Gute Urlaubslektüre? Gelesen im Sommer

In den letzten Wochen wurde ich häufiger gefragt, ob ich ein gutes Buch für den Urlaub empfehlen könne. Ich empfahl Bücher, die mir zuletzt gut gefallen hatten und bekam zu hören: Die seien zu ernst oder zu nah dran am eigenen Leben. Auf die Frage, was denn nun gute Urlaubslektüre ausmache, habe ich keine zufriedenstellende Antwort bekommen.

Sollte es etwas möglichst Simples und Vorhersehbares sein (siehe Charlotte Link und Co.), um die grauen Zellen wenigstens im Urlaub zu schonen? Sollten es Bücher aus dem jeweiligen Urlaubsland sein, die das Urlaubsfeeling thematisch noch unterstreichen oder andersherum: genau das Gegenteil, um einem Lagerkoller vorzubeugen? Wann wenn nicht im Müßiggang der Ferienzeit sollte man genau die Bücher lesen, nach denen einem gerade der Sinn steht?

Ich widme mich diesen Fragen mit einem Blick auf meine eigene Sommerlektüre. Ich wurde in den Bann gezogen von Emma Clines The Girls, habe gelacht bei Marc-Uwe Klings Qualityland und geweint bei Anthony Doerrs Kurzgeschichtensammlung Die Tiefe.

Emma Cline: The Girls

1969 drangen Mitglieder der Manson Family im Auftrag von Charles Manson in das Anwesen der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate ein und ermordeten sie und vier weitere Menschen auf brutalste Weise. Mansons Gefolgschaft bestand überwiegend aus Frauen zwischen 13 und 28 und diese waren offensichtlich bereit, bis zum Äußersten für ihren Guru zu gehen. Welche Motive trieben sie  an? Wie kam es, dass sie für einen so mörderischen Kult empfänglich waren? Emma Cline ließ sich von dem Manson-Fall inspirieren und geht in ihrem ersten Roman The Girls (2016) genau diesen Fragen nach.

Im Fokus der Handlung steht die 14-jährige Evie Boyd, die geplagt von zerrütteten Familienverhältnissen und den typischen Unsicherheiten eines pubertierenden Mädchens einsam durch den kalifornischen Sommer 1969 dümpelt und dabei einer Gruppe von Hippie-Mädchen begegnet, die ihre Aufmerksamkeit erregen. Besonders die hübsche Suzanne, von der Evie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich gesehen fühlt, übt eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Und so gerät Evie schnell in den Bann der Gruppe, die von einem gewissen Russell angeführt wird. Russell, der „Experte für weibliche Traurigkeit“, macht die Mädchen mit ominösen Versprechen, Sex und Drogen gefügig und weist nicht zufällig Parallelen mit Charles Manson auf. Evie gerät in einen blinden Sog und bemerkt erst viel zu spät, in welche zerstörerische Richtung sich die Gruppe entwickelt.

Der Sog der Sekte (nach The Path schon zum zweiten Mal mein Thema diesen Sommer) wohnt auch dem Roman selbst inne. Und so kann man sich The Girls nur schwer entziehen. Einerseits weil der Roman eine knisternde Atmosphäre erzeugt, die jeden Moment droht, gefährliche Funken zu schlagen. Andererseits weil er sich der Psychologie junger, verunsicherter Mädchen sprachlich so präzise nähert, dass es schlicht fasziniert.

Arme Mädchen. Die Welt mästet sie mit der Verheißung von Liebe. Wie dringend sie sie brauchen, und wie wenig die meisten von ihnen sie je bekommen werden. (Emma Cline: The Girls)

Vielleicht ist das für einen so gravierenden Fall zu kurz gedacht. Mit Sicherheit ist The Girls aber ein vor Hitze flirrender, elektrisierender Roman, den ich jederzeit wieder mit in den Urlaub nehmen würde.

Marc-Uwe Kling: Qualityland

Es ist wohl kein Zufall, dass die schwarze Ausgabe von Marc-Uwe Klings erstem Roman Qualityland (2017) auf den ersten Blick nach Bibel aussieht, immerhin wird hier eine komplett neue Welt postuliert. Doch von diesem ersten, etwas düsteren Eindruck darf man sich nicht täuschen lassen. Obwohl ein dystopischer Zukunftsentwurf, hält Qualityland in gewohnter Kling-Manier so viel Komisches bereit, dass es mehr Ähnlichkeit mit Futurama als mit Huxleys Schöner neuer Welt hat. Einige Ideen kamen mir außerdem so bekannt vor, dass ich den Verdacht nicht los wurde, Kling hat sich  auch von Black Mirror inspirieren lassen.

Qualityland spielt in einer digitalen Zukunft, in der die ursprünglichen Ländergrenzen nicht mehr existieren, Rassismus aber dennoch allgegenwärtig ist. Dies könnte daran liegen, dass die Menschen in allen Lebensbereichen von Maschinen verdrängt werden oder daran, dass Meinungen nicht mehr hinterfragt, sondern von individuellen Algorithmen nur noch bestätigt und unterfüttert werden. Und so heftet ein jeder den Blick nur auf sein eigenes beschränktes Weltbild und lebt wortwörtlich „in seiner eigenen Welt“.

Es ist eine Welt, in der die Menschen als Nachnamen die Berufsbezeichnung des Vaters oder der Mutter tragen, eine Welt, die durch einen Bewertungsscore definiert wird, der den Zugang zu bestimmten Privilegien regelt und eine Welt, in der der Mensch seine Bedürfnisse nicht einmal mehr äußern muss. Denn ob bei Job-, Partnerwahl oder ganz gewöhnlichen Konsumentscheidungen – das System kennt die eigenen Wünsche noch vor einem selbst und sorgt permanent dafür, dass diese sich erfüllen.

Schlecht, wenn es einem dann so ergeht wie Peter Arbeitsloser, der sich von seinem Algorithmus komplett missverstanden fühlt. Was soll er zum Beispiel mit einem rosa Delfin-Vibrator, den das System ihm einfach ungefragt schickt? Im verzweifelten Versuch, diesen wieder zurückzugeben, wird Peter den Verdacht nicht los, dass er in der „falschen Welt“ lebt. Zusammen mit ein paar traumatisierten und nur allzu menschlichen Androiden macht er sich auf, die Fehler des Systems zu ergründen.

So kreativ Qualityland auch daherkommt, nichts von der Handlung klingt wirklich fremd oder nach abgehobener Sci-Fiction. Das liegt daran, dass Kling in seinen gesellschaftskritischen Momenten einfach nur aktuelle technologische Entwicklungen auf die Spitze treibt und explizit auf ihre Folgen hinweist. Nicht besonders tief- oder hintergründig und stellenweise zu gewollt. In Verbindung mit Klings absurdem Humor aber völlig in Ordnung. Denn offensichtlich will dieser Roman vor allem eines: mit einem Augenzwinkern unterhalten. Wer leichte und dennoch kreative Unterhaltung für den Maßstab einer guten Urlaubslektüre hält und auch schon mit den Känguru-Chroniken seinen Spaß hatte, ist mit Qualityland sehr gut beraten.

Anthony Doerr: Die Tiefe

Emotional – dieses Wort trifft es wohl am besten, um meine Reaktion auf Anthony Doerrs Prosa zu beschreiben. Und so hätte ich es nach Alles Licht, das wir nicht sehen besser wissen müssen, als mich mit diesem neuen Buch von ihm in ein Café zu setzen. So war ein peinlicher Tränenausbruch in der Öffentlichkeit vorprogrammiert. Was aber nicht bedeutet, dass Die Tiefe (2017) – eine Sammlung von sechs Short Stories, die sich stellenweise wie ein Vorentwurf zu Doerrs Pulitzer-Preis-gekröntem Erfolgsroman lesen – keine gute Urlaubslektüre wäre.

Denn gerade in einem entspannten Umfeld kann man sich doch am besten treiben lassen von dem magischen Rhythmus der Worte, kann man sich zurücklehnen und über den Zusammenhang der Dinge sinnieren. In dieser Kurzgeschichtensammlung ist der Zusammenhang die Macht der Erinnerung, die Tatsache, dass es kein Leben gäbe ohne Gedächtnis. Das Leitthema zieht sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten. Sei es in Die Tiefe, in der die Erinnerung an ein Mädchen einen herzkranken Jungen am Leben erhält. Sei es in Dorf, wo durch den Bau eines Staudamms ein ganzes Dorf und damit die Lebenswelt einer tradierten Gemeinschaft ausgelöscht wird. Oder in Nachwelt – die eindringlichste von allen Stories – in der die über 80-jährige Jüdin Esther plötzlich eindringlich von ihrer Kindheit im Waisenhaus und ihrer Deportation und Flucht während der NS-Zeit eingeholt wird.

Als besonders leicht oder sommerlich ließe sich wohl keine dieser Geschichten beschreiben. Und doch waren es gerade die Melancholie, die Hintergründigkeit von Doerrs Prosa, die so manchen ruhigen Sommermoment ungemein bereichert hat.

Jede Stunde, denkt Robert, verschwindet auf dem ganzen Erdball eine unendliche Menge Erinnerungen, ganze strahlende Atlanten verschwinden in Gräbern. Aber während ebendieser Stunde laufen auch Kinder herum und erkunden Territorien, die ihnen völlig neu erscheinen. Sie verdrängen die Dunkelheit und streuen Erinnerungen wie Brotkrumen hinter sich. Die Welt wird neu erschaffen.

(Anthony Doerr: Die Tiefe. Stories)

Was habt ihr diesen Sommer gelesen und war es in euren Augen gute „Urlaubslektüre“?

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