Reisen im Selfie-Zeitalter: Pedal the World // Expedition Happiness

Ein Ausblick auf den Grand Ganyon.
Posen vor schönen Landschaften – zählt das schon als Reisedoku?

Wenn man gerade in der Babyblase lebt, rückt das Reisen, genauso wie das Sich-betrinken-und-bis-in-die-Morgenstunden-Tanzen-gehen, in unerreichbare Ferne. Zum Glück gibt es Filme, die ein bisschen von dieser Reiseaufregung ins heimische Wohnzimmer bringen. Nachdem ich gerade Expedition Happiness und seinen Vorgänger Pedal the World – beide von Netflix als Reisedokus deklariert – gesehen habe, bin ich tatsächlich etwas aufgebracht. Doch nicht wegen der schönen Reisebilder, sondern mehr darüber, dass sich diese Filme überhaupt Reisedokus nennen dürfen.

Von einem Sensationserfolg ist bei Expedition Happiness (2017) die Rede, von einem der erfolgsreichsten deutschen Dokumentarfilme in den letzten Jahren bei seinem Vorgänger Pedal the World (2015) – beide Produktionen von Reise- und Filmamateur Felix Starck. Da fragt man sich: Wie niedrig ist die Erwartungshaltung an Reisedokus heute eigentlich und warum kommt nicht einfach jedes Urlaubsvideo in die Kinos? Außer schönen Landschaftsaufnahmen und jeder Menge Selfie-Posen, wie sie heute wohl ein jeder Tourist auf seiner Kamera hat, gibt es in diesen Filmen nämlich nur eins zu sehen: wie man sich medienwirksam selbst vermarktet.

Pedal the World – Radfahren als Mittel zum Zweck

Wobei Pedal the World noch den größeren Unterhaltungswert von den beiden Filmen bietet. Ein naiver Junge aus der Pfalz (Felix Starck) macht sich mit dem Fahrrad auf, um die Welt zu entdecken. Da mag man noch so kritisch sein. Dieses Vorhaben an sich ist außergewöhnlich und spannend genug, dass man dran bleiben möchte. Um zu erfahren, ob er es wirklich durchzieht, um zu sehen, was er dabei erlebt und ob ihm dabei der angeblich gesuchte Sinn des Lebens aufgeht.

Eines vorneweg: Er schafft es. Doch welche Geschichten ihm unterwegs begegnen – davon schwärmt er jedenfalls – das weiß der Zuschauer auch nach ein und halb Stunden nicht so genau. Windig ist es manchmal und heiß, manchmal regnet es, Reisegefährten kommen und gehen unkommentiert, „geile Berge“ und Meer sieht der Junge oder er bekommt Besuch von Papa oder Freundin. Mittendrin stirbt zu Hause der Opa. Was er aber über die eigene Nabelschau hinaus auf seinen Reisen in 22 (!) Länder auf insgesamt vier Kontinenten erlebt, bleibt ungewiss. Zu sehr ist Felix darauf fixiert, seinen Kampfgeist vor schönen Landschaften zu inszenieren. Und so ist es am Ende keine Reise, die die Freiheit feiert, wie ursprünglich propagiert, sondern mehr eine Challenge, die es schnellstmöglich abzuhaken gilt, um sich endlich zu Hause feiern lassen zu können.

Expedition Happiness – Glück ist, wenn man posen kann

War der fahrradfahrende Junge Felix in seiner Blauäugigkeit noch sympathisch, ist der zum „erfolgreichen Filmemacher“ avancierte Felix im Folgefilm Expedition Happiness kaum mehr zu ertragenDer zweite Film, den Starck diesmal zusammen mit seiner Freundin, Sängerin Mogli, inszeniert, hat mit einer Reisedoku nun wirklich nichts mehr gemein. Vielmehr ist es das halbherzig gedrehte Urlaubsvideo eines verwöhnten Hipster-Pärchens, das zufällig in die Kinos geraten ist.

Denn: Nur weil man einen Schulbus in ein hippes Appartement auf vier Rädern umwandelt, heißt das noch lange nicht, dass man auf seiner Reise mehr erlebt als der Durchschnittsbürger in seinem Wohnmobil. Im Gegenteil bedeutet das, man möchte zwar „reisen“, aber bitte schön ohne auf seine Designer-Stühle verzichten zu müssen. Alaskas Natur und Mexikos Kultur genießen, aber doch bitte ohne die Komfort-Zone zu verlassen, außer vielleicht um mal mit dem Hund Gassi zu gehen. Welcher übrigens schon bald schlapp macht, weil seine Herrchen wohl vergessen hatten, sich darüber zu informieren, ob das Klima auf dem amerikanischen Kontinent ihm bekommt. Wie sie sich auch sonst nur wenig über die Länder, die sie bereisen, informiert zu haben scheinen (Boah, es gibt echt Narcos in Mexiko?).

Und so bildet der Höhepunkt dieses unspektakulären Reisevideos ein frustrierter Besuch bei der amerikanischen Einreisebehörde, der zu einem Drama hochgekocht wird, damit es überhaupt etwas zu erzählen gibt. Ich erwarte von so einer Doku ja wirklich nicht, dass sie mir die Welt erklärt (oder vielleicht doch?), aber schon, dass das ganze zumindest ansatzweise hält, was es verspricht. Von einer Expedition oder gar der Suche nach Glück findet sich hier jedenfalls keine Spur, vielmehr ist der Film ein Musterbeispiel der Selbstvermarktung. Nicht auf der Suche nach Glück sind seine Darsteller, sondern auf der Suche nach einem Fotomotiv für Instagram, nach einer Kulisse, die sie in möglichst gutes Licht taucht. Immerhin läuft die Musik von Sängerin, „Darstellerin“ und „Regisseurin“ Mogli nicht umsonst die ganze Zeit penetrant im Hintergrund.

Respekt für diese Marketing Skills, aber im Kino hätte ich für diese Mogelpackung mein Geld zurückverlangt.

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