur zu klinisch, von Aufregung keine Spur.

Ich las Südlich der Grenze, westlich der Sonne in wenigen Tagen. Einerseits zog mich die Melancholie dieses Romans, andererseits die surrealen Momente in ihren Bann. Immer machte es den Eindruck, als würde gleich etwas Unerhörtes passieren, immer schien es als würde die Realität wie durch Milchglas betrachtet werden. Shimamoto umgab ein Geheimnis, das gelöst werden wollte, von Hajime genauso wie vom Leser.

„Wenn ich dich ansehe, kommt es mir mitunter vor, als würde ich zu einem fernen Stern aufblicken“, sagte ich. „Dieser Stern ist sehr hell, aber er hat sein Licht schon vor Zehntausenden von Jahren ausgesandt. Vielleicht gibt es ihn schon gar nicht  mehr. Und doch erscheint er mir oft realer als alles andere.“ (Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne)

Genau diese Betrachtung der Realität, als eine von vielen möglichen, hat mich fasziniert. Was ist real und wie real ist das, was sich an Erinnerungen in unserem Gedächtnis ablagert? In wie vielen Realitäten leben wir? Das Buch bleibt uneindeutig und überlässt es jedem selbst, das herauszufinden.

Um unsere Wirklichkeit als wirklich zu verankern, benötigen wir eine weitere relative – eine verwandte – Wirklichkeit. Doch auch diese verwandte Wirklichkeit braucht wiederum eine konkrete Basis, um ihre Realität zu beweisen. Diese Kette setzt sich in unserem Bewusstsein bis ins Unendliche fort, und man kann ohne Übertreibung sagen, dass wir uns durch den Erhalt dieser Kette immer wieder bestätigen, dass wir existieren.

Von Männern, die keine Frauen haben (2014)

So schnell ich den Roman las, so zäh war die Lektüre des Erzählbandes Von Männern, die keine Frauen haben. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass Kurzgeschichten keine solche Sogwirkung entwickeln wie Romane, schließlich sind sie in sich abgeschlossen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich das Gefühl hatte, in diesen Geschichten würden die Ideen und Gedanken aus Südlich der Grenze, westlich der Sonne einfach wiederverwertet werden: einsame Männer hadern mit ihrem Schicksal und geraten in surreale Situationen oder an rätselhafte Frauen. Folgende Passage aus der Geschichte Yesterday zum Beispiel könnte genauso gut von Hajime aus dem Roman stammen.

Und dann ist mir, als wäre all das erst gestern passiert. Musik hat die Macht, Erinnerungen so klar und deutlich zu beschwören, dass es schmerzt.

Doch rückblickend ist es vor allem meine Einsamkeit, an die ich mich erinnere. Mit zwanzig hatte ich keine Freundin, um meinen Körper und mein Herz zu wärmen, und keine Freunde, um ihnen selbiges auszuschütten. Ich wusste nicht, was ich mit mir und meiner Zukunft anfangen sollte, und hatte keine Vision für meine Zukunft. Für gewöhnlich schloss ich mich ein, und mitunter redete ich eine ganze Woche lang mit keiner Menschenseele. Dieses Leben führte ich etwa ein Jahr lang. Es war ein sehr langes Jahr. (Haruki Murakami: Yesterday, in: Von Männern, die keine Frauen haben)

Melancholie und Nostalgie sind das eine, Selbstmitleid das andere. In dieser Banalität ist es mir schlicht zu uninteressant. Dennoch fanden sich auch unter den Erzählungen immer wieder ein paar Perlen, die durch ihre Doppelbödigkeit und wiederum durch das Spiel mit Realitäten an Faszination gewannen. So zum Beispiel die Geschichte von Scheherezade, in der eine Frau die Lebenskraft eines Mannes mit ihren ganz eigenen ungewöhnlichen Geschichten aufrechterhält.

„Ich war in meinem früheren Leben ein Neunauge“, sage Scheherezade eines Tages, als sie im Bett lagen.

Oder Kinos Bar, die Geschichte von einem geschiedenen Barbesitzer, der durch die Begegnung mit einer ominösen Frau aus dem Gleichgewicht gerät und vor den Schlangen in seinem Vorgarten fliehen muss.

Die Welt war ein riesiges Meer ohne Markierungen, und Kino war ein winziges Boot, das seinen Anker und seine Seekarten verloren hatte. Sobald er die Karte von Kyushu ausbreitete, um zu entscheiden, wohin er sich wenden sollte, überkam ihn eine leichte Übelkeit, so als wäre er seekrank. Kino lag auf dem Bett, las und hob dann und wann den Kopf, um die Menschen gegenüber bei ihrer Arbeit zu beobachten. Ihm war, als verlöre sein Körper mit der Zeit an Gewicht und seine Haut würde durchsichtig.

Zweifellos ist es einmalig, welch klare Worte Haruki Murakami für die komplexe Verzweiflung seiner Protagonisten findet. Und gerade diese klare, einfache Sprache, mit der es ihm hin und wieder gelingt, hinter den Vorhang der Realität zu blicken, macht es so leicht, seine Bücher zu lesen. Doch dass ich das Phänomen Haruki Marukami nach diesen zwei Büchern tatsächlich begriffen habe, kann ich nicht gerade behaupten.

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