Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin
(c) Piper

Meine beste Idee hatte ich mit sieben, weil ich um die Zeit unbedingt mit jemandem reden musste, und als mir einfiel, wie ich das hinkriegen könnte, hatte ich gleich das Gefühl, dass es eine richtig gute Idee war, aber wie gut sie wirklich war, ist mir erst sehr viel später aufgegangen. Genau genommen passierte es an meinem siebten Geburtstag.
Wir standen in unserer Dreizimmerwohnung im Land der Verheißung, und es war klar, dass ich zum Geburtstag wieder keine Katze bekommen würde. (Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin)

Die Welt mit Kinderaugen betrachtet ist ein fantastischer Ort, mag die Realität noch so grausam sein. Das suggeriert uns Birgit Vanderbekes aktuellster Roman Ich freue mich, dass ich geboren bin (2016). Ein netter Gedanke, der leider nicht so recht fruchten will.

Es scheint als würden alle Geschichten Vanderbekes auf ein Ereignis zurückgehen: die Flucht ihrer eigenen Familie aus der DDR. Dabei ist es nicht so sehr die Flucht an sich, die die Autorin nicht loslässt, sondern vielmehr das desillusionierende Ankommen im bigotten Westdeutschland der 60er Jahre. Wo die Familie kein sicherer Hafen, sondern nur noch ein Deckmantel für alltägliche Grausamkeiten ist.

Die Demontage der deutschen Familie, die in Vanderbekes Erzählungen Das Muschelessen (1990) und Friedliche Zeiten (1996) noch so gut funktioniert, wirkt in Ich freue mich, dass ich geboren bin fehl am Platz. Denn was hier passiert, hat mit Migration und Familie nur am Rande zu tun. Hier geht es um eine Fluchtgeschichte der ganz anderen Art: die Flucht eines hilflosen Kindes aus seiner freudlosen Realität.

Worum es geht

Es sind die 60er Jahre. Nach der Flucht aus der DDR und dem obligatorischen Aufenthalt im Flüchtlingslager landet die dreiköpfige Familie aus Vater, Mutter und Tochter in der Dreizimmerwohnung einer Werkssiedlung. Der Vater, aggressiv und vom Leben enttäuscht, versucht sich in der Fabrik hochzuarbeiten und genehmigt sich nach Feierabend gern mal ein „U-Boot“. Die Mutter, Lehrerin und notorisch unzufrieden, hat offensichtlich weit größere mentale Probleme als nur die Enttäuschung darüber, dass die Teakholzmöbel, von denen sie „schon seit dem Krieg und ihrem Verlobten geträumt hatte und die ein Traum geblieben wären, wenn wir nicht abgehauen wären“ nun ganz und gar nicht so aussehen wie in ihrer Vorstellung.

Die Ich-Erzählerin, die so scheint es, naiv in endlosen Bandwurmsätzen vor sich hin plappert, ist die siebenjährige Tochter, die dem Leser einen Einblick in ihr Leben gewährt und dabei wie zufällig menschliche Abgründe offenlegt.

„Im Land der Verheißung konnte man sich alles, wovon man träumte, sofort auf der Stelle ohne Wartezeit anschaffen.“ Das ist auch schon der einzige Lichtblick im Leben der Eltern, die gar nicht mehr wissen, wovor sie nun eigentlich geflohen sind. Denn das, was ihnen aufs Gemüt schlägt, nämlich das gemeinsame Leben, ist immer noch da und nun nach der Flucht, noch intensiver denn je, da es niemand anderen außer ihnen mehr gibt, außer den Nachbarn, denen man als direkten Konkurrenten in der Fabrik eher wenig gönnt, und dem Kind, der Verkörperung ihres Unglücks.

Und so wird das Kind permanent daran erinnert, dass es unerwünscht ist. Die herbeigesehnte Katze, die jedes Jahr aufs Neue zum Geburtstag ausbleibt, ist nur der Ausgangspunkt für eine unendliche Aneinanderreihung von Enttäuschungen und Quälereien, denen das Mädchen im Laufe seines recht kurzen Lebens schon ausgeliefert war. Von Essensentzug über die immer gleiche kopflose Puppe zum Geburtstag bis hin zu roher physischer Gewalt. Es ist die naive, kindliche Schilderung dieser Brutalität, die gruselt und entsetzt. Ein Effekt, der von Vanderbeke sicher so gewollt ist und in einem krassen Gegensatz zum recht versöhnlichen Ende steht, wenn das Kind es schafft, einen Ausweg aus seiner Misere zu finden.

Wenn man lesen kann, kann man zaubern und sich in alle Länder in der ganzen Welt versetzen oder in Tiere verwandeln oder plötzlich in einer anderen Zeit sein als der, in der man lebt. Man kann nach Belieben herumreisen, als gäbe es keine Zäune und Grenzen und Mauern, an denen es nicht weitergeht, man wird nicht verhaftet, eingesperrt oder erschossen und wenn es einem nicht gefällt in der Zeit, in der man zufällig lebt, geht man eben zurück in eine andere (…).

Warum dieser Roman nicht funktioniert

Die Fantasie und der Glaube an die eigene Zukunft – das Gespräch mit dem erwachsenen Ich – geben dem Kind Mut und Hoffnung und erlösen es von seiner traurigen Realität. Das ist ein netter Gedanke, der versöhnlich wirken will – vielleicht auch im Hinblick auf aktuell geflüchtete Familien –  aber als Antwort auf ein so schwerwiegendes Thema wie Kindesmisshandlung wirkt er verfehlt. Denn wenn Eltern ihr Kind so behandeln, wie es hier geschieht, reicht die gesellschaftskritische Brille dafür nicht mehr aus. Die Ursachen hierfür sind jenseits von Kultur und Migration zu suchen.

Auch wenn der Verlag ihn vermutlich gerne so bezeichnet, funktioniert Ich freue mich, dass ich geboren bin leider überhaupt nicht als eigenständiger Roman. Es ist vielmehr eine anders akzentuierte, sehr viel ernstere Spielform der Erzählung Friedliche Zeiten. Fast alle Elemente finden sich hier wieder: die Perspektive des naiven Kindes, die 60er Jahre, die geflüchtete Familie, die Enttäuschung im Westen, die depressive Mutter, die einen Verlobten und damit ein alternatives Leben an den Krieg verlor, und die unerträgliche Ehe der Eltern, die dem Kind das Leben schwer macht. Ist das ganze in Friedliche Zeiten zumindest im Ton noch humorvoll, lässt dieser Roman einen solchen Ton eigentlich nicht mehr zu.

Und so vertragen sich die ironischen Kommentare zum Leben im Westen überhaupt nicht mit der Schwere des Themas, egal wie naiv der Erzählton daherkommt. Diese Vermischung von zwei Ebenen, die nicht zusammenpassen wollen, lässt die Erzählung dann auch leider sehr unrund und oberflächlich wirken. Das auf Fantasie und Mut setzende Ende erscheint vor diesem Hintergrund trivial.

 

 

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