Elena Ferrantes Neapolitanische Saga Band 1-3

Nun hat es auch mich erwischt: das Ferrante-Fieber. Nachdem sich Meine geniale Freundin und Die Geschichte eines neuen Namens als Urlaubssuchtlektüre erwiesen hatten, konnte ich es kaum erwarten, mich zu Hause auf den neu erschienen 3. Band Die Geschichte der getrennten Wege zu stürzen. Jetzt fühle ich mich leer und verlassen, denn der vierte und letzte Band Die Geschichte des verlorenen Kindes erscheint erst nächstes Jahr, und das bei diesem unerhörten Cliffhanger. Warum macht diese selbsternannte Neapolitanische Saga bloß so süchtig? 

Die Bücher folgen den Lebenswegen zweier Freundinnen, Elena und Lila, die obwohl sie am gleichen Ausgangspunkt beginnen, sehr unterschiedlich verlaufen. Beide Mädchen wachsen im selben von Gewalt und Korruption durchdrungenen Armenviertel auf, beide sind außergewöhnlich intelligent. Doch während Elena – die Erzählerin der Geschichte – weiter zur Schule gehen darf, Schriftstellerin wird und in eine intellektuelle Familie einheiratet, wird Lila, der vermeintlich schöneren und begabteren von beiden, der Bildungsweg verwehrt und sie bleibt im Rione zurück, wo sie mit 16 heiratet, zum Opfer häuslicher Gewalt wird und schließlich ihren Mann verlässt – schwanger von einem anderen, dem Mann, in den auch Elena seit ihrer Kindheit verliebt ist.

Das klingt fast schon nach Telenovela und tatsächlich tragen die spannenden Wendungen im Leben dieser beiden Frauen und ihrer Familien einiges dazu bei, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Aber das allein ist nicht das Faszinierende an der Geschichte. Es ist vielmehr diese detailreich geschilderte Innenwelt, die unter die Haut geht. Die dichte und lebendige Atmosphäre der neapolitanischen Lebenswelt, die einen glauben macht, das müsse einfach aus dem Leben gegriffen sein. Und vor allem ist es Ferrantes‘ Fähigkeit, individuelle menschliche Schicksale geschickt mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: mit dem komplexen Wesen der Freundschaft, mit der Bedeutung von Herkunft und Bildung, mit Ehe, Sexualität, Mutterschaft und nicht zuletzt mit der Zeitgeschichte der 50er, 60er und 70er Jahren – mit dem gesellschaftlichen Umbruch, der vor allem für Frauen mit einer Zerrissenheit zwischen traditionellen und modernen Werten einherging, die bis heute fortbesteht.

Band 1: Meine geniale Freundin

Als die 60-jährige Elena erfährt, dass Lila, ihre Freundin aus Kindertagen, spurlos verschwunden ist, beschließt sie ihre Geschichte in allen Einzelheiten aufzuschreiben. Der erste Band dieser Geschichte führt sie zurück ins Neapel der 50er Jahre, in ein Armenviertel, in dem der Krieg immer noch allgegenwärtig ist. Hier, im Rione, lernen sich die Mädchen Elena und Lila in der ersten Grundschulklasse kennen. Elena ist fleißig und strebsam, Lila ist frech und widerspenstig und dennoch wird Lila mit ihrer ungewöhnlichen Intelligenz schon bald Klassenbeste und verweist Elena auf den zweiten Platz. Hier beginnt ein Konkurrenzverhältnis, das ein Leben lang anhalten wird und dennoch hindert es die beiden nicht daran, einander als Verbündete in dieser tristen Welt zu betrachten.

Niemand verstand uns – dachte ich -, nur wir zwei verstanden uns. Wir zwei zusammen, nur wir wussten, dass die bleierne Schwere, die schon immer, seit wir denken konnten, auf dem Rione lastete, zumindest ein wenig nachließ, wenn nicht Peluso, der ehemalige Tischler, sondern jener Bewohner der Kanalisation das Messer in Don Achilles Hals gerammt hätte und wenn die Tochter des Mörders den Sohn des Opfers heiratete. Es lag etwas Unerträgliches in den Dingen, in den Menschen, in den Wohnhäusern und in den Straßen, etwas, das nur annehmbar wurde, wenn man wie in einem Spiel alles neu erfand. Entscheidend war aber, dass man auch fähig war zu spielen, und sie und ich – nur sie und ich – waren dazu fähig.

(Elena Ferrante: Meine geniale Freundin)

Die kindliche Phantasiewelt der beiden Mädchen erfährt durch die Tatsachen der Realität ein jähes Ende. Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden ändert sich gravierend als Elena auf die Mittelschule geht und Lila nicht. So sehr sich ihre Lehrerin auch dafür einsetzt, Lilas Eltern sind strikt dagegen. Stattdessen soll sie in der Schusterwerkstatt ihres Vaters arbeiten. Während Elena nun das Gefühl plagt, das Leben zu leben, das eigentlich für ihre Freundin bestimmt sei, stürzt Lila sich in das Handwerk und verdrängt Schmerz und Neid, indem sie Elenas Schulbildung bei jeder Gelegenheit herabsetzt. In Elena keimt in diesen Jahren ein Komplex auf, der ihr Leben lang an ihr nagen wird: Dass ihr eigener schulischer Erfolg nichts im Vergleich dazu ist, was aus Lila mit denselben Möglichkeiten hätte werden können.

In solchen Momenten kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Wenn so viel Konkurrenz, Missgunst und Neid vorherrschen, wie kann man da überhaupt noch von Freundschaft sprechen? Doch was ist es sonst, wenn der Einfluss eines Menschen auf das eigene Leben so groß ist, dass man einander als Inspiration und Ansporn betrachtet. Oft drängt sich die Frage auf, was die Mädchen zusammen hätten erreichen können, wenn nicht Eltern, Männer, Status und Geld sie immer wieder gegeneinander aufgebracht hätten. Oft ist die Ambivalenz in ihrer Freundschaft aber auch ein Grund, um mit den Augen zu rollen, denn Elena als introvertiere von beiden lässt sich schon sehr viel gefallen und leidet still vor sich hin, statt einfach mal den Mund aufzumachen.

In Meine geniale Freundin stehen Kindheit und Jugendjahre der beiden Mädchen im Vordergrund, die sich in der Pubertät auseinanderentwickeln. Elena, die in der Schule zwar Erfolge verzeichnet, aber dennoch unzufrieden mit sich ist, beobachtet aus der Ferne, wie aus Lila eine Schönheit wird, die den Männern aus dem Rione reihenweise den Kopf verdreht und schließlich mit 16 die Verlobte von Stefano Carracci wird, einem der reichsten Männer des Viertels.

Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens

Der zweite Band beginnt mit der Erkenntnis, dass Lilas Heirat mit Stefano ein großer Fehler gewesen ist. Schon bei der Hochzeitsfeier offenbart sich, dass er sie getäuscht hat, bevor er sich in der Hochzeitsnacht endgültig als Monster entpuppt. Es ist nun an ihr, sich mit ihrem Schicksal als geprügeltes, eingesperrtes Luxusweibchen abzufinden und sie tut es mit dem gleichen Eifer, mit dem sie als Mädchen das Ende ihrer Schullaufbahn verdrängte: sie stürzt sich in die Arbeit (ihres Mannes).

Elena, die mit dem Gymnasium hadert, soll ihr währenddessen zur Seite stehen. Während eines Sommerurlaubs am Meer kommt es zu einer fatalen Begegnung: Lila beginnt eine heimliche Affäre mit Nino, ausgerechnet mit dem Jungen, in den Elena seit Kindertagen verliebt ist.

Ungeachtet ihres eigenen Schmerzes hilft Elena den beiden dabei, ihre Beziehung fortzuführen. Und so gipfelt die Affäre schließlich in einer Schwangerschaft und führt zu einem kurzen Ausbruch Lilas aus ihrer Ehe, bevor sie erkennt, dass Nino es nicht wirklich ernst mit ihr meint. Lilas Situation scheint ausweglos, mit der Hilfe von Freund Enzo schafft sie es dennoch, sich von Stefano zu lösen, eine Arbeit in einer Wurstfabrik zu finden und ihr Kind ohne Ehemann großzuziehen.

Während Lila ganz unten angekommen zu sein scheint, geht es mit Elena, trotz gebrochenem Herzen, weiter aufwärts. So sehr ihr ihre Herkunft auch im Wege steht, sie macht dennoch ihr Abitur und erhält ein Stipendium für ein Studium in Pisa. Sie verlässt den Rione, macht neue Erfahrungen und lernt schließlich Pietro kennen, der sie mit seiner hoch angesehenen intellektuellen Familie beeindruckt und zu seiner Verlobten macht. Die Geschichte mit Lila und Nino verarbeitet Elena in einem Buch, aus dem ihr erster Roman hervorgeht. Nun könnte man meinen, sie habe es geschafft: So sieht ein erfolgreicher, weiblicher Lebenslauf aus – das Gegenteil von einer ungebildeten Frau, die zu früh heiratet und Kinder bekommt.  Aber so funktioniert die Gegenüberstellung dieser zwei sehr verschiedenen Frauen hier zum Glück nicht. Die Verbindung geht tiefer.

Ich begriff, dass ich voller Überheblichkeit dort hingekommen war, […] um ihr zu zeigen, was sie verloren und was ich gewonnen hatte. Aber das hatte sie bereits in dem Moment erkannt, als ich vor ihr auftauchte, und nun […] reagierte sie, indem sie mir praktisch erklärte, dass ich gar nichts gewonnen hatte, dass es auf der Welt überhaupt nichts zu gewinnen gab, dass ihr Leben genauso wie meines voller außergewöhnlicher und unsinniger Abenteuer war und dass die Zeit ganz einfach ohne jeden Sinn verrann und es nur schön war, sich hin und wieder zu sehen, um den verrückten Klang des Gehirns der einen als Echo im verrückten Klang des Gehirns der anderen zu hören.

(Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens)

Nicht darum, wer von beiden besser oder schlechter weggekommen ist, geht es in dieser Geschichte. Gewinner und Verlierer gibt es nicht, die Zeit nimmt darauf keine Rücksicht.  Vielmehr geht es um die Verbindung zwischen den beiden Frauen, die so stark ist, dass ihr Leben nur in der gegenseitigen Widerspiegelung einen Sinn bekommt. Elena bedeutet ihr Erfolg nichts, solange er nicht von der Freundin als solcher wahrgenommen wird, genauso wie Lila ihre Schwächen vor Elena niemals offenbaren würde, weil sie dann Wirklichkeit werden würden. Das ist sowohl tröstlich als auch tragisch.

Am Ende von Die Geschichte eines neuen Namens sind die beiden Frauen erwachsen und sehen jeweils zwei völlig unterschiedlichen Leben entgegen: Lila dem als Arbeiterin in einer Fabrik, Elena als Schriftstellerin und Ehefrau eines Intelektuellen. Im 3. Band, der Geschichte der getrennten Wege wird jedoch schnell deutlich, dass auch Bildung und Intellekt kein Garant für ein glückliches Leben sind: Genau wie ihre Freundin in jungen Jahren, fühlt sich auch Elena in ihrer Ehe isoliert und entmachtet.

Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege

Der dritte Band beginnt vorgreifend mit dem Mord an einer alten Bekannten aus dem Rione, bevor die Erzählerin wieder in den chronologischen Verlauf der Handlung zurückfindet: in die 70er Jahre, in ihre Verlobungszeit, in denen sie den Erfolg ihres ersten Romans genießt und endlich, wenn auch nur für kurze Zeit, die Person ist, die sie hatte werden wollen. Sie schreibt und debattiert im Kreise linker Intellektueller und schafft es mit ihrem Einfluss als erfolgreiche Schriftstellerin sogar Lila zu helfen.

Diese steht nämlich kurz vor der totalen Erschöpfung, weil sie täglich in der Fabrik schuftet und wie zufällig auch noch in den Arbeitskampf verstrickt wird. Mit Elenas Hilfe kann sie der Tyrannei des Fabrikbesitzers entkommen, kehrt zurück in den Rione und beginnt zusammen mit Enzo in der aufkeimenden Computerbranche zu arbeiten. Während Lila ihren Platz gefunden zu haben scheint und sich mit dem Rione, der vor politischer Gewalt nur so überkocht, aussöhnt, beginnen für Elena mit ihrer Heirat qualvolle Jahre, die die beiden Freundinnen geografisch zwar endgültig voneinander trennen, sie gewissermaßen aber auch enger verschmelzen lassen.

Denn auch Pietro ist nach der Heirat nicht der Mann, für den Elena ihn gehalten hat. Dass er intelligent und gelehrt ist, hindert ihn nicht daran, an konventionellen Rollenmustern festzuhalten. Demnach erwartet er von seiner Frau lediglich, dass sie ihm zu Hause den Rücken freihält und sich um die Kinder kümmert. Ihre Meinungen und Ansichten, die sie sich im Laufe ihrer Schullaufbahn unter so viel Anstrengung angeeignet hatte, interessieren ihn nicht. Er ist zwar kein brutaler Schläger wie die Männer im Rione, gibt ihr mit seinem Verhalten jedoch ebenso das Gefühl, minderwertig zu sein und das so ausdauernd, dass sie ihre schriftstellerischen Tätigkeiten nach der Geburt ihrer Töchter fast vollständig einstellt.

Die Mutterschaft ist ohnehin ein einschneidendes Erlebnis, das ihr ihre Lage vollends bewusst macht. Zeit ihres Lebens hatte sie verhindern wollen, wie ihre Mutter zu werden, nur um festzustellen, dass all das Studieren sie nicht vor der Rolle der Hausfrau und Mutter bewahren konnte. Alles was sie sich angeeignet und gelernt hatte, erweist sich als nutzlos angesichts der „bis ans Lebensende wiederholten Rituale in Küche und Ehebett.“ Sie erkennt, dass ihr gesamter Bildungsweg aus einem männlichen Blickwinkel heraus erfolgte, dass sie gelehrt wurde, wie ein Mann zu denken, dass sie versucht hatte, mit Männern mitzuhalten – ohne jedoch jemals die gleichen Aussichten gehabt zu haben.

Ferrante schafft es an dieser Stelle sehr eindrucksvoll, die revolutionären feministischen Ansätze der 70er Jahre mit Elenas Schicksal zu verknüpfen. Am Ende ist es die Protagonistin selbst, die sich ihrer Identitätsproblematik bewusst wird und erkennt, welche Rolle Lila darin spielt.

Ich wollte etwas werden, auch wenn ich nie gewusst hatte, was. Und ich war etwas geworden, so viel stand fest, aber ohne eine konkrete Vorstellung, ohne eine wahre Leidenschaft, ohne einen zielgerichteten Ehrgeiz. Ich hatte nur deshalb etwas werden wollen – und das war der springende Punkt -, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte sonst etwas werden, und ich würde hinter ihr zurückbleiben. Mein Etwas-Werden hatte sich in ihrem Fahrwasser vollzogen. Ich musste noch einmal von vorn beginnen, etwas zu werden, aber für mich, als erwachsene Frau, außerhalb von ihr.

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

Als Lila im Rione eine lukrative Arbeit bei den Solaras annimmt, ausgerechnet bei der Familie, die sie Zeit ihres Lebens verachtet, will sich Elena endgültig von ihr lösen. Gleichzeitig empfindet sie nach wie vor großen Neid, denn Lilas Leben erscheint ihr paradoxerweise immer noch als viel selbstbestimmter als ihr eigenes.

Ausgerechnet Nino – der Mann, den beide Frauen geliebt haben – ist es, der Elenas Unglück erkennt und ganz unverhofft selbst zum Ausweg wird. Doch wird Elena in der Lage sein, ihre Familie zu verlassen? Und wofür eigentlich? Wenn das Buch endet, fühlt man sich verlassen. Nicht nur weil es noch so lange dauert, bis im Februar 2018 Band 4: Die Geschichte des verlorenen Kindes erscheint, sondern auch weil man aus dem eindringlichen Innenleben einer Protagonistin auftauchen muss, die einem selbst wie eine Freundin ans Herz gewachsen ist. Nach knapp 1.586 Seiten musste es wohl so kommen.

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