4 Blocks – Neukölln, deine Gangster(Serie)

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Wenn eine Serie direkt vor der eigenen Haustür spielt und einem dazu noch Einblicke in ein fremdes, zwielichtiges Milieu gewährt, ist das schon mal sehr spannend. Aber dieses mein zugegebenermaßen leicht voyeurostisches Interesse ist nicht allein der Grund dafür, dass die TNT-Serie 4 Blocks so sehenswert ist.

Beeindruckend ist vielmehr, dass eine deutsche Serie sich endlich mal ein bisschen mehr traut als das standardisierte Tatort-Geplänkel. Sich an aktuelle, gesellschaftliche Probleme heranwagt und dabei trotzdem die Unterhaltung nicht aus den Augen verliert. Nicht die Art von Unterhaltung, bei der ständig etwas in die Luft fliegt und Til Schweiger sich in Zeitlupe selbst feiert, sondern vielmehr eine Inszenierung, die den Vergleich mit amerikanischen Qualitätsformaten nicht scheut

Ein bisschen Sopranos, ein bisschen The Wire, hier und da eine Spur The Departed – ganz klar, bedient sich 4 Blocks mit Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan in den Hauptrollen bei großen Vorbildern. Aber die Inszenierung des arabisch geprägten Neuköllns als Ort des organisierten Verbrechens, mit seinen Widersprüchlichkeiten und Problemen – die ist originell und wird dem lokalen Thema gerecht. Wozu lange in der Trickkiste wühlen, wenn die Realität auf der Straße doch so viele Geschichten zu bieten hat. Unglaublich, dass da nicht schon früher einer drauf gekommen ist. Und so fliegt die Kamera, begleitet von düsteren Haftbefehl-Beats, über die Dächer Neuköllns hinweg und zieht den Zuschauer mitten hinein in dieses zwiespältige Viertel mit seinen Möchte-gern-Gangstern zwischen Sportwetten-, Baklava- und Hipster-Schuppen.

Worum es geht

Im Mittelpunkt der Serie, im Mittelpunkt Neuköllns, stehen die Hamadys, ein arabischer Clan, der durch Drogenhandel und Erpressung die vier ,,Blocks“ vom Hermannplatz bis zum Ende der Sonnenallee beherrscht. Kopf der Familie ist Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), der von einem sauberen Leben träumt und sich aus den ,,Geschäften“ zurückziehen will, sobald er die unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhält. Denn das ist sein ganzes Dilemma: Obwohl seit bald drei Jahrzehnten in Deutschland, ist der Status der Familie immer noch ein befristeter, einer der es nicht gestattet, ein legales Geschäft zu betreiben.

Tonis Träume vom sauberen Leben rücken in weite Ferne, als bei einer Razzia sein Schwager verhaftet wird und er wieder mehr im Gangster-Alltag mitmitschen muss. Hier hat er es mit korrupten Polizisten zu tun, mit versiegenden Drogen-Quellen und einer Rockerbande, die ihm sein Revier streitig macht. Zu allem Überfluss wird auch sein Bruder Abass, der Muskelberg der Familie, zunehmend zu einem Problem, weil er gegen Tonis pazifistischen Führungsstil rebelliert. Praktisch eigentlich, dass gerade jetzt Vince (Frederick Lau) wieder auftaucht, ein lange verschollener Freund, der schnell seine Position im Clan findet und Tonis rechte Hand wird, aber offensichtlich ein Geheimnis mit sich herumträgt. Zwei Geheimnisse eigentlich, denn recht schnell bandelt er auch noch mit Tonis unglücklich verheirateter Schwester an.

4 Blocks konzentriert sich vor allem auf die Beziehung zwischen den ungleichen Brüdern und schafft es durch die familiäre Komponente die Figuren trotz ihrer Brutalität menschlich erscheinen zu lassen. Selbst Abass, Mörder, Prolet und Frauenschläger, erweckt am Ende Mitgefühl, weil er nichts anderes versucht, als aus dem Schatten seines großen Bruders herauszutreten. Und natürlich fühlt man auch mit Toni mit, weil sein Versuch, angesichts von Chaos und roher Gewalt Vernunft und Prinzipien walten zu lassen von vornherein zum scheitern verurteilt ist.

Die Beziehung der Brüder, die schmerzverzerrt an dem festhalten, was sie Familie nennen, bildet das Spannungsgerüst der Serie. Denn man spürt, es braucht nur einen winzigen Impuls von außen, um das Gefüge, in das die beiden fast schon schicksalhaft hineingewachsen sind, zu sprengen. In dieser Staffel heißt dieser Impuls Vince.

Zur Auflockerung dieser doch recht ernsten Plots folgt die Kamera in einer Nebenhandlung dem Clan-Nachwuchs in den Görlitzer Park. Zwei kleinen Dealern, von denen der eine der nächste große Gangster werden will und der andere lieber Reime schreibt, um Mädchen zu beeindrucken.

Wie es wirkt

Die Serie ist nicht perfekt, hier und da fehlt es den Charakteren an Tiefe. Um die Handlung schnell voranzutreiben, werden Logiklöcher und unmotiviertes Handeln der Figuren in Kauf genommen. Vor allem das Zugpferd Frederick Lau als verdeckter Ermittler ist stellenweise alles andere als überzeugend und man wundert sich, dass ihm überhaupt irgendjemand seine Tarnung abnimmt. Warum vertraut Toni ihm mehr als seinem eigenen Bruder, warum wird er sofort Teil des Clans? Die Vergangenheit zwischen Vince und Toni wird immer nur angedeutet, was bei weitem nicht ausreicht, um ihre tiefe Verbindung zu erklären. Noch unlogischer ist Abass‘ Freundin, die als Unruhestifterin auftritt. Welchen Grund hat sie, die beiden Brüder gegeneinander auszuspielen? Das bleibt mal so im Raum stehen.

Im Großen und Ganzen überzeugt die Serie aber durchaus mit ernst zu nehmenden Charakteren, die sich zwar eng an der Klischee-Grenze bewegen – was Teil der Unterhaltung ist – aber letztendlich dann doch keine Klischees sind. Es sind viel mehr recht komprimierte, markante Charaktere, die jeweils für etwas stehen: Allen voran Toni Hamady, der Mafiaboss mit Herz, der von einem „sauberen Leben“ fantasiert und nur eine Regel hat: niemanden zu töten. Der jähzornige, kurzsichtige Bruder, der die ihm von der Familie zugewiesene Rolle nicht mehr spielen will. Vince, der von der Vergangenheit gequälte Junge, der an der Handlungsunfähigkeit der Polizei verzweifelt. Die zwei sympathischen Nachwuchs-Gangster, von denen jeder je eine mögliche Zukunftsperspektive aufzeigt und die Frauen in der Familie, jede einzelne eine Charakterisierung ihres Mannes, was umso mehr über ihre Ohnmacht aussagt.

Diese Konstellation gepaart mit tollen Bildern und einem authentischen Sound erzeugt eine dichte Atmosphäre und eine große Spannung, vor allem in den letzten Folgen der 1. Staffel, in der sich die Konflikte zuspitzen und es auf einen unerwarteten Showdown hinausläuft, der einen recht angefixt zurücklässt. Staffel 2 ist schon bestätigt.

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