Eine Reise nach Sibirien

Ich bin in Sibirien geboren und kenne dieses Land doch kaum. Ich war nie am Baikalsee oder habe ein Gebirge aus der Nähe gesehen. Alles was ich über die Menschen dort weiß, leite ich aus meinen Kindheitserinnerungen ab, die sich auf ein klitzekleines Dorf in der Steppe beschränken. Drum ziehen mich Reiseerfahrungen aus dieser Gegend magisch an. Am Osterwochenende sind mir glücklicherweise gleich zwei Bücher in die Hände gefallen, dank denen ich ganz abtauchen konnte in Russisch-Fernost. Sylvain Tessons In den Wäldern Sibiriens (2011) und Katerina Poladjans und Hennig Fritschs Hinter Sibirien (2016). Das eine ein Tagebuch der Einsamkeit, das andere der persönliche Reisebericht einer Heimatsuchenden.

Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens

Die Franzosen scheinen besonders zivilisationsmüde zu sein. Nach Nicolas Vaniers Das Schneekind habe ich mit Sylvain Tessons In den Wäldern Sibiriens (2011) nun schon das zweite Buch innerhalb kurzer Zeit gelesen, in dem ein Franzose vom Aussteigerleben schwärmt. Während Vanier mit Frau und Kind an einem Bergsee in Kanada eine Hütte baute, zieht es Tesson für sechs Monate in eine verlassene Hütte am Baikalsee. Das Buch ist sein Tagebuch aus dieser Zeit, ein Tagebuch aus der Einsamkeit will es sein.

Tatsächlich ist es eine paradiesische Vorstellung, die Tesson hier beschreibt:

Ich nahm Bücher mit, Zigarren und Wodka. Alles Übrige – die Weite, Stille, und die Einsamkeit – war schon da. In dieser Wildnis schuf ich mir ein schlichtes und schönes Leben, ich machte die Erfahrung eines aus einfachen Handlungen bestehenden Daseins. Im Angesicht von See und Wald betrachtete ich das Vorüberziehen der Tage. […]

Fünfzehn Sorten Ketshup. Wegen solcher Dinge wollte ich dieser Welt den Rücken kehren. (Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens)

Und er beschreibt sie so gut, dass man nicht aufhören kann zu lesen, wenn man erst einmal mit ihm zusammen aufgebrochen ist. Was hat er dabei? (Hauptsächlich Nudeln und Tabasco.) Welche Bücher hat er für den Aufenthalt ausgewählt? (60 sorgfältig zusammengestellte Werke der Weltliteratur mit dem einen oder anderem seichten Krimi darunter.) Wie wird er mit den einsamen Abenden fertig? (Wodka.) Und wie begegnet er den Bären? (Meist trotten sie einfach von dannen.)

In seinem Tagebuch nimmt sich Tesson viel Zeit für Kulturkritik, Literaturzitate und Naturbeschreibungen – und tatsächlich ist es interessant wie der zugefrorene Baikalsee sich aus der Winterstarre befreit oder welche Erkenntnisse ihm seine Bücher in dieser speziellen Situation bieten. Zu sich selbst ist er jedoch nur bedingt ehrlich. Denn so sehr er die Kultur, die er zurücklässt, verdammt, so blind ist er für die Kultur, die er am Baikalsee vorfindet. Sofern man sie denn als solche bezeichnen kann.

So einsam, wie er vorgibt zu sein, ist er hier nämlich nicht. Auch wenn seine nächsten Nachbarn in 40 Kilometern Entfernung leben, kommt doch ständig jemand auf dem Seeweg vorbei, um mit ihm eine Flasche Wodka zu leeren oder ihn auf einen Ausflug mitzunehmen. Und wenn eine Zeit lang mal doch gar nix geschieht, macht er sich eben selbst auf den Weg und besucht die Nachbarn, die ihn fürsorglich mit Obst und Hefe versorgen.

Nebst grenzenloser Gastfreundschaft begegnen Tesson bei den Russen in der Wildnis vor allem Alkoholismus, Rassismus und Homophobie. Er passt sich an. Er trinkt Unmengen an Wodka und romantisiert diese ,,Gewohnheit“ als grundlegenden Wesenszug eines wahren ,,Muschik“. Für ihn ist das ganze ein abenteuerlicher Ausflug in das Leben anderer Menschen. Dass auch diese trotz aller Naturromantik ihre ganz realen Probleme haben, interessiert ihn nicht. Die Russen bleiben bei ihm holzschnittartige Bewohner seines komplett selbstbezogenen Aussteigeruniversums. Die anvisierte Einsamkeit bleibt ihm so verwehrt. Vielmehr ist er Zaungast des russischen Lebens in der Wildnis, Gast von denen, die ihm einen kurzen Einblick in ihr Leben gewähren.

Und doch: Es liegt so viel Wahres in seinen Worten. Wer sehnt sich nicht manchmal danach, den ganzen Mist der Großstadt abzuschütteln und einfach zu verschwinden, zu prüfen, ob man ohne das alles überhaupt noch ein Innenleben hat?

Die Blockhütte ist der ideale Boden, um ein Leben auf dem Fundament des Luxus der Genügsamkeit aufzubauen. Die Genügsamkeit des Einsiedlers besteht darin, sich weder mit Dingen noch mit seinesgleichen zu belasten. Sich seiner alten Bedürfnisse zu entwöhnen.

Der Luxus des Einsiedlers ist die Schönheit. Wohin sein Blick auch fällt, entdeckt er höchste Herrlichkeit. Der Lauf der Stunden wird nie unterbrochen. Die Technik hält ihn nicht gefangen im Feuerkreis der Bedürfnisse, die sie erschafft. (In den Wäldern Sibiriens)

Wenn ich in nächster Zeit auch in keine Blockhütte in Sibirien komme, die paar Stunden mit diesem Buch waren eine aufregende Auszeit.

Katerina Poladjan & Henning Fritsch: Hinter Sibirien

Was ich an Tessons Buch kritisiere, ist genau das was mir an Katerina Poladjan und Hennings Fritschs Hinter Sibirien. Eine Reise nach Russisch Fernost. (2016) so gut gefallen hat. Es nimmt sich der russischen Menschen an. Interessiert sich für ihre Geschichten. Ist dabei persönlich – Katerina Poladjan ist in Moskau geboren und kam mit 7 Jahren nach Deutschland – aber nie so auf sich selbst bezogen, dass es alle Erlebnisse dem eigenen Weltbild entsprechend färbt.

An einem Novembertag 2014 beschließt das Berliner Ehepaar Poladjan und Fritsch, sie Russin, er Deutscher, beide aus der schreibenden Zunft, ihre Reise nach Sibirien. Und zwar nicht bloß in das Sibirien, das jeder kennt, sondern in das Sibirien des Fernen Ostens, entlang der chinesischen Grenze. Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn vom Pazifik bis zum Baikalsee. Durch die russischen Großstädte, von denen kaum jemand je gehört hat: Chabarowsk, Blagoweschtschensk, Tschita, Ulan-Ude.

Ein spannendes Vorhaben, von dem das Paar in Hinter Sibirien jeweils aus ihrer und aus seiner Perspektive berichtet. Sie aus der Perspektive einer Emigrantin, die nach ihren Wurzeln forscht. Er aus der Perspektive eines unbeteiligten Beobachters, für den nicht nur die Sprache exotisch erscheint. Herausgekommen ist ein großartiger Reisebericht, ein zärtliches Panorama jener Gegend, die so lange ein Ort der Verbannung und nicht zuletzt auch Sehnsuchtsort war.

Mit Katerina und Henning stapft der Leser durch den meterhohen Schnee Wladiwostoks, lässt sich in Küchen von alten Babuschkas mit Tee und Pelemeni bewirten, erlebt die russischen Frauen in Feierlaune am 8. März und lernt ganz nebenbei die Lebensgeschichten verschiedenster Menschen kennen – von jungen, aufstrebenden Geschäftsmännern bis hin zu strengen Theaterdirektorinnen. Anders als Sylvain Tesson verzichtet Katerina Poladjan darauf, ein Weltbild zu predigen. Sie lässt die Details für sich sprechen, und das auf eine persönliche Art, die ganz unaufdringlich mitten ins Herz trifft.

Auch der Blick aus dem Fenster auf den Wohnblock gleicht meiner Erinnerung. In jener Wohnung sah es genauso aus wie hier, wie nebenan, wie in der Wohnung darüber: das Bad mit den rosa und braunen Kacheln, der zwischen Wanne und Waschbecken verschiebbare Wasserhahn, der beigefarbene Linoleumboden, die winzige Küche. […]

Ich sitze fast vierzig Jahre später in so einer Sowjetküche und überdenke meinen Begriff von Wahrheit, meine Vorstellung vom richtigen Leben. Wie soll mein Leben sein? Zwischen welchen Möbeln, in welchem Stadtviertel welcher Großstadt sollte es stattfinden? Ist das, was ich immer gedacht habe, das, worüber ich mit meinen Freunden spreche, das, was ich in Zeitungen lese, richtig? (Katerina Poladjan: Hinter Sibirien)

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