The Path: Aaron Paul in der Sekte

Aaron Paul hat mit der Rolle des Eddie Lane in der hulu-Serie The Path (auf Prime verfügbar) die perfekte Nachfolgerolle für seine Zeit nach Breaking Bad gefunden. Denn Eddie Lane könnte genauso gut die erwachsene Version von Jesse Pinkman sein. Nicht nur weil er ständig flucht und gern Flanellhemden trägt (Zufall?). Sondern weil er ein gebrochener Mann ist, der nach einer langen Odyssee endlich ein Zuhause gefunden hat.

Dieses Zuhause ist die fiktive Meyerismus-Sekte, benannt nach ihrem Gründer, Guru Steven Meyer. Schwer traumatisiert von seiner Vergangenheit, hatte Eddie sich selbst schon fast aufgegeben, als er auf die selbsternannte Bewegung stieß, die ihren Mitgliedern dazu verhelfen soll, eine spirituelle Leiter zu erklimmen, um im Falle des bevorstehenden Weltuntergangs sicher in den „Garten“ zu gelangen.

Klingt absurd? Wirkt in dieser Serie aber durchaus glaubhaft. Zum einen weil The Path hochwertig produziert ist und eine Atmosphäre erzeugt, der man sich schwerlich entziehen kann. Zum anderen weil es großen Spaß macht, dieser hochkarätigen Besetzung dabei zuzusehen, wie sie in einen inneren Zwiespalt gerät (neben Aaron Paul: Michelle Monaghan, Hugh Dancy und in Nebenrollen: Melanie Griffith, Frieda Pinto und Vincent Kartheiser).

In drei Staffeln zeichnet The Path (2016 – 2018) Eddies Entwicklung in der Bewegung nach und beleuchtet dabei die Mechanismen, die in solchen Sekten vorherrschen. Was die Serie dabei vor allem auszeichnet, ist ihr Hang zur Ambivalenz. Die Bewegung, die Idee einer Gemeinschaft, die an etwas Höheres glaubt, entwickelt sich mit der Zeit zu einem eigenständigen Protagonisten, für den man Verständnis entwickelt. Denn klar bietet die Sekte den idealen Handlungsrahmen für Machtmissbrauch durch Möchtegern-Gurus. Doch sie stiftet auch Sinn, gibt Menschen Halt und muss folglich beschützt und nicht zuletzt finanziert werden.

The Path bezieht keine eindeutige Stellung, sondern beleuchtet verschiedene Seiten solcher Gemeinschaften, vergleicht sie mit anerkannten Religionen und politischen Vereinigungen – und behält sich dazu auch immer die Möglichkeit des tatsächlich Übernatürlichen vor: Was wenn es die „Leiter“ wirklich gibt?

Aus all diesen – zugegebenermaßen nicht immer harmonisch ineinander greifenden Elementen – ergibt sich eine solide Serie, irgendwo zwischen Familiendrama, psychologischem Thriller und Mystery. Und so ist es fast schade, dass nach nur drei Staffeln Schluss ist. Wenn es auch nicht überrascht, denn in der dritten und leider schwächsten Staffel scheint sich ein Kreis zu schließen, der kaum noch Handlungsspielräume offen lässt. Weiterlesen „The Path: Aaron Paul in der Sekte“

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Die BESTEN 5 am DONNERSTAG #103: Filme, die meine Filmleidenschaft beeinflusst haben

Gorana ist zurück aus der Sommerpause und gibt uns wieder einmal einen schönen Grund, nostalgisch zu werden. Heute will sie wissen, welche 5 Filme unsere Filmleidenschaft beeinflusst haben. Meine Liste wird wohl die typische Liste eines 90er-Kindes sein. Kaum hohe Kunst, dafür aber ganz große (ich gebe zu, leicht sentimentale) Liebe. In der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe: Weiterlesen „Die BESTEN 5 am DONNERSTAG #103: Filme, die meine Filmleidenschaft beeinflusst haben“

Bov Bjerg: Auerhaus

Buchcover: Auerhaus von Bov Bjerg
(c) Aufbau Verlag

Our house / in the middle of the street… – Bov Bjergs Roman Auerhaus (2015) klingt auf den ersten Blick nach Pop, nach Spaß, nach jugendlichem Leichtsinn. Schließlich geht es darin um sechs Freunde, die kurz vor dem Abitur zusammen in eine WG mitten auf dem Dorf ziehen und so für kurze Zeit zu spüren bekommen, was es heißt, frei zu sein. Auch die Sprache des jugendlichen Ich-Erzählers ist so schlicht und einfach, dass es manchmal weh tut (beinahe jeder Satz wird mit einem sinnlosen „egal“ oder „quasi“ relativiert).

Und doch: Auerhaus ist kein seichter Jugendroman. Bjergs Erzählstil nicht zu unterschätzen. Denn der jugendliche Leichtsinn, den diese WG für kurze Zeit erleben darf, ist nur ein flüchtiger Moment, der noch während er andauert von Abschiedsschmerz durchdrungen ist. Und Bjerg schafft es wie schon in seinem Debut Deadline (2008) seine Erzählung so zu komprimieren, dass bereits kleine Szenen ausreichen, um komplexe Charaktere zum Leben zu erwecken. Kurze Momente, die Bände sprechen, verpackt in einer erstaunlich knappen, punktgenauen Sprache, die selbst Themen wie Depression und Suizid so natürlich integriert, dass der Roman davon zu keiner Zeit beschwert wird.

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In den Gängen – zarte Romanze im Neonlicht des Großmarktes

Kinoplakat: In den Gängen
(c) Departures Film

Da musste ich erst wieder ins Kino gehen, um mich an die Magie des Films zu erinnern. Ich gebe zu, ich hatte sie in den letzten Monaten vergessen. Ins Kino zu gehen, sich einen ganzen Film von Anfang bis Ende anzusehen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn anzuhalten, ohne ihn in Häppchen einzuteilen, das bedeutet eben auch, sich einzulassen. Auf eine Welt, die vielleicht gerade so gar nichts mit der gegenwärtigen Stimmung zu tun hat, dafür aber neue Sichtweisen eröffnet, berührt, inspiriert, eine kleine Offenbarung bietet, die die eigene Welt für zwei Stunden auf den Kopf stellt.

Im Fall von In den Gängen (2018) ist diese Welt ein Großmarkt in der ostdeutschen Provinz, wo der wortkarge, introvertierte Ex-Knacki Christian (Franz Rogowski) versucht, sich durch einen Job in der Getränkeabteilung zu resozialisieren. Dabei findet er in Vorarbeiter Bruno (Peter Kurth) einen väterlichen Freund, (der die Wende nicht überwunden hat und ähnlich einsam ist wie er selbst) und in Marion aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller aus Toni Erdmann) ein Sehnsuchtsobjekt, das seinem einsamen Dasein wieder Hoffnung gibt.

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Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.

Buchcover von Ellen Sandberg und Charlotte LinkJeder, der in seinem Familien- und Freundeskreis als passionierter Leser verschrien ist, kennt das: Buchgeschenke, die so gar nichts mit dem eigenen Geschmack zu tun haben. Mir geht es jedes Mal so, wenn mir mein Bruder mal wieder einen Charlotte-Link-Krimi untern Weihnachtsbaum legt. Ich bin kein großer Fan von Krimis und schon gar nicht von solchen, die an die 600 Seiten heiße Luft enthalten. (Wie ist es sonst zu erklären, dass Leute wie Charlotte Link solche Wälzer am Fließband produzieren können?)

Aber ich will nicht meckern. Mein Bruder liest selbst nicht und muss daher annehmen, dass das was im Buchladen oder an Autobahnraststätten auf den vorderen Plätzen steht, gut ist. Und manchmal, nur manchmal erweist sich ein solches Buch tatsächlich als spannend. So ergangen ist es mir im letzten Urlaub jedenfalls mit Ellen Sandbergs Die Vergessenen (2018). Leichte Kost, die sich an einem Tag weglesen lässt, als Gegenprogramm zur bedeutungsschweren Großliteratur (siehe Grass‘ Blechtrommel, die mich zuletzt so gequält hat). Wie gemacht für den faulen All-Inclusive-Urlauber, der einfach mal den Kopf ausschalten will. Andere Romane wie Links Die Entscheidung (2016) sind in ihrer Banalität so schwer zu ertragen, dass sie wahrscheinlich für immer halb gelesen auf meinem Nachttisch ausharren müssen. Weiterlesen „Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.“