Zweifelhafte Buchgeschenke: Ellen Sandberg, Charlotte Link & Co.

Buchcover von Ellen Sandberg und Charlotte LinkJeder, der in seinem Familien- und Freundeskreis als passionierter Leser verschrien ist, kennt das: Buchgeschenke, die so gar nichts mit dem eigenen Geschmack zu tun haben. Mir geht es jedes Mal so, wenn mir mein Bruder mal wieder einen Charlotte-Link-Krimi untern Weihnachtsbaum legt. Ich bin kein großer Fan von Krimis und schon gar nicht von solchen, die an die 600 Seiten heiße Luft enthalten. (Wie ist es sonst zu erklären, dass Leute wie Charlotte Link solche Wälzer am Fließband produzieren können?)

Aber ich will nicht meckern. Mein Bruder liest selbst nicht und muss daher annehmen, dass das was im Buchladen oder an Autobahnraststätten auf den vorderen Plätzen steht, gut ist. Und manchmal, nur manchmal erweist sich ein solches Buch tatsächlich als spannend. So ergangen ist es mir im letzten Urlaub jedenfalls mit Ellen Sandbergs Die Vergessenen (2018). Leichte Kost, die sich an einem Tag weglesen lässt, als Gegenprogramm zur bedeutungsschweren Großliteratur (siehe Grass‘ Blechtrommel, die mich zuletzt so gequält hat). Wie gemacht für den faulen All-Inclusive-Urlauber, der einfach mal den Kopf ausschalten will. Andere Romane wie Links Die Entscheidung (2016) sind in ihrer Banalität so schwer zu ertragen, dass sie wahrscheinlich für immer halb gelesen auf meinem Nachttisch ausharren müssen.

Ellen Sandberg: Die Vergessenen

Das Leben hat einen Rückspiegel, und in dem sieht man immer die Eltern. (Ellen Sandberg: Die Vergessenen)

Es war wohl dieser Satz am Anfang des Romans, der mich dazu verleitet hat, das Buch mit in den Urlaub zu nehmen. Denn obwohl alles an dem Romaneinstieg nach Klischee schreit, gibt diese einleitende Philosophie wenigstens den Anschein von versuchter Tiefsinnigkeit.

Und tatsächlich: Nach wenigen Kapiteln schaffen es der Plot und die recht einfache Charakterisierung der beiden Hauptprotagonisten von Die Vergessenen – Manolis und Vera, die beide auf sehr unterschiedliche Art von der Vergangenheit ihrer jeweiligen Familien heimgesucht werden – mich soweit mitzureißen, dass ich beständig weiterlesen will.

Da ist der griechisch-stämmige Autohaus-Besitzer Manolis, der so traumatisiert ist von dem frühen Tod seiner Eltern, dass er sich nebenberuflich eine anonyme Identität geschaffen hat, um krumme Geschäfte für seinen Gönner zu erledigen. Und da ist Vera, eine ambitionierte Journalistin, deren Arbeit für eine Frauenzeitschrift sie frustriert nach Höherem streben lässt.

Dieses Höhere scheint zum Greifen nahe als Vera herausfindet, dass ihre Tante in der NS-Zeit in einer Klinik gearbeitet hat, die ihre Patienten systematisch getötet haben soll. Ungläubig begibt sie sich auf die Suche nach Antworten, die Licht in das Leben ihrer Tante bringen sollen, die nun im Koma liegt und nicht für sich selbst sprechen kann (na klar, was sonst?!). In Rückblenden erfährt der Leser wie die Tante als junge Krankenschwester dem charismatischen Nazi-Arzt Karl Landmann verfiel, bevor sie schließlich herausfand, was in der Klinik wirklich vor sich ging.

Zufällig wird auch Manolis in den Fall verwickelt, weil sein Auftraggeber nach einer Akte verlangt, die belastende Details über besagten Karl Landmann enthält. Und so begeben sich Manolis und Vera, zunächst unabhängig voneinander, auf eine rasante Verfolgungsjagd, um ein seit Generationen unentdecktes Verbrechen aufzudecken, das beiden letztlich dabei hilft, die eigenen Geister der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Strotzt dieser Roman nur so vor Klischees? Keine Frage. Ist er dennoch spannend erzählt? Auf jeden Fall. Der lebendige Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der Empathie mit den Figuren erzeugt, die Art und Weise, wie vermeintlich längst zu den Akten gelegte Verbrechen nach wie vor ihren Schatten auf die Gegenwart werfen – das sind Ansätze, die den Roman ein Stück weit von dem üblichen Krimi-Einheitsbrei abheben.

Handelt es sich dabei tatsächlich um „meisterhafte Erzählkunst“ verbunden mit „psychologischer Spannung“, wie es das Buchcover verspricht? Wohl kaum. Zwar ist es eine gut konstruierte Kriminalgeschichte. Doch die Figuren bleiben Klischees, deren Charakterisierung dazu noch ziemlich willkürlich daherkommt. Was ich bei solchen Büchern zum Beispiel nie verstehen werde, sind die vielen umschreibenden Details, die so gar keinen Zweck erfüllen wollen.

Was sagt es mir zum Beispiel, dass Vera vor dem Essen noch schnell Joggen geht oder sich gerne einen Ryan-Gosling-Film im Kino ansehen würde? Weder sagt das etwas relevantes über Vera aus (sie ist sportlich, ja und?), noch eröffnet es irgendeine zweite Bedeutungsebene. Ganz abgesehen von unnötigen Ausrufen wie „Was für ein fürchterliches Ende!“. An solchen Passagen kann man eigentlich nur den Kopf schütteln und sich fragen, warum man selbst noch nie versucht hat, einen solchen Roman zu schreiben, wenn es offensichtlich legitim ist, jeden noch so abgenutzten Einfall zu verwenden.

Aber mir ist schon klar, dass ich den Autoren damit unrecht tue. Denn so viele Wörter wie zum Beispiel Charlotte Link muss man erstmal zu Papier bringen (zwei DIN A4 Seiten schreibt die Autorin angeblich am Tag und kommt damit auf über 20 Romane in 20 Jahren).

Charlotte Link: Die Entscheidung

Ich gebe zu, mit diesem Krimi bin ich noch nicht besonders weit gekommen. Deswegen steht es mir wahrscheinlich gar nicht zu, ihn zu beurteilen. Aber es muss schon etwas heißen, dass ich jedes Mal, wenn ich ihn zur Hand nehme (meistens ist das kurz vor dem Einschlafen) nicht umhin komme, mich über so viele leere Worthülsen aufzuregen, mit denen sich scheinbar so viel Geld verdienen lässt. Ganz abgesehen davon, dass ich es widersinnig finde, dass eine deutsche Autorin permanent darauf beharrt, ihre Krimis in England oder Frankreich spielen zu lassen. Welche Sprache sprechen ihre Protagonisten überhaupt?

Zur Story: Der unglückliche, weil von Frau und Kindern verlassene Simon will seinen Weihnachtsurlaub in einem Strandhaus in Frankreich verbringen und lernt dabei die abgerissene Französin Nathalie kennen. Ein Mädchen mit einer traumatischen Vergangenheit, das auf der Flucht vor irgendeiner Gaunerbande und auf der Suche nach ihrem verschollenen Freund ist. In einem Nebenstrang geht es außerdem um einen Mädchenhändlerring in Osteuropa, der wahrscheinlich dahintersteckt und auf den auch Simon und Nathalie wohl bald stoßen werden.

Das Ganze wird so langatmig erzählt und mit so vielen unnötigen Details ausgeschmückt, dass ich regelmäßig darüber einschlafe.

Nathalie zog fröstelnd ihren Mantel enger um den Körper und stülpte sich die Kapuze über den Kopf. Sie sah sehr angespannt und ängstlich aus.

Aha, so so, sie sah also sehr angespannt und ängstlich aus. Als könnte der Leser das nicht selbst der ganzen Situation, dem ganzen bedrohlichen Setting entnehmen. Es wird ihm alles vorgekaut, er muss keine eigene Denkleistung erbringen, außer an der richtigen Stelle eins und eins zusammenzuzählen. Wobei auch das nicht wirklich nötig ist, weil ihm die Auflösung am Ende ohnehin auf dem Silbertablett serviert wird.

Warum lesen so viele Leute diese Bücher dann überhaupt? Vielleicht weil sie in ihrer Schablonenhaftigkeit so beruhigend wirken. Weil sie kurzfristig eine Atmosphäre erzeugen, in die man sich zurückziehen kann, ohne sich davon allzu sehr gefangen nehmen zu lassen. Weil sie den eigenen Glauben nicht erschüttern, nichts in Frage stellen und so alltagstauglich und gut konsumierbar sind. Ein kleines bisschen  Nervenkitzel, der nicht weh tut, weil die Handlung so unwahrscheinlich ist, dass sie einen selbst ohnehin niemals betreffen wird.

Vielleicht aber auch – und das will ich gar nicht ausschließen – weil es dann doch immer wieder Exemplare gibt, die wie ein gutes Puzzle funktionieren. Die so gut konstruiert sind, dass man nicht aufhören kann sich zu fragen: Wer war es denn nun? Tatsächlich gebe ich zu, dass ich mich vor ein paar Jahren von Charlotte Links Der Beobachter (2011) sehr gut unterhalten gefühlt habe – mit Tee und Wollsocken, an kalten, erschöpften Winterabenden wohlgemerkt. So viel zur Bedeutung der Atmosphäre.

 

 

 

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