Hermann Hesse: Stufen

Wiese auf dem Tempelhofer Feld.

Es ist Sommer. Der Blog ruht. Die Fiktion muss hinter dem Leben zurückstehen, was sich gut anfühlt, aber auch nicht heißt, dass sich für die aktuelle Stimmung nicht ein paar lyrische Worte finden ließen.  Ich habe letztens wieder dieses Gedicht gelesen und eine Gänsehaut bekommen, weil es auf mich wie die Antwort auf so viele Fragen wirkt. In diesem Sinne, euch noch einen schönen Sommer!

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse, 1941)

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3 Kommentare zu „Hermann Hesse: Stufen“

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