3 Reasons Why: Tote Mädchen lügen nicht

I don’t know what I’m supposed to do, haunted by the ghost of you. (The Night We Met, Lord Huron)

Balsam für das Indie-Herz. So könnte man den Soundtrack der bisher am meisten betwitterten Netflix-Serie 13 Reasons Why (dt.: Tote Mädchen lügen nicht) beschreiben. Und so bin ich ganz froh, dass ich meine Skepsis gegenüber diesem stark gehypten, von Selena Gomez produzierten Teen-Drama doch noch überwunden habe. Andernfalls wäre ich jetzt um eine wunderbare Playlist ärmer. Oberflächlich und taktlos angesichts der ernsten Themen, die in der Serie verhandelt werden? Keineswegs, denn erstens handelt es sich dabei immer noch um fiktives, effekthaschendes Unterhaltungsfernsehen, das man nicht überbewerten sollte und zweitens ist die Serie im Kern doch lebensbejahend, was in der Musik noch am besten zum Ausdruck kommt. Und damit bin ich auch schon bei dem ersten von drei Gründen, aus denen sich die Serie durchaus lohnen kann.

1. Der Soundtrack

Colin & Caroline, Joy Division, The Japanese House, The Kills, Chromatics, Codeine, Miya Follick, Billie Ellish, Sir Sly und die großartigen Lord Huron, die durch einen perfekt platzierten Song jetzt die Aufmerksamkeit bekommen, die sie schon länger verdienen. Man muss dieses High-School-Drama nicht mögen, aber unbedingt eingestehen, wie großartig der Soundtrack ist. Zumindest wenn man zarte Singer-Songwriter, melancholischen Indie-Pop und düstere New-Wave-Klassiker mag. Klar, alles ein bisschen traurig, aber keineswegs unerbaulich. Schließlich hat so eine Katharsis auch was für sich.

https://open.spotify.com/embed/user/abdielromn/playlist/4K4HWAKXQBePUCfQ2ArJ6v

2. Dieses bittersüße Hätte-ich-doch-bloß-Gefühl

Das Konzept der Serie ist fragwürdig. Der Selbstmord eines High-School-Mädchens wird zum Auftakt einer Schnitzeljagd, bei der die Gründe des Suizids Folge für Folge langatmig durchexerziert werden. Hannah Baker hat vor ihrem Tod nämlich 13 Kassetten aufgenommen. Jede Kassette eine Folge, in der sie je einen ihrer Mitschüler als Grund dafür nennt, nicht mehr leben zu wollen. Darunter ausgerechnet Vorzeigenerd Clay, ein verstoßener Schwarm, der jahrelang in Hannah verliebt war und sich keiner Schuld bewusst zu sein scheint. Er ist es auch, dessen Perspektive der Zuschauer einnimmt. Mit Hannahs Stimme im Ohr fährt er all die Orte ab, an denen dem Mädchen weh getan wurde und versucht zu begreifen, was geschehen ist.

Wie gesagt, ein höchst wackeliges Konzept, das nicht nur zig Logiklöcher aufweist, sondern auch leicht zu Missverständnissen führt. Denn suggeriert es dem leicht beeinflussbaren jungen Zuschauer nicht, dass er seiner Umgebung vollkommen passiv ausgeliefert ist, dass er die Verantwortung für sein Unglück stets bei den Anderen findet und dass man diesen Anderen mit einem Selbstmord schön den Mittelfinger zeigen könnte? Klar, könnte man nach den ersten Folgen so sehen. Dieses Bild revidiert sich in meinen Augen aber schnell. Denn einerseits wird bald klar, dass Hannah eine recht unzuverlässige Erzählerin ist, deren Sicht der Dinge sich nicht zwangsläufig mit der Realität deckt. Und andererseits verdeutlicht Clays herzzerreißende Perspektive, dass von Schuld hier keine Rede sein kann und dass dieses Mädchen tragischerweise schlicht und einfach die falsche Entscheidung getroffen hat.

Was davon ist ein Grund, die Serie zu mögen? Für mich war es dieses bittersüße Hätte-ich-doch-nur-Gefühl, das personifiziert durch Clay über den meisten Folgen schwebt und in Songs wie The Night We Met seinen musikalischen Ausdruck findet. Was wenn er im entscheidenden Moment mutiger gewesen wäre, wenn er etwas gesagt oder getan hätte? Würde dann der Geist dieses Mädchen ihn nicht mehr verfolgen? Ganz unabhängig vom Suizid-Thema sind solche Fragen den meisten Menschen nicht fremd. Zumal in diesem Alter, in dem jedes Gefühl so schwerwiegend und endgültig scheint. In seiner Verzweiflung ist Clay (Dylan Minette) eine überzeugende Identifikationsfigur und allein sein Schicksal war für mich Grund genug, die Serie weiterzuverfolgen. Hinzu kam…

3. Die Ästhetik

Nerds und Outsider mit Joy Division Postern an den Zimmerwänden und Tapes im Walkman, fiese Sportler in Highschool-Jacken, verlogene Cheerleaderinnen und hübsche, coole Mädchen, die aus unerklärlichen Gründen einfach nicht zu den beliebten Kids gehören. Tote Mädchen lügen nicht fährt mit allen nur denkbaren High-School-Stereotypen auf, nimmt ihre Figuren dabei jedoch so ernst, dass fast schon John Hughes Feeling aufkommt, was durch den musikalisch erzeugte Retro-Filter noch verstärkt wird. Gleichzeitig ist die Serie sowohl in ihrer Thematik, als auch in ihrem anachronistischen Erzählstil weit von der Vorhersehbarkeit der 80er Teenie-Filme entfernt. Im Gegenteil: die Perspektive ist so gewählt, dass der Zuschauer genau wie Clay die meiste Zeit im Dunkeln tappt. Spätestens mit den Folgen, die im Vorspann eine explizite Warnung enthalten, ist es mit der Harmlosigkeit der High-School-Stereotype dann endgültig vorbei. 13 Reasons Why greift ästhetisch den klassischen Teenie-Film auf, zollt diesem mit ein paar Retro-Elementen Tribut (Smartphone vs. Walkman) und demontiert das Genre schließlich mit unvorhersehbar brutaler Gewalt.

Nicht ganz so stark wie Stranger Things, aber doch vergleichbar, appelliert die Serie dabei an das Fanherz. Bei der Musik handelt es sich um Liebhaberstücke und auch dem Genre selbst wird mit großem Respekt begegnet. Wer auf High-School-Dramen steht, wird hier zum Beispiel einige alte Bekannte wiedertreffen, so etwa Keiko Agena von den Gilmore Girls oder Wilson Cruz, der Anfang der 90er in Willkommen im Leben (My So-Called Life) Ricky Vasquez spielte, einen homosexuellen Schüler, dem Mobbing ebenfalls nicht fremd ist. In 13 Reasons Why spielt er nun den Anwalt der Eltern, die – typisch amerikanisch – die Schule zur Rechenschaft ziehen wollen.

Letztendlich ist es natürlich eine Frage des Geschmacks. Mag man Teenie-Dramen und melancholische Indie-Musik und kann man über das teils löchrige Konzept hinwegsehen, ist Tote Mädchen Lügen nicht gute Netflix-Unterhaltung. Durchweg begeistert war ich leider auch nicht. Die immer wieder gleichen Dialoge, verwirrende Handlungslemente, die allein dem kurzfristigen Spannungsaufbau dienen sowie diese völlig unklare Tony-Figur strapazierten meinen Geduldsfaden dann doch zwischendurch. Was in der 2. Staffel noch kommen soll, will ich schon lieber gar nicht wissen. Aber natürlich werde ich es mir trotzdem ansehen.

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