In den Gängen – zarte Romanze im Neonlicht des Großmarktes

Kinoplakat: In den Gängen
(c) Departures Film

Da musste ich erst wieder ins Kino gehen, um mich an die Magie des Films zu erinnern. Ich gebe zu, ich hatte sie in den letzten Monaten vergessen. Ins Kino zu gehen, sich einen ganzen Film von Anfang bis Ende anzusehen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn anzuhalten, ohne ihn in Häppchen einzuteilen, das bedeutet eben auch, sich einzulassen. Auf eine Welt, die vielleicht gerade so gar nichts mit der gegenwärtigen Stimmung zu tun hat, dafür aber neue Sichtweisen eröffnet, berührt, inspiriert, eine kleine Offenbarung bietet, die die eigene Welt für zwei Stunden auf den Kopf stellt.

Im Fall von In den Gängen (2018) ist diese Welt ein Großmarkt in der ostdeutschen Provinz, wo der wortkarge, introvertierte Ex-Knacki Christian (Franz Rogowski) versucht, sich durch einen Job in der Getränkeabteilung zu resozialisieren. Dabei findet er in Vorarbeiter Bruno (Peter Kurth) einen väterlichen Freund, (der die Wende nicht überwunden hat und ähnlich einsam ist wie er selbst) und in Marion aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller aus Toni Erdmann) ein Sehnsuchtsobjekt, das seinem einsamen Dasein wieder Hoffnung gibt.

Ein zartes Knistern zwischen Getränkekisten und Süßwaren

Ob diese Sehnsucht erwidert wird, bleibt bis zum Schluss in der Schwebe und Marion, die verheiratet in einem schicken Neubau wohnt (im Gegensatz zu Christians karger Plattenbude oder Brunos traurigem DDR-Domizil an der Autobahn) ein Rätsel. Doch die Funken fliegen. Zwischen Süßwaren, Getränkekisten und „Stapler-Konflikten“ knistert es, denn auch Marion scheint sich in den Gängen des strukturierten Großmarktes sicherer zu fühlen als in ihrer Ehe. Wenn Marion und Christian im Pausenraum zusammen vor dem Kaffeeautomaten stehen, tritt die triste Kulisse in den Hintergrund und man hört das Meer rauschen.

Diese Stimmung ist zauberhaft und sie wird nicht nur durch die eindringlichen Bilder und eine gelungene Musikkomposition heraufbeschworen, sondern vor allem durch die Darsteller. Nicht umsonst scheint Franz Rogowski in diesem deutschen Kinojahr allgegenwärtig zu sein. Mit seiner starken Präsenz könnte er glatt als die deutsche Antwort auf Joaquin Phoenix durchgehen. Auch Sandra Hüller und Peter Kurth tragen einen großen Teil dazu bei, dass In den Gängen unter die Haut geht.

Der Film basiert übrigens auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer. Nicht umsonst fühlte ich mich thematisch und atmosphärisch häufig an Als wir träumten erinnert. Auch hier geht eine Traurigkeit und Melancholie von der Zäsur aus, die die Wende in das ostdeutsche Leben geschlagen hat, die schwer zu fassen ist und doch nahe geht.

Umso erhebender ist es, inmitten dieser Traurigkeit eine zarte Romanze aufblühen zu sehen, die beweist, dass Hoffnung und Glück nicht an die Umgebung gebunden sind, in der wir leben, sondern allein an unsere innere Haltung und höchstens noch an die Menschen, die diese Umgebung bevölkern. Der sterile Großmarkt – mit seinen langen Gängen ohne natürliches Licht – erweist sich jedenfalls als ein sozialer Ort, der genauso sinnstiftend funktionieren kann wie der schönste Ort auf Erden.

Ein schöner, ein witziger, aber auch trauriger Film, der mich wieder daran erinnert hat, warum es sich lohnt, ins Kino zu gehen.

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