Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Bitterlich anthony-doerr-alles-licht-das-wir-nicht-sehen-picgeweint und geschluchzt habe ich über Anthony Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen (2014). Schon lange hat mich ein Roman emotional nicht mehr so mitgenommen. Dabei konnte ich nicht einmal auf Anhieb sagen, was mich so getroffen hat. Klar, Bücher, die im Krieg spielen, bieten selten Anlass zu Heiterkeit, und die Schwangerschaftshormone dürften ihr Übriges beigetragen haben. Doch dieses Buch ist weit entfernt von einer kitschigen Kriegsromanze, die plump auf die Tränendrüse drückt. Vielmehr ist es die Schönheit dieser Sprache, das Mystische, Schicksalhafte dieser Geschichte, der krasse Kontrast zur Realität des Zweiten Weltkrieges, der mir so unter die Haut gefahren ist.

Ja, Alles Licht, das wir nicht sehen ist eine Kriegsgeschichte, aber mehr noch ist es ein wunderbares Märchen. Ein Märchen von einem blinden, französischen Mädchen und einen ungewöhnlichen, deutschen Waisenjungen, die auf beinahe magische Weise zueinander finden, um einander zu erretten.

Die Kapitel des Romans, die in datierter und doch keiner chronologischen Reihenfolge aufeinanderfolgen, tragen so poetische Titel wie Die Gleichzeitigkeit der Augenblicke und eröffnen dem Leser Vorstellungswelten, die aus dem herkömmlichen Erzählrahmen fallen. Indem das Buch uns das Unsichtbare näher bringt, inspiriert es uns dazu, an das Unmögliche zu glauben.

Wir alle entstehen aus einer einzigen Zelle, kleiner als ein Staubkorn. Viel kleiner. Dividiere. Multipliziere. Addiere und subtrahiere. Marterie wechselt den Besitzer, Atome verbinden und lösen sich, Moleküle drehen sich, Proteine fügen sich zusammen, Mitochondrien senden ihre oxidativen Weisungen aus. Wir beginnen als mikroskopischer elektrischer Schwarm. Die Lunge, das Gehirn, das Herz. Vierzig Wochen später werden sechs Billionen Zellen durch den Geburtskanal der Mutter gepresst, und wir stoßen unseren ersten Schrei aus. Die Welt nimmt uns auf.
Marie-Laure schiebt die Geheimtür auf. Werner nimmt ihre Hand und hilft ihr heraus. Ihre Füße finden den Boden des Zimmers ihres Großvaters.

(Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen)

Worum es geht

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Kriegskinder. Marie-Laure, ein blindes Mädchen, das mit ihrem Vater, einem in sich gekehrten Museumswärter, in Paris lebt. Und Werner, ein Junge, der mit seiner Schwester in einem Waisenhaus im Ruhrpott aufwächst und eine Faszination für das Radio entwickelt. Zwei Kinder, die Anfang der 40er Jahre auf unterschiedlicheren Seiten nicht stehen könnten und die doch zwei Dinge verbinden: Zum einen der Krieg, der beider Leben auf den Kopf stellt. Zum anderen ihre unendliche Neugierde und Fantasie, die selbst angesichts der tristen Realität nicht an Kraft verliert.

Während Marie-Laure in den Romanen von Jules Verne all das wiederfindet, was das Augenlicht ihr genommen hat, ist Werner fasziniert von der Physik des Lichts und ihren unzähligen Möglichkeiten. Eine davon bringt ihn schließlich zu Marie-Laure. Doch erst viel, viel später.

Zunächst einmal schicken die politischen Umstände beide auf ihre eigene Reise. Während Marie-Laure mit ihrem Vater aus Paris fliehen muss und bei einem seltsamen Onkel in Saint-Malo Unterschlupf findet, das später als „letztes deutsches Bollwerk an der bretonischen Küste“ in die Geschichte eingehen wird, wird Werner, der mit seiner technischen Begabung von sich Reden macht, ein Platz in der elitären Napola zuteil. Hier zeigt die selbstherrliche Fratze des Nationalsozialismus ihm ihr wahres Gesicht, hier wird er ausgebildet, um kurze Zeit später noch minderjährig an die Front zu gehen und die Funksignale des Feindes auszuspähen.

Einer von ihnen ist Etienne, Marie-Laures Onkel, der auf dem Dachboden eine mysteriöse Radiostation betreibt und zusammen mit seiner blinden Nichte Widerstand gegen die deutsche Besetzung leistet. Und dann ist da noch ein Diamant, ein Stück gefangenes Licht, das dem, der ihn besitzt, ewiges Leben verspricht und das Marie-Laure und ihren Vater, der inzwischen verschwunden ist, zur persönlichen Zielscheibe eines kranken deutschen Offiziers macht (den ich mir nicht umsonst in Gestalt von Christoph Waltz vorgestellt habe, denn der Roman bietet sich geradezu für eine große Hollywood-Verfilmung an).

,,Große Seelentransporter könnten da hin und her fliegen…

…ausgeblichen, aber noch hörbar, wenn du nur aufmerksam genug lauschst. Sie treiben über die Schornsteine, reiten auf den Bürgersteigen, schlüpfen dir durch Jacke und Hemd, durch Brustbein und Lunge und kommen auf der anderen Seite wieder hervor, die Luft einer Bibliothek und ein Archiv jedes gelebten Lebens, jedes gesprochenen Satzes, jedes übermittelten Wortes, das noch in dir nachhallt.
Jede Stunde, denkt sie, fällt jemand aus dieser Welt, für den der Krieg eine Erinnerung war.

(Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen)

Die Welt ist voller unglaublicher Geschichten, die wir nur erahnen können. Und jede einzelne hinterlässt Spuren, so wie das Licht, das für das bloße Auge unsichtbar ist und dennoch unglaubliche Netzwerke schafft.

Dieser Roman bedarf keiner weiteren Erklärungen. Er ist einfach schön. Schaurig schön könnte man sagen, weil er das Grausame nicht ausblendet, sondern die Schönheit der Welt darüber siegen lässt. Aus dieser Perspektive betrachtet, klingt es dann doch noch nach Kitsch. So gut geschrieben, habe ich gegen Kitsch aber nichts einzuwenden.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s