F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby

fitzgerald_der_grosse_gatsby
(c) Suhrkamp / Insel

Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die orgastische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Auch damals entzog sie sich uns, aber darauf kommt es nicht an – morgen laufen wir schneller und strecken die Arme weiter aus…Und eines schönen Morgens…

So stemmen wir uns voran, in Booten gegen den Strom, und werden doch immer wieder zurückgeworfen ins Vergangene. (F. Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby)

Was für ein phänomenaler letzter Satz für einen Roman. Sätze wie diese, von einer so poetischen Wucht, machen es unmöglich, F. Scott Fitzgerald nicht zu mögen. Auch wenn er als Schriftstellerpersönlichkeit auf mich eher unsympathisch wirkt, zumindest aus feministischer Perspektive. Genau wie Hemingway repräsentiert auch er diesen arrogant zur Schau getragenen männlichen Egozentrismus, neben dem es die Frau nur als labiles Ding, hübsches Beiwerk oder Sehnsuchtsobjekt eines Mannes geben kann.

Das ist auch schon der einzige Kritikpunkt, den ich an diesem ansonsten großen Roman habe. Denn zum Glück ist das nur eine von vielen Ebenen, die Der grosse Gatsby (1925) aufmacht. Im Zentrum dieser vermeintlichen Liebesgeschichte im New York der Roaring Twenties steht nicht so sehr die Beziehung Gatsbys zu seiner angebeteten Daisy, sondern vielmehr das verzweifelte Streben eines Mannes danach, einem Ideal zu entsprechen, das nicht existiert. Das grüne Licht als Symbol all dessen, was unerreichbar bleibt, so sehr man auch danach greift. Weil man mit Geld nicht ändern kann, wer man ist, weil man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und weil das, wonach man strebt, nur eine verkommene Illusion ist. Eine unerhörte Absage an den American Dream, laut dem doch angeblich alles möglich ist.

Es war einmal ein Mr. Gatsby…

der in einem schloßähnlichen Anwesen auf Long Island rauschende Feste feierte, über den aber sonst niemand etwas Wahres zu sagen wusste. Einzig sein Nachbar, Nick Carraway, der sich selbst als ,,einer der wenigen ehrlichen Menschen“ bezeichnet, darf einen Blick hinter die Fassade des mysteriösen Mannes werfen. Er ist es auch, der dessen Geschichte erzählt.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er das Vertrauen von Gatsby gewinnt. Bald stellt sich heraus, dass Nicks Cousine Daisy, die mit ihrem millionenschweren Proleten von Mann im East Egg – der anderen, vornehmen Seite von Long Island – genau gegenüber lebt, einst eine Liebesbeziehung mit Gatsby verband. Vor dem Krieg, als dieser noch ein mittelloser Soldat und sie eine umschwärmte Provinzschönheit aus reichem Elternhaus war.  Alles was Gatsby nun will, ist wieder Kontakt zu Daisy aufzunehmen und die letzten Jahre ungeschehen machen. Sein Haus, sein Geld, die Feste, die Bekanntschaft mit Nick dienen allein diesem Zweck. Der grenzenlosen Hoffnung folgt ein tragisches Ende.

Worin liegt die Tragik?

Auch wenn ich es erst jetzt geschafft habe, den Roman von Scott F. Fitzgerald zu lesen, war mir die Geschichte des Großen Gatsby natürlich nicht neu. Zuletzt 2014 war ich schwer beeindruckt von Baz Luhrmanns Verfilmung mit Leonardo DiCaprio als Gatsby, die einen kleinen 20er Jahre Trend auslöste. Zurecht, denn wie Luhrmann diese hysterische Zeit der Beschleunigung und des Rausches während der Prohibition darstellt, ist atemberaubend. Liest man den Roman, weiß man, er hat sich, abgesehen vom Soundtrack, präzise an die Romanvorlage gehalten. Bild um Bild wird eine flirrende, schrille Hysterie vermittelt, wie sie genauso auch im Roman spürbar ist. Wort um Wort wird Fitzgerald zitiert und damit – in Person des Erzählers Nick Carraway – als moralische Instanz platziert. Selten habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Buch und seine Verfilmung in mir ungefähr das gleiche Gefühl ausgelöst haben. Bei Der Grosse Gatsby war es so, auch wenn mir der Film im Nachhinein doch eine Spur zu pompös erscheint.

Ich war drinnen und draußen, zugleich entzückt und abgestoßen von der unerschöpflichen Vielfalt des Lebens.

Welches Gefühl Buch und Film aber nun genau ausgelöst haben, das ist nicht so einfach zu sagen, obwohl die Geschichte trotz allem Drama und Tamtam einen einfachen, ja fast schon banalen Kern hat: einen Mann, der versucht eine Frau zu beeindrucken. Was genau ist so tragisch an Gatsby? Die Liebesgeschichte? Wohl kaum, denn die ist zum Zeitpunkt der Handlung schon Vergangenheit. Das Ende? Möglich, denn die Konsequenzen treffen den falschen. Vielleicht liegt die Tragik irgendwo in der Mitte. Das verzweifelte Festhalten am Vergangenen, der Versuch, seinem Leben einen größeren Sinn zu geben, das Streben danach, zu einem Kreis zu gehören, dem das alles schlicht und einfach egal ist.

Eine hohle Gesellschaft ohne Werte und Prinzipien, die keine Verantwortung für ihre Handlungen übernimmt. Geld und grenzenlose Leichtfertigkeit, die einen hoffnungsvollen Menschen das Leben kosten. Sinnlosigkeit triumphiert über Sinn, Oberflächlichkeit über unschuldige Träume. Das ist tragisch.

Er sprach viel über die Vergangenheit, und langsam begriff ich, dass er etwas zurückgewinnen wollte, vielleicht eine Vorstellung von sich selbst, die in die Liebe zu Daisy eingegangen war. Seit damals hatte sich sein Leben verwirrt, doch wenn es ihm gelänge, noch einmal an einen bestimmten Ausgangspunkt zurückzukehren und alles noch einmal langsam durchzugehen, dann konnte er auch herausfinden, was dieses Etwas war… (Fitzgerald: Der Grosse Gatsby)

 

Leonardo DiCaprio prostet mit Champagner zu.
via Giphy

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s