Nicolas Vanier: Das Schneekind

Nicolas Vanier_Das Schneekind
(c) Piper Verlag

Und schon ist sie da, die Adventszeit. Ich sitze mit diesem Buch im Warmen und stelle mir vor, wir wären in einer eingeschneiten Blockhütte an einem Bergsee in Kanada. Tagsüber gehen wir Fischen und machen Ausflüge mit dem Hundeschlitten, abends sitzen wir vor dem Ofen, nähen Kleidung, die Temperaturen um die -40 Grad standhält, und lesen uns in den Schlaf. In Wirklichkeit bin ich ganz schön verweichlicht in Sachen Outdoor-Abenteur und noch nicht einmal ein großer Camping-Fan, aber Nicolas Vanier erzählt mit so viel Begeisterung von seinen Erlebnissen im hohen Norden Kanadas, dass man gar nicht anders kann, als sich nach der Unmittelbarkeit der Natur zu sehnen.

Der französische Abenteurer, seit jeher fasziniert von den Eis- und Schneewelten des Nordens, wagte 1995 nämlich etwas, was für die meisten Eltern, mich eingeschlossen, vollkommen unvorstellbar wäre. Zusammen mit seiner Frau und der 18 Monate alten Tochter Montaine bricht er auf zu einem einjährigen Trip von Kanada bis hoch nach Alaska. Zunächst zu Pferd, reitet die kleine Familie wochenlang unter widrigen Bedingungen entlang der Rocky Mountains, bevor sie sich schließlich an einem einsamen Bergsee niederlässt, um bis zum Wintereinbruch eine Blockhütte zu bauen, in der sie 5 Monate lang überwintern wird. 5 Monate, in denen sie sich vom Jagen, Fischen und Sammeln ernährt, Tiere beobachtet und sich gegen Grizzly-Bären zur Wehr setzt. Schließlich der Höhepunkt der Reise: Auf einem Hundeschlitten bricht Vanier mit Frau und Kind zu einem dreimonatigen Trip auf dem gefrorenen Fluss auf – drei Monate lang schutzlos der Kälte, den Blizzards und dem Packeis ausgeliefert, und das mit einem zweijährigen Kind an Bord.

Wie viel Natur ist gesund für ein Kind?

Das Schneekind. Eine Familie unterwegs durch die Schneewüsten von Kanada und Alaska (1995) ist das Buch, in dem Vanier diese Erfahrung dokumentiert. Und es muss keine große Literatur sein, um durch und durch zu fesseln. Die Spannung stellt sich von ganz allein ein, wenn man der Familie auf ihrem Abenteuer folgt, bei dem natürlich einiges schief geht. Die Natur nimmt keine Rücksicht auf ihre Pläne und zeigt sich erbarmungslos. Schickt wochenlang Regen, wenn eigentlich die Sonne scheinen sollte und überrascht mit milden Temperaturen, wenn der Thermometer eigentlich -30 Grad anzeigen sollte. Die Pferde nehmen regelmäßig Reißaus, wilde Tiere vergreifen sich an den knappen Vorräten und selbstverständlich reagiert die zweijährige Tochter nicht immer wie erhofft. Auf der Hundeschlittenfahrt nimmt das Drama dann seinen Lauf: Statt friedlich durch einsame Schneewüsten zu gleiten, muss sich die Familie hauptsächlich zu Fuß durchkämpfen, weil Schneewehen und Wasserlöcher die Strecke unpassierbar machen.

Unglaublich – das ist das Wort, was mir beim Lesen immer wieder in den Sinn kommt. Wie Vanier selbst in den ausweglosesten Situationen immer einen Weg findet, wie geduldig seine Frau das alles erträgt und wie begeistert Tochter Montaine trotz aller Widrigkeiten von der Natur ist. Allein die Tatsache, dass sie es schaffen, zu zweit mit einem Kleinkind innerhalb von wenigen Wochen eine Blockhütte zu errichten, beeindruckt mich zutiefst. Und dennoch: Ich ärgere mich streckenweise über die maßlose Egomanie dieses Mannes. Denn nichts anderes hat diese Familie auf diese Reise geführt. Vanier spielt gerne den großen Trapper, glaubt jeder Situation gewachsen zu sein und holt sich den Kick aus der Begegnung mit Grizzlys. Dass er seine Familie damit in Gefahr bringen könnte, kommt ihm nur entfernt in den Sinn. Denn natürlich ist die Zivilisation, und vor allem das böse, böse Fernsehen eine viel größere Gefahr für sein Kind als die unberührte Natur.

Man kann noch so ein großer Kulturpessimist sein – und Vanier nutzt jede Gelegenheit, um mit moralischem Zeigefinger die Entfremdung des Menschen von der Natur zu bedauern – aber dass eine monatelange Schlittenfahrt bei -40 Grad für ein Kind ein ,,gefährliches Abenteuer in einer lebensfeindlichen Umgebung“ ist, ist nicht nur ein vorschnelles Urteil, wie er gerne betont,  sondern eine feststehende Tatsache. Gerade weil die Natur nun einmal unberechenbar ist. Nichts anderes zeigt sein Bericht. Andererseits, was ist heute noch berechenbar? Ich glaube dennoch, dass es einen Mittelweg geben muss, zwischen andauernd vor der Glotze hängen und sich wochenlang durchs Packeis kämpfen.

Nichtsdestotrotz, Das Schneekind ist ein sehr atmosphärisches Buch zum Mitfiebern und zeigt beeindruckend, dass ein Kind nun wirklich kein Grund ist, um bequem zu werden.

 

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