Frances Ha oder das Greta-Gerwig-Phänomen

Frances Ha Filmplakat
(c) MFA+

Da ich es gerade einfach nicht schaffe, für Lady Bird ins Kino zu gehen, musste es gestern Abend Frances Ha (2012) sein. Der Film, der Greta Gerwig seinerzeit endgültig zum Star des Indie-Films machte. Zumindest hatte ich das irgendwo mal aufgeschnappt. Ich mochte Greta Gerwig an der Seite von Ethan Hawke in Maggie’s Plan und auch als punkige Fotografin in Jahrhundertfrauen, aber als ich gestern Abend Frances Ha gesehen habe, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte. Offenbar gilt sie als Queen der sogenannten Mumblecore-Bewegung, von deren Existenz ich noch nie etwas gehört habe, genauso wenig wie von Greenberg (2010), ihrem ersten Mainstream-Film an der Seite von Ben Stiller.

Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Frances Ha stammt jedenfalls vom selben Regisseur, Noah Baumbach, der gleichzeitig auch der Lebensgefährte von Gerwig ist und offensichtlich gerne mit Ben Stiller und Adam Driver zusammenarbeitet (Gefühlt Mitte Zwanzig, The Meyerowitz Stories). Letzteren sieht man übrigens auch in Frances Ha: In der Rolle eines frauenverschleißenden Hipster-Machos war er eine schöne Überraschung, denn ich hatte keine Ahnung, dass Driver schon vor Girls in der Filmwelt ein Thema war.

Und Girls kam mir nicht nur deswegen in den Sinn. Frances Ha, von Gerwig mitgeschrieben, greift die gleichen Themen auf wie Lena Dunhams HBO-Serie; die Orientierungslosigkeit der Zwanziger irgendwo zwischen Studium und Ankommen im Beruf, zwischen Traumerfüllung und Scheitern in New York und nicht zuletzt zwischen Freundschaften und Beziehungen, die in dieser nie enden wollenden Coming-of-Age-Phase überlebenswichtig scheinen, ebendiese doch meistens nicht überleben. Aber: Frances Ha ist nicht Girls. Greta Gerwig nicht Lena Dunham. Wo Girls durch Rohheit provoziert, schafft Frances Ha in seiner wunderschön fotografierten Schwarz-Weiß-Ästhetik einen optimistischen, leichtfüßigen Zauber. Wo Hannahs Dreistigkeit Fremdscham-Gefühle auslöst, ist Frances‘ grobschlächtige Authentizität schlicht zum Verlieben.

Worum es geht

Frances ist 27 und tänzelt sich planlos durch New York. Ihr Traum von einer Karriere als professionelle Tänzerin will mangels Talent zwar nicht so recht in Erfüllung gehen und das Geld für die Miete reicht auch nicht immer, aber zumindest hat sie Spaß und ihre beste Freundin Sophie, mit der sie seit Studienzeiten in einer WG zusammenlebt. Als Sophie ihr verkündet, sie würde ausziehen und deren Beziehung zu Freund Patch immer ernster wird, dämmert Frances, dass sie scheinbar den Anschluss verpasst hat.

Während ihre Freunde einer nach dem anderen irgendwo anzukommen scheinen und ihre einstigen Ideale verraten (bloß keine Kinder, ein Leben ohne Kompromisse, die Freundschaft als oberste Priorität), tingelt Frances immer noch von WG zu WG und hat keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen soll und wo sie hineinpasst. Zumindest ist es zunächst einmal nicht die schicke WG von Benji und Lev (Adam Driver), zwei Möchte-gern-Bohemians aus gutem Hause, die es sich leisten können, rumzuhängen und auf Künstler zu machen. Nicht der hochnäsige, intellektuelle Freundeskreis von Kollegin Rachel (Meryl Streeps Tochter Grace Gummer), nicht ihre alte Uni und schon gar nicht Paris, wo sie für zwei Tage hinfliegt, um Proust zu lesen und dann doch nur frustriert durch die Gegend latscht.

Von der Unvollkommenheit der eigenen Existenz

Frances weiß nicht genau, was sie will. Aber sie weiß zumindest, was sie nicht will und das vermittelt sie so unverstellt und unbeholfen, das daraus eine zauberhafte Komik resultiert. So rennt sie in einer Restaurant-Szene einfach los, um Bargeld zu holen, nur um den Kerl, den sie zum Essen eingeladen hatte, nicht zahlen zu lassen. Nicht nur lässt sie den Typ (Adam Driver) dadurch unnötig lange warten, sie stürzt und verletzt sich unterwegs und muss auch noch feststellen, dass auf ihrem Konto nicht mehr als 3 Dollar auf sie warten. Davon dass der Typ diesen Aufwand am Ende gar nicht wert ist, einmal abgesehen.

In solchen Szenen wirkt sie wie der sprichwörtliche Running Gag, und doch scheinen ihre Motive und ihre Verzweiflung immer echt. Ihre Planlosigkeit mag tollpatschig wirken und damit fast schon ein bisschen zu niedlich und eben typisch Frau, am Ende findet sie jedoch einen Weg, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen und sich dabei selbst treu zu bleiben. Lieber einen kleinen Traum als eine große Karriere, lieber keinen Mr. Right als eine lauwarme Beziehung. In ihrer Unvollkommenheit ist sie am Ende ganz bei sich angekommen: In ihrer ersten eigenen Wohnung, wo auch das Namensschild ruhig unvollständig bleiben darf. Frances Ha eben.

Obwohl es mir manchmal schwer fiel, die kindlich obsessive Freundschaft zu Sophie nachzuvollziehen, weil die Freundin mir schlicht zu unbeteiligt schien, war dieser Film ein großer Spaß. In seiner rasant geschnittenen Schwarz-Weiß-Ästhetik irgendwo zwischen Woody Allens Manhattan und Jan-Ole Gerstners Oh Boy (2013), den man fast als die deutsche, männliche und weit melancholischere Version von Frances Ha verstehen könnte, ist es ein ganz zauberhafter Film mit hohem Identifikationswert für Leute, die als Generation Y verschrien werden. Und so freue ich mich jetzt umso mehr auf Lady Bird und alle anderen Gerwig-Filme, die ich noch nicht kenne.

 

 

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2 Kommentare zu „Frances Ha oder das Greta-Gerwig-Phänomen

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