Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

stuckrad-barre_panikherz
(c) Kiepenheuer & Witsch

Was für ein Buch! Da erwartet man ein paar witzige, ironisch gebrochene Geschichten aus dem Unterhaltungsbetrieb in alter Stuckrad-Barre Manier und bekommt nichts weniger als eine Lebensbeichte. Die schonungslos ehrliche Autobiografie des deutschen Popliteraten par excellence, in der er die ironische Attitüde ablegt und uns sein Herz zu Füßen legt. Ein Herz, das vor allem für einen schlägt: Udo Lindenberg!

Mit Panikherz (2016) ist Benjamin von Stuckrad-Barre ein einzigartiges Buch gelungen: eines, in dem sein eigenes Leben sich wie ein spannender Roman liest, eines, in dem nicht nur die Abgründe einer Selbstzerstörung und der Versuch einer Selbstbesinnung reflektiert werden, sondern immer auch der Einfluss der Popkultur und ihrer Helden. Es ist die Geschichte einer lebenslangen Fanliebe, die mal mehr und mal weniger leitet, aber immer Halt gibt.

Seit Monaten versunken in meine Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihrer Nachwirkung auf die Gegenwart, meiner schon wieder völlig ausufernden RECHERCHE DU TEMPS PERDU über die Bedeutung von Musik für die eigene Biographie, über das Älterwerden mit der Musik und die unausweichliche Frage, was schlechter altert, man selbst oder die mit der eigenen Jugend verbundene Musik – und bin also: ein Mann der Vergangenheit. Und habe nichts im Kopf als alte Udo-Lieder. (B. v. Stuckrad-Barre: Panikherz)

Ein Mann der Vergangenheit

Fast 20 Jahre ist es her, dass Benjamin von Stuckrad-Barre mit Soloalbum (1998) ein bisschen Popstar-Glamour in die Literaturszene brachte. Ein Roman wie eine Platte, jedes Kapitel ein Oasis-Song. Seitdem gilt er neben Leuten wie Christian Kracht oder Rainald Goetz als einer der Vertreter der so genannten deutschen Popliteratur der 90er Jahre – zumindest im Feuilleton und unzähligen literaturwissenschaftlichen Abhandlungen. Im Mittelpunkt immer die Frage: Ist das Pop oder Literatur? Kann Literatur Pop sein etc. pp.

Noch heute haftet ihm dieser Popliteratur-Stempel an, und das obwohl er im Grunde nur einen einzigen Roman in dieser Richtung veröffentlicht hat. Stuckrad-Barre ist also, ob er will oder nicht, ohnehin ein Mann der Vergangenheit. Er steht für die spaßbetonten 90er, in denen alles möglich schien, für die oberflächliche, rein ästhetische Betrachtung der Welt, die nur ein Urteil duldet: das eigene.

Panikherz setzt solchen Debatten endgültig ein Ende. Stuckrad-Barre selbst lässt seine Karriere und die ,,wilden“ 90er im Schnelldurchlauf Revue passieren und lässt keine Fragen mehr offen. Wie wurde aus einem Pastorensohn vom Lande ein gefragter Plattenrezensent und Konzertveranstalter? Wie kommt ein taz-Praktikant ohne Studienabschluss zu einer Festanstellung beim Rolling Stone (der Traum eines jeden Musikfans)? Wie wird man Gag-Schreiber für Harald Schmidt und verfasst spontan einen Roman á la High Fidelity für den KiWi Verlag? Was geschah nach dem Hype um diesen, seinen ersten Roman?

Man merkt es seiner Erzählung an: Stuckrad-Barre ist, zurecht, stolz auf seinen unkonventionellen Werdegang und hängt dieser wilden Zeit selbst ein bisschen nach. Wer könnte es ihm verübeln? Scheint es doch, als wäre das ganze eine nicht enden wollende Party gewesen, bei der zufällig auch noch die Karriere rollte. Doch genau das war das Ende jeden Spaßes. Fast schon klischeehaft folgten Drogen und Essstörungen dem Ruhm auf dem Fuße. Um im Fernsehen möglichst schlank auszusehen, musste er nach dem Essen kotzen. Gegen die Bulimie half Kokain. Und bevor er sich versah, hatte er ein halbes Jahrzehnt im erbärmlichen Junkie-Kreislauf zugebracht und dabei seine gesamte Kohle durch die Nase gezogen.

Rund 10 Jahre später, Stuckrad-Barre hat seit einem Jahrzehnt nicht mal mehr ein Bier angerührt, ist es längst vorbei mit dem Hedonismus. Es ist das Jahr 2015 und der Autor sitzt melancholisch im legendären Chateau Marmont in Los Angeles, wo er sich von einer depressiven Verstimmung erholt und dabei versucht ein Buch zu schreiben, ein Buch, dass er bereits seit Jahrzehnten schreibt, ein Buch über die ,,Bedeutung der Musik für die eigene Biographie“. Dabei begegnet er immer wieder den Helden seiner Jugend:  Udo Lindenberg, der ihn überhaupt erst hierher brachte, Bret Easton Ellis, literarisches Vorbild, Courtney Love, einst ein Poster an der Wand, Noel Gallagher, der ohne Liam zahm und langweilig geworden ist.

Hier schließt sich der Kreis: All das Streben nach ewiger Leichtsinnigkeit und der Jugend der Nacht hat nichts geholfen. All die Versuche, dem geregelten, spießigen Leben zu entkommen nützten nichts – am Ende ist auch der Pop-Autor himself, genau wie Noel, genau wie alle seine Helden, älter geworden. Und plötzlich kauft man sich ein Fan-Sweatshirt nur noch, weil man auf dem Konzert friert. Schwer, angesichts einer solchen Realität, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, in der es den gesunden Rausch noch gab und nicht mit jedem Bier der Verlust der Kontrolle drohte. Und erstaunlich, welche Strategie Benjamin von Stuckrad-Barre dagegen wählt.

Er stellt den Tag über die Nacht, das verletzliche Herz über die kühle Ironie. Udo Lindenberg, den Held seiner Kindheit, über Oasis und Harald Schmidt.

Es war eine Frage der Herzensbildung, und wer Udo liebte, entschied sich damit für das Gefühl und gegen die Ironie.

Und wie war das noch mit der Popliteratur?

Nicht zuletzt gibt Panikherz eine sehr plastische Antwort auf die Frage, was mit der viel beschrieenen Popliteratur der 90er Jahre geschah. Sie hielt dem hohen Erwartungsdruck nicht stand (Stuckrad-Barre), sie versank in der Belanglosigkeit (Bret Easton Ellis) oder in seicht dahinplätschernden Beziehungsromanen (Nick Hornby).

Am Ende des Versuchs, ja niemals erwachsen zu werden,  am Ende der ironischen „Erzählmirnix-Abgefucktheit“ steht die Erkenntnis, dass „ihm keiner mehr was vormacht, außer er sich selbst.“ Das Ziel der nie endenden Jugend, wie es oftmals als Postulat der Popliteratur begriffen wurde, ist spätestens dann dahin, wenn der Held sich auf einer Beerdigung seiner Verantwortung gegenüber der Familie bewusst wird. Denn die ist es schließlich, die seinen Selbstzerstörungswahn stoppt.

Ich legte meinen Arm um ihn und spürte eine so tiefe, mich erschütternde Verbundenheit, auch eine Verpflichtung, jetzt dann doch mal rasch erwachsen zu werden.

Damit beerdigt Panikherz den Lebensentwurf des ewig pubertären  Poproman-Protagonisten, der sich aus der Distanz heraus über die Welt amüsiert. Und doch: Das Buch selbst ist der beste Beweis dafür, dass es gute Popliteratur eben doch geben kann. Denn trotz der Tragik, trotz des ernsten Themas, macht es doch auch sehr, sehr viel Spaß! Wie immer ist Stuckrad-Barre auch hier wieder ein präziser Beobachter menschlichen Verhaltens und ein unterhaltsamer Chronist. Radikal ehrlich erzählt er seine eigene Geschichte und schafft es dabei wie nebenbei auch noch eine kleine Popgeschichte der letzten 20 Jahre zu entwerfen. Denn, auch das ist deutlich geworden: Benjamin von Stuckrad-Barre ist in erster Linie Fan.

 

Advertisements

5 Kommentare zu „Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz“

    1. Danke! Ja, Tristesse Royal kenne ich. Fand ich interessant, aber auch eine Spur zu affektiert. Deshalb ist Panikherz ja auch so gut. Es rekapituliert diese ganze Pose, ist dabei eine Art tragischer Backstagebericht und Gegenentwurf zugleich. Auf jeden Fall sehr zu empfehlen!

      Gefällt 1 Person

      1. Glaube, ich hab das hier sogar irgendwo, weil ich das schon mal empfohlen bekommen habe. Es gibt auch eine Doku (?) über Stuckrad-Barre, meine ich. Was auch immer ich da gesehen hatte, es war empfehlenswert.

        Gefällt 1 Person

      2. Meinst du die von Herlinde Koelbl? Muss ich mal in irgendeiner Mediathek ausgraben. Habe mir als ich das Buch gelesen habe, auch alte YouTube Videos angesehen. Ziemlich verrückt, was jemand in so jungen Jahren schon an Öffentlichkeit produziert.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s