Der September in Filmen

Der Herbst war schneller da als erwartet und mit ihm das Bedürfnis, sich einzuigeln. Wenn nicht gerade eine Folge Mad Men (aktuell Staffel 4 und es ist die pure Freude), musste es ein zur Stimmung passender Film sein. Ein paar Filme sind im September also zusammengekommen: ein Filmklassiker aus den 70ern, was fürs Herz, zwei Blödelfilme für die kopflose Unterhaltung, zwei bewegende Musiker-Dokus und neben Berlin Syndrom sogar noch ein weiterer aktueller Film, der obwohl vielversprechend, leider ein Reinfall war.

Der Klassiker…

Der Stadtneurotiker (1977): Mit Klassikern ist das so eine Sache, gerade mit solchen die als Prototypen ihres Genres gelten: Hat man die vielen ,,Ableger“ vor dem Original gesehen, will dieses nicht mehr so richtig zünden. So ungefähr ging es mir mit Woody Allens Der Stadtneurotiker (Annie Hall). Ich liebe Screwball-Komödien, ich mag Woody Allens trockenen Humor, aber das alles hat mich in Manhattan (1979) schon gekriegt, von all den anderen daran angelehnten Filmen wie Harry & Sally oder 500 Days of Summer ganz zu schweigen. Hier findet sich also im Grunde exakt die gleiche Konstellation wieder wie in Manhattan: Woody Allen als verschrobener, neurotischer Komiker, Diane Keaton als intellektuelle, leicht hysterische Dame seines Herzens, das wunderbare New York der 70er Jahre und die ewig gleichen Beziehungsfragen. Während ich das alles in Manhattan geradezu magisch fand, wirkte es in Der Stadtneurotiker repetitiv. Hätte ich die Reihenfolge eingehalten und zuerst diesen Film gesehen, wäre es mir wohl genau andersrum ergangen.

Herzerwärmend…

Alles eine Frage der Zeit (2013): Bestimmt nicht der beste Film von Richard Curtis (Tatsächlich Liebe), aber als Ode an die Schönheit des täglichen Lebens doch sehr herzerwärmend. Hinzu kommt der Zeitreise-Aspekt, der es bisher noch immer geschafft hat, einen Film interessant zu machen. Tim (Domhnall Gleeson) erfährt an seinem 21. Geburtstag von einem unglaublichen Familiengeheimnis: Alle Männer in seiner Familie können durch die Zeit reisen. In ihre eigene Vergangenheit, um genauer zu sein, wo sie Missgeschicke ausradieren oder sich einfach mehr Zeit verschaffen können, um einen Tag voll auszukosten. Tim nutzt diese Fähigkeit, um mit der Frau fürs Leben (Rachel McAdams) eine Familie zu gründen und macht die Erfahrung, dass es für ein erfülltes Leben keiner Zeitreisen bedarf.

Unter der Gürtellinie…

Bad Moms (2016): Mila Kunis ist eine gestresste Vorstadt-Mom, die es allen Recht machen will; den verwöhnten Kindern, dem faulen Ehemann, dem undankbaren Chef und den völlig überzogenen Ansprüchen anderer Mütter. Als sie ihren Mann mit einer Online-Mieze in flagranti erwischt, platzt ihr der Kragen. Kurzerhand setzt sie den Ehemann vor die Tür und beschließt zusammen mit zwei anderen genervten Muttis (Kristen Bell und Kathryn Hahn), keine perfekte Mutter mehr sein wollen: Das heisst, endlich mal wieder locker lassen, mehr genießen und natürlich hemmungslos feiern, was Übermüttern wie der fiesen Elternvertreterin Christina Applegate natürlich übel aufstößt. Selbstverständlich ist dieser Film (aus der Feder der Hangover-Macher) realitätsfern und völlig überzogen oder seit wann werden Elternsprecher nach ihren Party-Qualitäten gewählt. Aber an der einen oder anderen Stelle wird sich jede berufstätige Mutter in diesem Klamauk wiederfinden können. Und das ist es vielleicht, was diese Komödie, trotz schlechter Gags unter der Gürtellinie, doch zu einem sympathischen Film macht. So sympathisch, dass demnächst die weihnachtliche Fortsetzung ins Kino kommt.

Vacation – Wir sind die Griswolds (2015): In dieselbe Kategorie fällt auch diese Fortsetzung der alten Chevy Chase Griswold Filme. Diesmal ist es Sohn Rusty (Ed Helms), der mit Frau (Christina Applegate) und Kids durchs Land fährt, um Urlaub im berüchtigten ,,Walley Word“ zu machen. Selbstverständlich wird das ganze begleitet von einer Menge peinlicher Zwischenfälle und platter, zum Teil ekliger Gags. Und doch, auch hier, so hirnlos das ganze auch sein mag, kann man sich das Lachen einfach nicht verkneifen. Allein das absurde Gefährt, in dem die Familie unterwegs ist, entschädigt für so manche Unoriginalität und auch die überraschenden Gastauftritte (u. a. Chris Hemsworth und Chevy Chase himself) tragen dazu bei, dass der Film letztlich doch ganz gut unterhält. Ich hatte danach jedenfalls tagelang einen Seal-Ohrwurm.

Enttäuschend…

The Circle (2017): Wenn Emma Watson und Tom Hanks die Hauptrollen in einem dystopischen Science-Fiction-Thriller spielen, in dem die Firmenphilosophie der Big Player aus dem Silicon Valley auf die Spitze getrieben wird, dann klingt das erstmal verdammt vielversprechend. Leider bleibt es dabei. Obwohl der Film das Szenario des Gläsernen Menschen ästhetisch ansprechend inszeniert (die aufploppenden Userkommetare im Bild zeigen in ihrer Banalität noch am deutlichsten, dass sich der Mensch online für alles interessiert, bloß nicht dafür die Welt zu verbessern), aktuelle Fragen aufgreift  (Wie viel Überwachung verträgt eine Gesellschaft? Wann dient die Überwachung noch dem Gemeinwohl und wann greift sie in die Privatsphäre des Einzelnen ein?), verliert der Film ziemlich schnell an Spannung und verheddert sich in seinen eigenen Ideen.

Die Hauptprotagonistin Mae (Emma Watson), die einen Job beim ,,besten Unternehmen der Welt“ bekommt und durch deren Augen der Zuschauer den Circle – eine stark Social Media orientierte, an Apple angelehnte Firmenkultur – kennenlernt, entwickelt sich viel zu sprunghaft und für den Zuschauer kaum nachvollziehbar. In einem Moment scheint sie irritiert von der Geltungssucht ihrer Kollegen und schmiedet mit einem Außenseiter Verschwörungstheorien im unterirdischen Datenzentrum, im nächsten Moment wird sie plötzlich zum Liebling von Firmen-Guru Tom Hanks und spricht sich naiv für die totale Überwachung des Einzelnen aus, weil das der einzige Weg sei, die Lügen, das ,,Böse“ aus der Welt zu schaffen. Und das alles als Neuling, der sich noch nicht einmal richtig eingearbeitet hat. Ich kenne den Roman von Dave Eggers nicht, aber die Handlung des Films taugt nicht zum spannenden Thriller. Es gibt keinen Spannungsbogen, nicht einmal richtige Konflikte, weil Mae sich selbst immer im Recht sieht und zu keiner Erkenntnis gelangt. Das einzige was der Film tut, ist von einer Idee zur nächsten zu springen und so lange eine Schippe draufzulegen, bis das ganze vollends unglaubwürdig wirkt. Da hilft dann leider auch das clevere Ende nichts. Welche Stellung The Circle nun tatsächlich zum Thema Datenüberwachung bezieht, könnte ich jedenfalls nicht mehr sagen.

Tragisch…

Dass das Leben selbst immer noch die tragischsten Geschichten schreibt, davon kann man sich in der Netflix-Doku Whitney – Can I Be Me? (2017) überzeugen. Diese beleuchtet sehr bewegend den Niedergang der großen Whitney Houston, die trotz oder gerade wegen ihres Welterfolgs hoffnungslos den Drogen verfiel und ihrer Tochter zum fatalen Vorbild wurde. Die Art und Weise, wie dieses isolierte Star-Dasein hier inszeniert wird, als eine Art Blase, in die die Realität nicht mehr durchzudringen vermag, ist erschreckend. Besonders da sich parallel dazu in einer anderen aktuellen Musiker-Doku Gaga: Five Foot Two (2017) ein ähnliches Schicksal abzuzeichnen droht. Nur dass es sich hierbei nicht um einen gealterten Star, sondern um eine gerade mal 30-jährige Frau und um eine Gegenwart handelt, die dank Instagram und Co. noch sehr viel verrückter ist als die, in der Whitney Houston berühmt wurde. Lady Gaga jedenfalls ist ein Wrack und schon jetzt Opfer ihres eigenen Erfolgs. Zwar will sie in dieser Netflix-Doku einmal ihr nahbares, wahres Ich zeigen, führt damit aber nur vor, dass so etwas gar nicht existiert. Selbst das Rohe und Persönliche wird bis ins kleinste Detail inszeniert. Die Frau ist durch und durch Produkt und dabei so unglücklich, dass man ihr nur wünschen kann, dem Ruhm bald den Rücken zu kehren.

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