Anna Galkina: Das neue Leben

Buchcover: Das neue Leben von Anna Galkina
(c) Frankfurter Verlagsanstalt

Anna Galkina hat ein Buch geschrieben, das stellvertretend für die Erfahrungen sehr vieler Aussiedler und Migranten stehen könnte, die Anfang der 90er Jahre aus der zerfallenen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Vom Abschied, Auffanglagern und Notunterkünften, von Vorurteilen und unerfüllten Träumen handelt Das neue Leben (2017), aber auch von der Hoffnung, vom zarten Zauber des Neuanfangs und nicht zuletzt von der ganz persönlichen Geschichte einer jungen Frau. Der heimatlosen Ich-Erzählerin Nastja, die der Leser schon aus Galkinas Erstlingswerk Das kalte Licht der fernen Sterne kennt und die auch hier wieder kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ich gebe zu, ich war kritisch mit Galkinas erstem Roman. Doch ab sofort bezeichne ich mich gerne als ihr Fan. Das neue Leben hat mich getroffen. Und das obwohl oder gerade weil es weniger sprachgewaltig ist als ihr Debut. War mir die Gegenüberstellung von Zartheit und Brutalität hier zu radikal, konnte ich mich in ihrem zweiten Roman schon besser darauf einlassen. Denn Humor und Realität wirken hier nicht künstlich nebeneinander gestellt, sondern erscheinen viel mehr als zwei natürliche Seiten einer Medaille.

Und so habe ich gelacht, geweint und Nastjas Erfahrungen immer wieder mit meinen eigenen (leicht verklärten Kindheitserinnerungen an die ersten Monate in Deutschland) abgeglichen.

Worum es geht

Galkinas Das neue Leben liest sich wie die nahtlose Fortsetzung zu ihrem ersten Roman. Die gleiche ironische Ich-Erzählerin mit der starken, kulturversessenen Mutter und dem leicht versoffenen Stiefvater, die genug von ihrem Leben in der zerfallenen Sowjetunion haben und sich dazu entschließen, nach Deutschland auszuwandern.

Dieser Entschluss steht am Anfang einer einer Prozedur, die Millionen Russlanddeutsche und Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf sich nahmen. Sobald sie die nötigen Papiere beisammen hatten, verkauften sie ihr Hab und Gut, sagten Lebewohl zu den zurückbleibenden Lieben und begaben sich auf eine Reise, die sie ins Ungewisse führte, für alle jedoch gleich begann: Im Flüchtlingslager.

Die erste Begegnung mit dem gelobten Land bedeutete also Doppelstockbetten, Großkantinen, die Zusammenpferchung mit den eigenen Landsleuten und einen Behördenspießrutenlauf, der in der Regel mit einem Stempel endete, der über ihr weiteres Schicksal in der neuen Heimat entschied. Ob jemand als Deutscher oder zumindest als dauerhaft Geduldeter anerkannt wurde, welchen Namen er tragen würde und ob er oder sie in ihrem jeweiligen Beruf würden arbeiten können – das alles entschied sich hier, in den ersten schreckhaften Tagen, in denen alles fremd und kaum jemand der deutschen Sprache mächtig war.

Von diesem Moment an geht es ähnlich fremdbestimmt weiter: Welcher Wohnort wird der Familie zugewiesen? Endet die Reise in einem Sozialbau im Ghetto eines Provinzstädtchens, einer Großstadt oder vielleicht doch erst einmal in der Notunterkunft, wo soziale Probleme vorprogrammiert sind? Welche Sprachkurse und Fortbildungsmaßnahmen werden dem Einzelnen vom Amt bewilligt? Schafft man es überhaupt, sich gegenüber den Beamten verständlich zu machen?

Es ist eigentlich ein Wunder, dass es Menschen gibt, die aus diesem entwürdigenden Prozedere noch motiviert herauskommen. Dass sie ihr Selbstwertgefühl nicht verlieren, es tatsächlich schaffen, weiterhin an ihren beruflichen Ambitionen festzuhalten und sich nicht wie Stiefvater Robert in einem 1-Euro-Job zu Tode schuften, nur um zu beweisen, dass sie keine Sozialschmarotzer sind.

Und so erscheint sie stellenweise bitter, Galkinas Abrechnung mit der deutschen „Willkommenskultur“. Das Paradox des Nicht-Sein-Dürfens und Dafür-auch-noch-beschuldigt-werdens. Das Gefühl, unerwünscht, stigmatisiert, kein ganzer Mensch zu sein.

Dann wiederum gibt es Episoden, die von Humor und Selbstironie nur so strotzen, und in denen die Erzählerin selbst zum Schablonendenken greift.

Seltsamerweise sehen hiesige Prostituierte so aus wie gewöhnliche Frauen auf den Straßen Russlands. Dagegen ist eine durchschnittliche deutsche Frau grau und unscheinbar. (Galkina: Das neue Leben)

Aber auch Episoden, die sehr persönlich anmuten. Nastja hadert mit den Konflikten in ihrer Familie, mit ihren eigenen Zukunftsaussichten, ihrer Beziehung zu dem jüngeren Max und einer ungeplanten Schwangerschaft. Bei aller bitterbösen Explizität, die sie dabei an den Tag legt, sind es vor allem die kleinen Details, die dabei mitten ins Herz treffen. Galkina ist eine Meisterin der bedeutungsschweren, melancholischen Details und ich freue mich jetzt schon darauf, noch mehr von ihr zu lesen.

Der Fliederbaum, den Robert vor Jahren im Vorgarten gepflanzt und liebevoll gepflegt hatte, ist geschunden. Kein einziger Zweig ist mehr da, nur noch der nackte Stamm.
Im Briefkasten finden sich ein Zettel mit einer Notiz der rothaarigen Nachbarin, die erklärt, sie sei allergisch gegen Flieder. (Das neue Leben)

Was fremd sein bedeutet – damals und heute

Dass Galkina mit ihrem Roman ins Schwarze trifft, ist leider auch der Tatsache geschuldet, dass die Geschichte sich dieser Tage wiederholt. Anfang der 1990er erfuhren die Russen in Deutschland ein ähnliches Echo wie die Flüchtlinge heute.

,,Diesem dicken Schwein, Herrn Kohl, sei Dank, haben wir nun das Land voll Assis! Täglich hört man in den Nachrichten von kriminellen Ausländern! Vor allem von Russen…auch am Bahnhof lungern sie ständig herum. Säufer, Drogenabhängige, Kriminelle und Sozialhilfeempfänger, so weit das Auge reicht!“ (Das neue Leben)

Heute werden Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion gemeinhin als mustergültig Integrierte bezeichnet. Umso absurder, dass diese mustergültig Integrierten heute manchmal selbst am lautesten gegen Flüchtlinge wettern. Als hätten sie vergessen, wie es sich anfühlt, fremd in diesem Land zu sein. Galkinas Roman zeigt, dass Migration, das neue Leben, mag es auch noch so große materielle Verbesserungen bedeuten, kein Zuckerschlecken ist. Kein Flüchtling, kein Migrant nimmt das leichtfertig in Kauf, um hier angeblich ein Leben in Saus und Braus zu führen, das – seien wir mal ehrlich – es ganz bestimmt nicht umsonst gibt.

Höchste Zeit, dass diejenigen, die diesen Weg selbst einmal gegangen sind, sich wieder daran erinnern…und alle anderen einfach mal ihr Hirn einschalten.

Ich habe kein Zuhause mehr. Ich muss mein Leben mit zufällig zusammengewürfelten Menschen im Wohnheim teilen. Ich bin fremd hier – in diesem Städtchen, in diesem Land. Meine Freunde sind weit weg, die Post – zu langsam, die Anrufe – zu teuer. Wie soll das weitergehen? Immigration ist kein Spaziergang, das habe ich gehört. Ich kenne auch Akademiker, die zunächst ihren Lebensunterhalt als Putzkräfte bestreiten mussten. In Amerika, in Israel…Man sagte, in Deutschland gäbe es ein gutes Sozialsystem. Angeblich das beste in Europa. Scheiß drauf! Wäre es nach mir gegangen, wäre ich nicht hierhergekommen. Allzu gern wäre ich in die USA ausgewandert. Selbst wenn ich dort anfangs für meinen Lebensunterhalt hätte putzen gehen müssen. In den USA fühlt sich keiner fremd, solange er Englisch beherrscht. Egal, ob mit Akzent oder ohne. Wird es in Deutschland auch irgendwann so sein, wenn ich endlich fließend Deutsch sprechen kann? Oder wird man mich wie damals in Russland immer auf meine Herkunft ansprechen? (Galkina: Das neue Leben)

Ein Kommentar zu „Anna Galkina: Das neue Leben

  1. Interessant! Das Buch will ich lesen. Einen ähnlichen Weg ins „neue Leben“ bin ich auch gegangen — Ende 1992 – und bin hier „angekommen“. Darüber habe ich ebenfalls ein Buch veröffentlicht: „In der sibirischen Kälte“ 🙂 mit Erfahrungen, die sich vielleicht in einigen Punkten ähneln, grundsätzlich aber doch stark unterscheiden.

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