Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky_Baba Dunjas letzte Liebe
(c) Kiwi-Verlag

Einst lebten 14.000 Menschen im Einzugsbereich des Tschernobyl-Reaktors. Heute sind es 700. Verlorene Menschen, die sich ihre Heimat von der Katastrophe nicht rauben lassen wollten und nach der Evakuierung in ihre Dörfer zurückkehrten. Eine von ihnen ist die fiktive Baba Dunja, die Hauptprotagonistin in Alina Bronskys kleinem, aber sehr feinem Roman Baba Dunjas letzte Liebe (2015). Die ,,winzige, kugelrunde Frau mit dem runzligen Gesicht“ findet in der verlassenen ,,Todeszone“ das erste Mal in ihrem Leben so etwas wie Freiheit.

Die wenigen Nachbardörfer sind verlassen. Die Häuser stehen da, aber die Wände sind schief und dünn, und die Brennnesseln ragen bis unters Dach. Es gibt nicht einmal Ratten, weil Ratten Müll brauchen, frischen, fetten Müll. Ratten brauchen Menschen.
Ich hätte mir jedes Haus in Tschernowo aussuchen können, als ich zurückkehrte. Ich nahm mein altes.

Was sich fast schon postapokalyptisch anhört, erweist sich erstaunlicherweise schnell als idyllisch. Aus der einfachen, klugen und humorvollen Perspektive einer alten Frau bekommt der Leser Einblick in den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft, die auf den Rest der Welt sonderbar und verrückt wirken mag, die aber ausgerechnet hier, in der verlassenden ,,Todeszone“, ihren Frieden gefunden hat.

Idyllisches Dorfleben in der ,,Todeszone“

Da ist das Ehepaar Gavrilov, das hier ganz für sich sein kann, der krebskranke Petrov, der seine letzten Tage lesend in der Hängematte zubringt, der 100-jährige Sidorov, der eine Frau sucht und die leicht depressive Marja, die mit ihrem Hahn spricht. Unter ihnen Baba Dunja, die erste Tschernobyl-Heimkehrerin in diesem Dorf, eine alte Frau, ,,wie Millionen andere“, die ihr Leben gelebt hat und nun nichts anderes mehr möchte, als ihren eigenen Garten zu bewirtschaften. Ihre einzige Verbindung zum Rest der Welt sind neben einer anstrengenden Busverbindung in die Nachbarstadt, die Briefe ihrer Tochter Irina aus Deutschland, die ihr von der Enkelin erzählen, die sie, Baba Dunja, nie kennengelernt hat.

Und so gewährt uns der Roman einen Blick in das Innenleben dieser robusten, bescheidenen Frau: Ihre Erinnerungen an ein recht freudloses, typisches Frauenleben. Ihre Zufriedenheit mit dem Ruhestand in der Abgeschiedenheit, wo einäugige Katzen geboren werden und es Wasser nur aus dem Brunnen gibt. Ihr Bedauern darüber, das Leben nicht mehr ausgekostet zu haben und ihre Sehnsucht nach der Familie, die sie mit der Rückkehr ins Dorf endgültig hinter sich gelassen hat.

Als schließlich ein Mann mit einem Kind an der Hand in Tschernowo auftaucht, wird Baba Dunja aus ihrem wohligen Alltag gerissen und die vergessene Dorfgemeinschaft rückt ins Interesse der Öffentlichkeit. Das abgeschiedene, friedliche Dorfleben scheint bedroht.

Was Freiheit bedeuten könnte

Das faszinierende an Baba Dunjas letzte Liebe ist, wie Alina Bronsky es schafft, dem Leser das radioaktiv verseuchte Dorf als einen Ort paradiesischer Freiheit zu verkaufen. Als einen aufgegebenen Ort, an den keine Erwartungen mehr gestellt werden und der dementsprechend zum Freiraum geworden ist. Aus Baba Dunjas Perspektive bekommt man eine Ahnung davon, was es heißen könnte, im Alter selbstbestimmt, mit sich selbst im Reinen und der eigenen Sterblichkeit vollkommen bewusst, zu leben.

Was ich in Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel. Wir stellen nach, was Menschen normalerweise tun. Von uns erwartet niemand etwas. Wir müssen weder morgens aufstehen noch abends ins Bett gehen. Wir könnten es auch genau umgekehrt machen. Wir spielen den Tag nach, wie Kinder mit Puppen und Kaufmannsladen das Leben nachspielen.
Zwischendrin vergessen wir, dass es noch die andere Welt gibt, in der die Uhren schneller gehen und wo alle schreckliche Angst vor dieser Erde haben, die uns ernährt. Diese Angst sitzt tief in den anderen Menschen, und die Begegnung mit uns bringt sie an die Oberfläche.

Die Menschen in Tschernowo gelten als dem Tode geweiht, aber gerade in der Akzeptanz des Todes finden sie ihr Glück. Ein kleines Glück, das möglicherweise nur darin besteht, die Früchte im eigenen Garten zu ernten – mögen sie noch so radioaktiv verseucht sein. Aber gerade diese Kleinigkeiten bedeuten manchmal die große Freiheit.

Baba Dunjas letzte Liebe ist ein unglaublicher Roman, der das Altern und Sterben in ein sanftes Licht taucht und dabei humorvoll und anrührend das Bild einer einfachen, sowjetischen Frau zeichnet – „eine Frau wie Millionen andere“ und doch einzigartig.

,,Baba Dunja ist einer dieser Frauen, auf die man neidisch ist, weil sie lächeln können wie Kinder. Sie hat ein kleines, runzliges Gesicht. Sie ist winzig und kugelrund – sie misst kaum 1,50 Meter. Eine Symbolfigur. Eine Erfindung der internationalen Presse. Ein moderner Mythos.“

Natürlich könnte man Bronskys Idyllisierung des Tschernobyl-Gebiets auch kritisieren. Doch idyllisch erscheint hier nicht Tschernowo, sondern vielmehr Baba Dunja selbst. Baba Dunjas letzte Liebe wirkt wie das Gegenteil von Anna Galkinas Roman Das kalte Licht der fernen Sterne, der ein Jahr später erschien. In beiden Romanen geht es um das russische Dorfleben. Während sich bei Galkina jedoch jedes Idyll in ein unmenschliches Gewaltszenario verwandelt, wirkt bei Bronsky selbst ein geradezu postapokalyptisches Szenario noch menschlich. Ausschlaggebend ist der Blick der jeweiligen Protagonistin.

 

 

 

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