Mad Men: Staffel 1-7

Mad-Men-Title-Card
(c) Art of the Title

Nach 7 Staffeln Mad Men bin ich um eine Lieblingsserie reicher, um einiges weiser und doch so trübsinnig wie nur Don Draper es sein kann. Das wars nun. Keine Abende mehr mit Antiheld Don, Powerfrau Peggy oder Spaßvogel Roger. Es sei denn, ich fange noch einmal von vorne an, was ich ernsthaft in Erwägung ziehe. Denn das traurigste an diesem Serienende ist, dass eine so herausragende Serie so bald wohl nicht wieder um die Ecke kommt.

Eine Serie, bei der man sich darauf verlassen kann, dass jede Folge ein Genuss ist. Bei der es nicht darum geht, die Handlung künstlich voranzutreiben oder in die Länge zu ziehen, sondern einzig um die Entwicklung der Charaktere, die sich zunächst langsam und dann umso schneller vollzieht und fast wie von selbst packende Wendungen hervorbringt – gespickt mit genialen Dialogen und absurd komischen Momenten. Und vor allem auch eine Serie, die sich ästhetisch meisterlich einem ganzen Jahrzehnt widmet – den glamourösen 60er Jahren, die so viele einschneidende Veränderungen hervorgebracht haben. Zu sagen, dass die Serie von einer Werbeagentur in den 60er Jahren handelt, wäre deshalb zu kurz gegriffen. Vielmehr ist Mad Men

  • …eine Geschichte des Mannes in der Identitätskrise.
  • …eine Geschichte von der Emanzipation der Frau.
  • …ein Sittengemälde der 60er Jahre.
  • …eine Serie, die nach nichts weniger fragt als dem Sinn des Lebens.

Ein Jahrzehnt, viele Lebenswege

New York, 1960. Madison Avenue, wo die selbsternannten ,,Mad Men“ Werbung kreieren. Don Draper (Jon Hamm) ist einer der besten unter ihnen. Der Creative Director der Agentur Sterling Cooper gilt als genialer Werbetexter, der auch mit schwierigen Kunden wie Lucky Strike problemlos fertig wird. Er ist gutaussehend, charmant, ein Frauenheld, hat, wie es sich gehört, aber auch ein Vorstadt-Häuschen samt reizender Gattin (January Jones) und zwei Kindern vorzuzeigen. Außerdem ist er notorischer Lügner und Trinker, vorbelastet mit einer traumatischen Kindheit und einem düsteren Geheimnis.

Kalifornien, 1970. Ein New-Age-Hippie-Camp, wo Menschen durch Yoga und Gruppentherapien wieder zu sich selbst finden sollen. Unter ihnen Don Draper, zwei Ehen, etliche Agenturverkäufe und Millionen-Deals später. Immer noch gutaussehend und ein Frauenheld, immer noch depressiv und vorbelastet. Aber doch um einige Zwänge befreiter.

Dazwischen liegt ein ganzes Jahrzehnt: Die glamourösen 60er Jahre in der Werbebranche und darüber hinaus. Die Anti-Baby-Pille, Aufstieg und Tod von John F. Kennedy und Martin Luther King, der Vietnamkrieg, Fernsehen, Computer, die Mondlandung, LSD-Trips, Hippie-Kommunen, Charles Manson – die großen und kleinen historischen Eckpfeiler markieren die Zeitsprünge, während die Protagonisten zunehmend selbstbestimmter ihren Lebensweg gehen. Zu diesen gehören neben Don Draper samt Ehefrau Betty und drei Kindern auch seine Mitstreiter bei Sterling Cooper. Allen voran Peggy Olson (Elisabeth Moss), die in der Pilotfolge als Drapers unscheinbare Sekräterin anfängt und im Laufe der Jahre nicht nur zur ersten Cheftexterin der Agentur, sondern auch zu Don Drapers womöglich einzigem echten Freund avanciert. Oder Pete Campbell (Vincent Kartheiser), ein überehrgeiziger, junger Kundenberater, der trotz oder gerade wegen seines reichen Elternhauses verzweifelt um Anerkennung buhlt. Nicht zu vergessen Roger Sterling aus der Chefetage, Kindskopf und Lebemann, der sich vor dem Älterwerden fürchtet und eine Affäre mit Joan Holloway hat, der drallen Chefsekretärin, die im Laufe der Serie zur Agenturteilhaberin aufsteigt.

Die ersten drei Staffeln Mad Men spielen zu Beginn der 60er Jahre und zeigen in faszinierend kühler Ästhetik wie das mustergültige, amerikanische Gesellschaftsbild der 50er Jahre Risse bekommt: Frauen, die einzig und allein dazu erzogen wurden, einen Ehemann zu finden, langweilen sich frustriert in den Vorstädten, während ihre egomanischen Ehemänner sich die Nächte in der Großstadt um die Ohren schlagen. Im verführerischen New York, das die traditionellen Rollenmuster einfach außer Kraft zu setzen scheint. Und doch wird die heile Vorstadtfassade so lange wie möglich aufrecht erhalten, den Kindern zuliebe, die vor dem Fernseher aufwachsen und alles werden wollen, nur nicht so wie die eigenen Eltern.

In welche Sphäre sie wirklich gehören, bekommen auch die Frauen in der Arbeitswelt deutlich zu spüren. So muss Peggy Olson sich einiges, nicht zuletzt eine ungewollte Schwangerschaft, gefallen lassen, bevor sie sich in der Männerdomäne behaupten kann. Die Dominanz der Männer ist in Mad Men ohnehin nur mehr Fassade. Das zeigt nicht nur Don Drapers Identitätsproblematik sehr plastisch, sondern auch der verzweifelte Versuch des jungen Pete Campbell, einen Ehemann bzw. einen erwachsenen, verantwortungsbewussten Mann abzugeben.

peggy_olson_mad_man_gif.gif
via GIPHY

Eine Gesellschaft im Aufbruch

Am Ende der 3. Staffel kommt es schließlich zu einem Umbruch, der Mad Men eine neue Richtung gibt und bezeichnenderweise zeitlich mit der Ermordung von John F. Kennedy zusammenfällt. Nachdem Betty die Wahrheit über Don herausfindet, lässt sie sich von ihm scheiden und heiratet einen aufstrebenden Politiker, während Don zusammen mit Pete, Roger, Joan und Co. Sterling Cooper verlässt, um eine eigene, kleinere Werbeagentur zu gründen. Um den Überlebenskampf dieser Agentur und darum wie Don mit der Haltlosigkeit seiner neugewonnen Freiheit umgeht, geht es in den folgenden Staffeln.

Die 4. und 5. Staffel sind dann tatsächlich auch meine liebsten. Denn hier bekommt das Beziehungsgefüge zwischen den Charakteren in der Agentur eine neue, zunehmend vertraute und komische Dynamik. Das stille Leiden in der Vorstadt ist vorbei. Die Figuren trauen sich was, gehen aus sich heraus. Es wird deutlich, dass es in dieser Serie vor allem um Veränderungen geht, und diese fallen ironischerweise mit dem Aufstieg der Werbebranche zusammen.

Obwohl nun mit sich selbst mehr im Reinen, wählt Don Draper jedoch auch jetzt wieder den Weg des geringsten Widerstandes: Er heiratet seine junge Sekretärin Megan, die er in der 5. Staffel zur Texterin macht, bevor sie beschließt, Schauspielerin zu werden. Megan ist die fleischgewordene Befreiung und eine überraschend sympathische Figur, die frischen Wind in die Serie bringt. Auch wenn das coole Werbepaar leider nur ein kurzes Hoch zusammen erlebt. Denn was Don auch passiert, sein Frauenverschleiss nimmt niemals ab.

Und das ist auch schon mein einziger Kritikpunkt an dieser ansonsten so perfekten Serie: Die unzähligen Affären, die letztlich immer bedeutungslos sind, dafür aber doch sehr viel Screentime bekommen. Wenn sie verdeutlichen sollen, dass Don damit die Tatsache kompensiert, dass seine Mutter eine Prostituierte war, so wurde das doch recht früh deutlich. Es hätte dafür nicht die vielen Lehrerinnen, Sekretärinnen, Kellnerinnen, Nachbarinnen und sonstiger Frauen bedurft. Wahrscheinlich sind diese Frauen aber auch nur eines der Mittel, um die Ambivalenz der Figur Don Draper herauszustellen. Denn ja, man fühlt mit ihm, man sieht, er sehnt sich nach Liebe, er leidet, er muss ein Guter sein, und dann geht er hin und macht seiner Sekretärin einen Heiratsantrag, obwohl er gerade mit einer anderen Frau liiert ist. Oder er betrügt seine frischgebackene Ehefrau mit der Nachbarin, dessen Mann zufällig sein Freund ist. Oder er bedrängt wieder eine andere Sekräterin, die deshalb den Job kündigen muss, vergisst seine Kinder regelmäßig und lässt seine Launen an seinen Untergebenen aus. Dieser Mann ist ein Fass ohne Boden. In einem Moment widerlich, im nächsten bemitleidenswert und dann schon wieder ganz der Charmebolzen. Doch genau von dieser Ambivalenz leben gute Charaktere und im Grunde die ganze Serie, die vom Anfang bis zum Ende ein Meisterwerk ist.

Ihr merkt, man könnte ganze Bücher füllen mit Mad Men Lobeshymnen. Ich jedenfalls freue mich jetzt schon wieder auf ein Wiedersehen mit diesen Charakteren und tröste mich bis dahin mit der wohl coolsten Szene über den Abschiedsschmerz hinweg.

peggy_olson_gif.gif
via GIPHY

 

 

Advertisements

8 Kommentare zu „Mad Men: Staffel 1-7“

    1. Danke! Freut mich zu hören, zumal noch von einem Fan der Serie. 🙂
      Stimmt, schlechte Staffeln gibt es nicht. Wenn man aber noch nicht weiß, in welchem Zeitraum die gesamte Serie spielt bzw. was auf einen zukommt, könnten einem die 2. und 3. Staffel vielleicht etwas schleppend vorkommen. Im Nachhinein aber auch genial, weil so der Kontrast von Stillstand und Umbruch bzw. Anfang und Ende der 60er Jahre noch besser rüberkommt.

      Gefällt 1 Person

  1. Oh man, noch eine Serie mehr auf meiner „Unbedingt schauen“ – Liste…die wird auch immer länger 😉! Aber danke für die super Rezension, das hört sich wirklich nach einem Kandidaten für die nächste Lieblingsserie an 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s