Tuesday Nights in 1980 / Meister und Margarita: Literatur oder Unterhaltung…

Literatur oder Unterhaltung? Diese Frage führt selten zu einer zufriedenstellenden Antwort und sollte eigentlich gar nicht erst gestellt werden. Doch manchmal drängt sich der Vergleich einfach auf. So wie neulich, als mich in der Bibliothek meines Vertrauens ein Roman aus der Unterhaltungsabteilung anlachte: Tuesday Nights in 1980 von Molly Prentiss, ein Debüt das 2016 erschien. Um die New Yorker Kunstszene der 80er Jahre sollte es hier gehen, um eine Stadt im Umbruch, um ein Beziehungsgeflecht zwischen unterschiedlichsten Menschen, mit Bezug zur Militärdiktatur in Argentinien. Wie kann es sein, dass ein Roman mit solch bedeutungsschwangeren Themen nicht in der ,,Amerikansichen Literatur“ sondern hier in der ,,Unterhaltung“ neben Ildiko von Kürthy und Co. zu finden ist, dachte ich. Wer entscheidet überhaupt, welches Buch wo zu stehen hat?

Nun, nachdem ich Tuesday Nights in 1980 gelesen habe, wird mir der Unterschied zwischen Literatur und Unterhaltung ein weiteres Mal bewusst. Nicht die Relevanz und Bedeutungsschwere eines Themas entscheiden darüber, ob ein Autor Literatur schafft, sondern die darin enthaltene Aussage. Irgendeine Art von Erkenntnis, die Eindruck hinterlässt. Nichts davon ist bei Molly Prentiss zu finden. Wiederum andere Romane, die zur Weltliteratur zählen, wie etwa Bulgakows Meister und Margarita kränkeln daran, dass sie einfach zu sehr mit Aussage aufgeladen sind.

Molly Prentiss: Tuesdays Nights in 1980

Der Roman beginnt an einem Dienstagabend im September 1980 in Buenos Aires. Franca, alleinerziehende Mutter eines 5-jährigen Sohnes, geht zu einem politischen Treffen und wird verhaftet. Zu spät wird ihr klar, dass ihr Sohn nun auf sich allein gestellt ist und nur einen einzigen Verwandten auf der Welt hat: Francas Bruder Raul, der einige Jahre zuvor Argentinien verließ, um in New York Maler zu werden.

Einen zeitlicher Sprung zurück: Es ist Silvester 1979 und Raul Engales, der in der Künstlerszene SoHos heimisch geworden ist, legt auf einer Party den Grundstein für seinen künftigen Erfolg als Künstler. Auf der selben Party ist auch James Bennett, einflussreicher Kunstkritiker und sonderbarer Synästhetiker, der Kunst nicht nur sehen, sondern auch riechen und schmecken kann. Sowie seine Frau Marge, die an diesem Abend eine Fehlgeburt erleidet. Außerdem ein paar Ecken weiter in einer Bar: Lucy, ein hübsches Mädchen vom Lande, das wie so viele Mädchen in New York nach dem  Extraordinären sucht und sei es in nur in Person eines gutaussehenden Künstlers.

Diese drei Menschen, deren Wege sich kreuzen, begleiten wir nun durch das Jahr 1980 bis zu dem Moment, in dem Francas verwaister Sohn in New York auftaucht und ihrer aller Leben auf den Kopf stellt. Bis dahin fristet Raul ein vergnügliches, unkonventionelles Künstlerdasein in SoHo, verliebt sich in Lucy, wird zur Inspiration für James Bennett, der verzweifelt versucht, seine Liebe zur Kunst mit der Liebe zu seiner Frau zu vereinbaren, und kommt fast groß als Künstler raus – nur fast, denn ein tragischer Unfall setzt seinem unbeschwerten Leben ein Ende.

Am Ende geht es um eine sentimentale Geschwisterbeziehung und darum, was mit Träumen passiert, wenn die Realität zuschlägt. Natürlich spielt bei all dem auch die Bedeutung von Kunst eine Rolle, aber die Auseinandersetzung damit bleibt theoretisch. Die wilde New Yorker Künstlerszene, New York selbst bleiben blasse Kulisse. Die Handlung bewegt sich stets nur an der Oberfläche. Die Charaktere erfüllen ihre Rollen recht unmotiviert und gleiten nicht selten in Klischees ab. Der feurige argentinische Künstler mit den emotionalen Problemen, das hübsche Mädchen aus der Provinz, das  ohne Mann nicht vollständig ist und der verklemmte Kunstkritiker, der zwar ein Genie, aber ansonsten lebensunfähig ist.

Tuesday Nights in 1980 ist kein schlechter Roman. Er ist kurzweilig und liest sich gut. Am Ende habe ich sogar ein paar Tränen vergossen, wie so oft, wenn Kinder im Spiel sind. Doch obwohl er oft Bedeutungsschwere andeutet, löst er sie nie ein. Er bleibt auf der Oberfläche und bietet über die Handlung hinaus keinerlei tiefere Erkenntnisse. Nur die Unterhaltung.

Das bedeutet Trauma in einer Stadt: die Schichtung eines tragischen Ortes auf den anderen, ein surreales Bild, das direkt ins nächste hineinragt. Es hat nur diese unbestimmte Zeit gedauert, und doch weißt du bereits, als du in die Nacht hinaustrittst, dass sich alles in der Stadt total verändert hat. (Tuesday Nights in 1980)

Michail Bulgakow: Meister und Margarita

Dass ein Roman ,,nur“ unterhaltsam ist, soll jedoch keineswegs naserümpfend und abwertend gemeint sein. Unterhaltung ist lebensnotwendig. Genauer genommen sollte der Prentiss-Roman mir sogar in erster Linie eine kleine Verschnaufpause von einem besonders harten Brocken Literatur verschaffen: Michail Bulgakows Meister und Margarita. In den 1930er in der stalinistischen Sowjetunion geschrieben, konnte der Roman erst 1966 in zensierter Form erscheinen und gilt seitdem als eine der wichtigsten russischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts, wenn nicht gar als Klassiker der Weltliteratur.

Nun mag es sein, dass es an der Übersetzung liegt oder einfach daran, dass ich den Roman nicht verstehe, aber es fällt mir unglaublich schwer ihn zu lesen. Die Handlung, die ein bisschen an Goethes Faust erinnert – in Moskaus Intelektuellenkreisen geht der Teufel um und stiftet Unruhe – ist zäh und besteht in der Hauptsache aus Gesprächen zwischen Männern, die sporadisch auftauchen und die nur schwer einzuordnen sind. Genauso wie die vielen Anspielungen auf Pointus und Pilatus verstehe ich die Bezüge zur Kunst und Kultur jener Zeit nur ansatzweise. Denn was weiß ich eigentlich über die Sowjetunion der 30er Jahre? Ziemlich wenig. Vielleicht liegt genau darin mein Problem. Vielleicht muss man um Satire zu verstehen, die genauen Umstände kennen, auf die sie bezogen ist. Doch sollte ein Roman nicht für sich selbst sprechen?

Mir jedenfalls ist Meister und Margarita eindeutig zu verkopft und ich weiß nicht, ob ich ihn zu Ende lesen werde. Ich gebe nur ungern auf, aber warum sollte ich meine Zeit für etwas aufwenden, das mir keine Freude bereitet. Oder lohnt es sich, hier durchzuhalten?

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