Netflix: Gypsy – eine feministische Serie?

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(c) Netflix

Wer bei Gypsy, der von Netflix als Psychothriller verkauften Naomi Watts Serie, Nervenkitzel erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Denn dabei zuzusehen, wie Naomi Watts eine frustrierte Vorstadt-Ehefrau spielt, die als Therapeutin die Distanz zu ihren Patienten verliert, dürfte wohl kaum als Psychothriller durchgehen. Dafür passiert hier entschieden zu wenig – wenn man einmal von den allzu sehr gewollten Fummelszenen absieht (Fifty Shades Regisseurin Sam Taylor-Wood war am Werk).

Nichtsdestotrotz gibt die Serie einige interessante Denkanstöße. Denn womit kämpft die Hauptfigur denn im Grunde die ganze Zeit? Mit der sozialen Rolle, die ihr als Ehefrau und Mutter automatisch zugeschrieben wird, selbst wenn ihre Persönlichkeit mit dieser Rolle nicht kompatibel ist. Und so erscheint hier der Versuch, sich trotz Ehe und Kind ,,nicht selbst zu verlieren“ als pathologisch. Naomi Watts verstrickt sich in ein vermeintlich zerstörerisches Doppelleben.

Naomi Watts als psychotische Therapeutin

Psychotherapeutin Jean (Naomi Watts) wirkt auf den ersten Blick wie eine erfolgreiche Frau, die, wie man so schön sagt, alles erreicht hat: Kind, Karriere, Mann, Häuschen in der Vorstadt. Doch wie so oft trügt der Schein: Von ihrem Ehemann fühlt sie sich vernachlässigt, mit den Helikopter-Müttern aus der Vorstadt will und kann sie nicht mithalten und der Beruf steht immer hinter den Belangen von Kind und Haushalt zurück. Die Therapeutin, die anderen so vernünftige Ratschläge erteilt, greift selbst zu fragwürdigen Methoden, um aus ihrem faden, routinierten Leben auszubrechen.

Fast schon parasitär zieht sie einen Nervenkitzel daraus, sich in die Probleme ihrer Patienten hineinzufühlen und geht sogar so weit, sich unter falschem Namen mit deren Freunden und Angehörigen anzufreunden. Sie bekundet Solidarität mit der Tochter einer Patientin, die nach einem alternativen Lebensweg sucht, sie quartiert ein drogensüchtiges Mädchen bei sich ein und beginnt schließlich eine Beziehung mit der bindungsscheuen Sydney, von der einer ihrer Patienten besessen ist und von der auch sie sich magisch angezogen fühlt. Immer tiefer verstrickt sich Jean, die sich lieber als Diane ausgibt, in ihr Doppelleben, welches jeden Moment aufzufliegen droht. Die Motive dafür bleiben bis zum Schluss in der Schwebe.

Warum Gypsy sehenswert ist

Gerade in diesem Schwebezustand, in dem sich Jeans Psyche zu befinden scheint, liegen die Psychothriller-Elemente der Serie. Ist die Frau nun psychisch krank und vollkommen unberechenbar oder macht sie einfach nur das, von dem die meisten nur zu träumen wagen: ihre Phantasien auszuleben? Und was passiert, wenn die Beteiligten dahinterkommen, dass sie nur Figuren im Lustspiel einer Therapeutin sind, die sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat.

Auf dramatische Konfrontationen wartet man am Ende vergebens. Und dennoch übt die Serie eine gewisse Sogkraft aus. Nicht so sehr als fesselnder Psychothriller, sondern eher als Ehedrama, als Dilemma einer Frau, die sich nicht mit den festen Rollenzuschreibungen abfinden will, denen sie unterworfen ist. Am Ende wird klar, dass alle Konflikte ihrer Patienten auch ihre eigenen sind. Die Tochter, die sich von ihrer übergriffigen Mutter zu lösen versucht, ist sie selbst, in das drogensüchtige Mädchen projiziert sie die Sorge um ihre Tochter hinein, mit deren Geschlechtsidentität sie zu kämpfen hat, und in Sydney sieht sie sich selbst wie sie gerne wäre: frei, unabhängig, unberechenbar. Sie fühlt sich von einer Version von sich selbst angezogen, die sie nicht loslassen kann. Gleichzeitig ist es ihr unmöglich, ein Leben ohne Mann und Kind zu führen. Ein Dilemma, das trotz aller Psycho-Elemente menschlich und wohl nicht nur für Frauen, die so vieles sein müssen und wollen, nachvollziehbar ist.

Man könnte es als einen feministischen Ansatz betrachten, wäre da nicht der offensichtliche Versuch der Serienmacher, unbedingt sexy sein zu wollen. Wohl deshalb nimmt die Beziehung mit Sydney für meinen Geschmack zu viel Raum ein, zumindest wenn man das Mädchen nur als Symptom, als Mittel zum Zweck betrachtet. Und ist es nicht ohnehin antifeministisch, den Versuch einer Frau, ein bisschen Leben für sich zu behalten, als psychotisch darzustellen? Warum muss die Neugier auf neue Menschen und Lebensarten, der Wunsch nach mehr Aufregung im eigenen Leben als verwerfliches „Doppelleben“ daherkommen? Als düstere Seite einer Medaille, als Kontrast zur vernunftgesteuerten Ehefrau und Mutter, die ihren Platz zu Hause weiß? Wie gesagt, die Serie gibt einige Denkanstöße und das ist prinzipiell schon mal etwas Gutes. Eine zweite Staffel wird es dennoch nicht geben.

 

 

 

 

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