Filme: Was im Winter geschah

…oder auch: die Liste mit der (fast) schlechtesten Filmauswahl ever. Zumindest bis zum Ende dieses Winters, wo es dank ein bisschen Output von außen (vielen Dank, Frau Roeper) dann doch ein paar filmische Perlen gab (Three Billboards Outside Ebbing, Mississippi und Raum). Besonders letzterer hat mich ziemlich mitgenommen und tagelang nicht mehr losgelassen. Bis dahin war die Auswahl aber eher lustlos und auf Wohlfühl-Filme ausgelegt, ganz nach dem Motto ,,Wenn wir nicht mehr können, schau’n wir uns ’ne Romcom an.“

Ein Motto, mit dem ich leider kein gutes Händchen bewiesen habe. Mit wenigen Ausnahmen waren die meisten Filme, von denen ich mir ein bisschen Unterhaltung erhofft hatte, leider Mist. Warum diese Bequemlichkeit und nur ein minimales Interesse für die Filmkunst oder die diesjährigen Oscar-Favoriten? Ich habe eine ziemlich gute Ausrede: Der Klops bekommt Verstärkung. Dementsprechend habe ich mich hormongesteuert und schläfrig durch den Winter geschleppt. Man möge Nachsicht mit mir haben. Aber seht selbst.

Dezember

Dieser Monat stand ganz im Zeichen des großen Festes und so waren zur Einstimmung wieder mal ein paar Filme von dieser Liste dabei. Allen voran Family Man (2000), den ich mir immer ansehen will, wenn ich über die Familienplanung sinniere. Außerdem am frühen Heiligen Abend der Schwarzenegger-Schinken Versprochen ist Versprochen (1996), der mit erwachsenen Augen betrachtet selten dämlich ist.

Weiter geht’s mit der Randomness der Feiertage: Paddington (2014), krank mit dem Klops auf der Couch. Ein sehr niedlicher Film und eine kleine Vorausschau darauf, welche Filme mir zukünftig häufiger blühen.

Mamma Mia! (2008), den ich wegen Meryl Streep, Colin Firth und Pierce Brosnan einmal großartig fand, den ich diesmal aber trotzdem nicht ertragen konnte, weil man wohl in einer ganz speziellen Stimmung sein muss für das Abba-Gedudel.

Auf der anderen Seite: Wieder Tränen gelacht bei Bridesmaids (2011). Und nostalgisch geseufzt bei Meerjungfrauen küssen besser (1990), traditionell am letzten Tag des Jahres, weil dieser Film sich mir von klein auf als Silvesterfilm eingebrannt hat. Ich liebe ihn nach wie vor, ohne genau sagen zu können, warum. Vielleicht wegen des 60er Jahre Flairs, weil Winona Ryder in den 90ern mein großes Idol war, weil Christina Ricci so süß aussieht in ihrer Badekappe oder weil Cher als Mrs. Flax mir immer wie die ultimativ emanzipierte Frau erschien – heute nicht mehr nachvollziehbar.

Eine alleinerziehende Mutter der etwas anderen Art ist Annette Bening in Jahrhundertfrauen (2016), definitiv mein filmisches Highlight im Dezember. Dabei ist Jahrhundertfrauen (original: 20th Century Women) ein sehr hochtrabender Titel für einen so leichtfüßigen Film, in dem eine Mutter in den 70er Jahren versucht aus ihrem pubertierenden Sohn den idealen Mann zu machen – und das mit der Hilfe zweier weiterer Frauen (Greta Gerwig und Elle Fanning), von denen jede bestimmte soziale oder kulturelle Strömungen ihrer Zeit verkörpert.

Das Interessante an diesem Film ist, dass es sich bei der Geschichte um einen Rückblick handelt, der zwar durch und durch sentimental ist (Mutter-Sohn-Beziehung), der aber seine Frauenfiguren ganz objektiv als soziale Gebilde betrachtet, als Produkte ihrer Zeit. Obwohl die erzählte Zeit kurz ist, wird die Entwicklung dieser Frauen in Gänze dargestellt: von ihrem Geburtsdatum bis zur Gegenwart. Und: Greta Gerwig ist einfach toll.

Januar

Die Filme in diesem Monat waren kaum der Rede wert. Mal wieder blieb ich bei Dirty Dancing (1987) hängen (Mein Baby gehört zu mir ist so ziemlich die unglücklichste Übersetzung von Nobody puts Baby in a Corner) und griff mit zwei deutschen Filmen mal so richtig daneben.

Frau Ella (2013): Ich hatte gehofft, es würde sich bei dieser Romanverfilmung vielleicht einmal nicht um eine blutleere Schweighöfer-Produktion handeln. Aber nein, leider war der Film genau das. Hübsch wie ein Werbespot, dabei aber komplett unauthentisch und uninteressant, von Schweighöfers überzogenem Schauspiel ganz abgesehen. Es ist wirklich fragwürdig, warum sich August Diehl für so etwas hergibt. Noch schlimmer war nur noch…

Macho Man (2015): Graaaauenhafter Slapstick mit Christian Ulmen als trotteliger Nerd, der versucht die Familie seiner türkischen Freundin zu beeindrucken. Garantiert der schlechteste Film, in dem Ulmen je mitgespielt hat. Was Netflix einem da manchmal unterjubelt, ist wirklich unterirdisch.

Zum Glück hat ein anderer Film die Ehre des deutschen Films wieder gerettet: Fatih Akins Tschik (2016) ist eine perfekte Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Jugendroman und ein wirklich schöner, lebensbejahender Film.

Februar

Neben La La Land gab es ein Wiedersehen mit Ein Schweinchen namens Babe (1995), ebenfalls als Ablenkung für den kranken Klops (krank war mal wieder das Motto des Winters), der gar nicht genug darüber staunen konnte, dass Ferkel und Schafe sprechen können. Und auch ich fand diesen Film noch genauso zauberhaft wie beim ersten Mal.

Weniger zauberhaft, dafür unfreiwillig komisch und ein Klamauk, für den selbst der Begriff Guilty Pleasure zu hoch gegriffen ist, waren diese beiden Filme:

Bad Neighbors 2 (2016): Eigentlich hätte ich diesen Film schon nach dem ersten Ekel-Gag ausmachen sollen, denn der hat die Niveau-Messlatte selbst für Seth Rogen Verhältnisse ganz schön niedrig gehängt. Aber manche Abende verlangen geradezu ein niedriges Niveau. Was ich an dieser Filmreihe außerdem mag ist, wie das Elternsein aufs Korn genommen wird. Das hat schon einen gewissen Relief-Effekt.

The Cloverfield Paradox (2018): Um die Qualität dieser Netflix-Produktion einzuschätzen, muss man sich nur einmal die Szene mit dem Arm ansehen, der sich im Weltraum mal eben selbstständig macht. Spätestens an diesem Punkt, ist jeglicher Sci-Fiction-Thrill wie weggeblasen und man kann eigentlich nur noch lachen. Es hat schon seinen Grund, warum die von J.J. Abrams produzierte Cloverfield-Fortsetzung nicht ins Kino kam, sondern zu Netflix abwanderte.

Mehr Glück hatte ich mit diesen beiden (Oscar-)Filmen:

Three Billboards outside Ebbing, Mississippi (2017): So kurz vor den Oscars musste es dann doch noch ein Kinofilm sein, über den alle reden. Mit Three Billboards… ist es tatsächlich der Film der besten Hauptdarstellerin (Frances McDormand) und des besten Nebendarstellers (Sam Rockwell) geworden. Letzterem sei es voll und ganz gegönnt. Sam Rockwell spielt den dummen, rassistischen Dorfpolizisten mit einer solchen Überzeugung, dass man ihn gleichzeitig hassen und bemitleiden muss. Was den Oscar für Frances McDormand angeht, bin ich unschlüssig. Denn McDormand ist in diesem Film vor allem eines: mürrisch. Nachdem ihre Tochter vergewaltigt und grausam ermordet wurde, wirkt sie wie erstarrt. Erstarrt auch in ihrer Wut über die dumme Dorfpolizei, die rein gar nichts zu unternehmen scheint. Nun könnte man diese Erstarrung als Ohnmacht interpretieren und somit als schauspielerische Hochleistung werten. Mir war es schlicht zu eindimensional. So wie der ganze Film sich meiner Meinung nach zu oberflächlich in Gewalt und vulgären Flüchen suhlt.

Es ist ein guter Film, aber er hat mich nicht umgehauen. Dafür bleibt er zu sehr auf der Ebene der kleinlichen Rivalitäten und kokettiert mit derben, effekthaschenden Sprüchen, statt in die Tiefe zu gehen. Der einzige Versuch, der Gewalt etwas entgegenzusetzen, erfolgt von Seiten des gutmütigen Sheriffs (Woody Harrelson), dessen Rolle mir aber leider etwas zu sentimental geraten ist. Fatih Akins Aus dem Nichts (2017) dagegen, in dem es ebenfalls um Trauer, Rache und Selbstjustiz geht, hat mich als Film zwar nicht vollständig überzeugt, dafür fand ich Diane Krugers Leistung hier weit komplexer als die von Frances McDormand, die ja eigentlich immer den mürrischen Typ spielt. Kruger war leider nicht einmal nominiert.

Raum (2015): Das mir bei dem letzten Film etwas gefehlt hat, wurde mir spätestens bewusst, als ich ein paar Stunden später Raum sah. Dieser Film von Lenny Abrahamson mit der oscarprämierten Brie Larson in der Hauptrolle, ist ebenfalls kein großer Pathos, hat mich emotional aber mit einer solchen Wucht getroffen, dass ich noch tagelang daran zu knabbern hatte. Und das mit einem ganz einfachen Mittel: der Perspektive.

Der erste Teil des Films spielt in einem kleinen Raum, in dem ein 5-jähriger Junge (Jacob Tremblay) mit seiner jungen Mutter (Brie Larson) lebt. Aus der Perspektive des Jungen erfahren wir den Raum als dessen alltägliche Welt, die er in sein Herz geschlossen hat, weil sie nun mal das einzige ist, was er kennt. Warum er mit seiner Mutter darin eingeschlossen ist, erfahren wir zunächst nicht. Es könnte ein apokalyptisches Szenario sein genauso wie ein Gewaltverbrechen. Erst nach und nach offenbart sich dem Jungen zeitgleich mit dem Zuschauer die wahre Geschichte. Was er für seine ganze Welt gehalten hatte, ist in Wirklichkeit ein Schuppen im Garten des Entführers, der seine Mutter vor sieben Jahren hier einsperrte.

Dieses Szenario ist an sich schon verstörend genug, doch es ist die Perspektive des Jungen, die hier wirklich berührt und sämtliche Emotionen freisetzt. Von Angst und Entsetzen bis zu Hoffnung und Glück. Die naive Weltsicht eines Kindes, das nichts weiter zum Glücklichsein braucht als die Liebe seiner Mutter und ein bisschen Phantasie. Und so kommt der ersehnte Ausbruch aus dem Raum auch einer Vertreibung aus dem Paradies gleich. Sowohl für die Mutter, die nun, da sie das Kind in Sicherheit weiß, zusammenbricht. Als auch für den Jungen, der sich in einer fremden Welt zurechtfinden muss, in der die Zuschreibungen und Erwartungen anderer dominieren und die mütterliche Nähe durch Spielzeug ersetzt wird. Der Film ist somit nicht nur die ergreifende Inszenierung eines unvorstellbaren Verbrechens, er zwingt uns auch, unsere Welt einmal durch Kinderaugen zu sehen.

 

 

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